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Später Triumph für Ost-Schriftstellerin

Größte Überraschung beim berühmten Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt ist eine Autorin, die Kult war in der DDR. Helga Schubert, 80 Jahre alt, ist eingeladen.

Der berühmteste Lesewettbewerb im deutschsprachigen Raum ist nach Ingeborg Bachmann benannt. Das Ausnahmetalent starb 1973 im Alter von 47 Jahren auf tragische Weise nach einem Brand in ihrer Wohnung in Rom, den sie mit einer Zigarette verursacht hatte.
Der berühmteste Lesewettbewerb im deutschsprachigen Raum ist nach Ingeborg Bachmann benannt. Das Ausnahmetalent starb 1973 im Alter von 47 Jahren auf tragische Weise nach einem Brand in ihrer Wohnung in Rom, den sie mit einer Zigarette verursacht hatte. © picture-alliance / dpa

Manchmal genügt ein Satz. Der prägt sich für immer ein. Er steht in einer Geschichte von Helga Schubert, veröffentlicht in ihrem Debütband „Lauter Leben“ 1975 in der Edition Neue Texte beim Aufbau-Verlag. Das Buch kostete fünf Mark vierzig. Der Satz heißt: „Lieber ein blutiges Ohr und zufrieden.“ Das las sich in der DDR als Aufforderung zum Widerspruch, und das liest sich heute genauso.

Jetzt ist Helga Schubert 80 Jahre alt und zum Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen. Sonst treffen sich dort meist Neulinge des Literaturbetriebs. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der österreichischen Landeshauptstadt Klagenfurt gestiftet, der Geburtsstadt der Namenspatronin.

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Klagenfurt ist eine Institution, ist Spektakel, Autorenbörse, Spiegel der Eitelkeiten und berühmt-berüchtigt als Schlachteplatte. Sieben Juroren streiten um Kleinigkeiten und Maßstäbe. Sie reden gern Klartext, sodass schon mancher Kandidat an Schmerzensgeld dachte und nie wieder von sich hören ließ. Für andere war es der Beginn der Karriere, wie etwa 2004 für den Dresdner Uwe Tellkamp.

An diesem Mittwoch geht es los. Helga Schubert stand schon mal auf der Gästeliste. Warum sie 1980 nicht reisen durfte, las sie später in ihrer Stasi-Akte. Kein Mitglied des DDR-Schriftstellerverbandes sollte nach Klagenfurt fahren, weil Autoren dort „manipuliert wurden“. Zudem sollte „keinesfalls der Eindruck einer gesamtdeutschen Literatur“ entstehen.

In diesen Akten las sie auch, dass dem Ministerium für Staatssicherheit schon 1977 bekannt war, „dass ich die Methoden in der DDR, mit politisch Andersdenkenden umzugehen, für faschistisch hielt“, so die Autorin. Trotzdem blieb sie im Unterschied zu anderen Literaten weitgehend unbehelligt. Das könnte daran gelegen haben, schreibt sie in einem Essay, dass sie dieses System nicht verbessern wollte, sondern grundsätzlich ablehnte. Der Essayband trägt den treffenden Untertitel „Leben im Gegensatz“.

Mehr Gewicht für Ost-Autoren

Außerdem war Helga Schubert nicht erpressbar. Sie brauchte nicht um Veröffentlichungen und Aufträge im Osten zu kämpfen. Sie hatte an der Humboldt-Universität Psychologie studiert und arbeitete 23 Jahre lang als Fachpsychologin der Medizin, bis 1987. In den Wendemonaten saß sie als parteilose Pressesprecherin am zentralen Runden Tisch. Das Wichtigste an der Wiedervereinigung sei für sie das „Inruhegelassenwerden“ gewesen, sagte sie, „dieses Nichtmehrbeachtetwerden, diese wohltuende Distanz, dieses Anonyme“.

Ihre Menschenkenntnis prägt auch ihre Literatur. Mit wie viel liebevoller Ironie porträtierte sie zum Beispiel die Frauen in der Erzählung „Meine alleinstehenden Freundinnen“: Sie sind alle sehr einzigartig mit ihren Altbauwohnungen, den selbst verfertigten Türschildern, den weiß lackierten Küchenmöbeln und den üppigen Buchregalen, in denen sich der Fernseher versteckt. Und wie genau zeichnete sie das Bild einer krebskranken Frau im Film „Die Beunruhigung“, der mit Christine Schorn in der Titelrolle zu den besucherstärksten DEFA-Streifen in der DDR zählte.

Nach Klagenfurt kam Helga Schubert dann doch. In der DDR-Kulturpolitik blies ein kleiner frischer Wind. Schon 1978 hatte Ulrich Plenzdorf den Bachmann-Preis für die Geschichte „kein runter, kein fern“ gewonnen. Den Text hatte er für den Sammelband „Berliner Geschichten“ geschrieben, der dann erst mit zwei Jahrzehnten Verspätung bei Suhrkamp erschien. Helga Schubert saß von 1987 bis 1990 in Klagenfurt in der Jury. Ostdeutsche Stimmen bekamen Gewicht. Die Autoren Katja Lange-Müller, Uwe Saeger, Angela Krauß und Wolfgang Hilbig wurden mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet. Er wird seit 1977 jährlich vergeben. Mindestens so wichtig ist das Raunen darum herum, wenn die Scouts der Verlage abends beim Wein am Wörthersee um literarische Talente werben und sie auf ihre Vermarktbarkeit testen.

Das fällt nun aus. Zunächst sollte der gesamte Wettbewerb wegen Corona gestrichen werden. Denn körperliche Anwesenheit ist Pflicht. Mitglieder der Jury erstritten jedoch eine Ausnahme. Sie wurden in ihren Wohnungen mit Kameras ausgestattet. Das erspart den Zuschauern Aufnahmen vom Laptop mit unscharfen Kinnpartien am Küchentisch.

„Dürfen Schwarze Blumen malen?“

Die Lesungen der 14 Bewerber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden vorab aufgezeichnet. Die Reihenfolge wird erst an diesem Mittwoch ausgelost. Jeder hat 25 Minuten Zeit. Mit einigem patriotischen Willen lässt sich behaupten, dass Sachsen gleich zweifach vertreten ist. Matthias Senkel, 1977 in Greiz geboren, lebt in Leipzig und war 2018 mit seinem Roman „Dunkle Zahlen“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Katja Schönherr stammt aus Marienberg, wuchs in Dresden auf und studierte Journalistik und Kulturwissenschaften in Leipzig. Seit etwa zehn Jahren lebt sie in Zürich. Im Vorjahr erschien ihr Debütroman „Marta und Arthur“.

Zur Eröffnung hält die dunkelhäutige britisch-deutsche Bachmannpreisträgerin von 2016, Sharon Dodua Otoo, eine Rede mit der provozierenden Frage: „Dürfen Schwarze Blumen malen?“ Die Eröffnung des Wettbewerbs, alle Lesungen und Diskussionen sind auch als Live-Stream auf 3sat.de und unter bachmannpreis.orf.at mitzuerleben. Der Sieger wird am Sonntagmittag bekannt gegeben. Oder die Siegerin. Die Texte von Helga Schubert, so die Dichterin Sarah Kirsch, ermuntern: „Eher lassen wir uns vom Donner erschmeißen, bevor wir uns mit Verhältnissen begnügen, die nicht menschlich sind.“

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