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„Spätestens Mitte 2019 fällt die Entscheidung“

OB Thomas Zenker spricht mit der SZ über eine Bewerbung Zittaus zur kontinentalen Kulturhauptstadt und wie die Chancen dafür stehen.

© Archivfoto: Matthias Weber_

Von Thomas Mielke

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Zittau. Langsam wird aus der Theorie Praxis: Mit der Bindung von Jenix-Frontfrau Jenny Böttcher für die Vorbereitungsphase auf eine mögliche Bewerbung für die Kulturhauptstadt Europas 2025 hat die Stadt ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) sagt im SZ-Gespräch, wie es weitergehen soll und wie die Chancen für Zittau stehen:

Herr Zenker, es sind immer wieder Stimmen zu hören, die sagen: Zittau hat doch sowieso keine Chance. Hat Zittau überhaupt eine Chance?

Ja, natürlich. Sonst würden wir nicht antreten. Aber welche Vorhaben dieser Größenordnung treffen denn nicht auf Kritiker?

Worin liegen Zittaus Chancen im Vergleich mit Dresden, Nürnberg und anderen möglichen Mitbewerbern?

Da gibt es viele Punkte. Ein gewichtiger Faktor ist unsere Lage im Dreiländereck. Oder die Oberlausitz-Allianz, die sich bereits rund um die Zittauer Bewerbungsabsicht gefunden hat. So etwas hat es übrigens sehr lange nicht gegeben. Zudem diskutieren wir auf deutscher und europäischer Ebene das Thema Urbanisierung, also Metropolen versus ländlicher Raum. Ich bin mir sicher, dass der ländliche Raum eine Zukunft hat und lebenswert ist. Diese Zukunft, die auch Europa braucht, wollen wir mit unserer Bewerbung skizzieren.

Die Menschen ziehen aber in die Großstädte und nicht aufs flache Land. Punkten da nicht eher die Metropolen?

Es wäre merkwürdig, wenn die Großstädte nicht stark wären. Die Attraktivität von Dresden, Leipzig und Chemnitz ist selbstverständlich eine andere als unsere. Für mich liegt die Betonung im Unterschied zu ihnen. Ich bin überzeugt, dass man hier bei uns und in vergleichbaren Städten ein erfüllteres und gesünderes Leben führen kann. Das wollen wir klarmachen. Was uns dabei von anderen Städten im ländlichen Raum unterscheidet, ist der besondere Charakter des Dreiländerecks, der auf die gesamte Oberlausitz ausstrahlt.

Bitte nennen Sie drei Punkte, mit denen sich Zittau bewerben will.

Ich glaube, wenn Sie nach drei Punkten fragen, muss ich noch einmal erklären, wie man sich überhaupt bewirbt. Ein konkreter Punkt wäre zum Beispiel zu sagen, welche Events wir für das Kulturhauptstadtjahr planen. Soweit sind wir aber noch lange nicht. Jetzt müssen wir erst einmal beschreiben, was unsere Stadt und Region ausmacht, was daran exemplarisch für Europa steht und wohin wir uns in Zukunft entwickeln wollen. Ganz besonders schaut die Jury darauf, welchen europäischen Mehrwert eine Bewerbung verkörpert.

Warum stehen Zittau und die Oberlausitz exemplarisch für Europa?

Wir sind hier auf so vielen Ebenen mit unseren beiden Nachbarländern und ihren Einwohnern vernetzt, dass es Auswärtigen gar nicht einleuchten will, dass das für uns schon selbstverständlich ist. Wir haben seit 27 Jahren daran gearbeitet, dass das eine nutzbringende Normalität wird. Kultur, Sport, Bildung und Projekte von ehrenamtlichen Vereinen sind sicher die Vorreiter gewesen, aber auch in den Bereichen Verwaltung, Wirtschaft und Tourismus passiert inzwischen richtig viel. Beispiele aus dem kulturellen Bereich sind das Neißefilmfestival, das Theaterfestival J-O-S oder das Jugendprojekt laterna futuri. Andere Bereiche sind die Hochschulen und Universitäten der Region, die Handelskammern ... Wenn Sie mich weiter Beispiele aufzählen lassen, reicht Ihr Platz in der Zeitung nicht aus. Außerdem wird es sehr spannend, wenn wir mit unseren Partnern die Themen bearbeiten, die sich aus unserer Historie ergeben. Fast zwei Drittel der Bevölkerung auf der deutschen Seite ist durch das familiäre Umfeld mit den Themen Flucht und Vertreibung vertraut. Das betrifft auch unsere Nachbarländer. Wenn wir dann sehen, wie sich das Dreiländereck heute aufgestellt hat und zum Beispiel mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik des Jahres 2015 umgeht, dann sieht man, wie besonders unser Gebiet für ganz Europa sein kann. Das ist übrigens auch einer der Gründe dafür, warum wir uns mit Nova Gorica in Slowenien bei der Bewerbung verbinden wollen. Dort gibt es eine ganze ähnliche Situation, nur andere Beteiligte.

Wie wollen Sie alle diese Partner unter einen Hut bringen?

Jetzt treffe ich erst einmal mit dem Landrat unsere Partner in Slowenien, um die Themen für eine Zusammenarbeit herauszufiltern. Ähnlich wird das auch mit den Partnern aus unserer Region, die sich engagieren wollen. Eines steht für mich fest: Jeder Partner muss erkennen können, worin für ihn der Mehrwert der Zittauer Bewerbung besteht. Die Themen, mit denen sie sich dann präsentieren wollen, sollen unsere Freunde im Sechs-Städte-Bund, in den Landkreisen, den kleineren und größeren Kommunen im Dreiländereck und im Naturpark Zittauer Gebirge selber finden und auswählen. Unsere Bewerbung wird nur dann erfolgreich sein, wenn jeder sein Bestes einbringt.

Sie sprechen meist in der Wir-Form. Wer sind „wir“?

Diese Aufgabe übersteigt die Möglichkeiten einer Stadtverwaltung bei Weitem. Deshalb bauen wir gerade ein Team auf, dass möglichst schnell ins Arbeiten kommen soll. Ich bin froh, dass wir kurzfristig die Frontfrau der Zittauer Band Jenix, Jenny Böttcher, auf Honorarbasis für die Vorbereitungsphase an ihre Heimatstadt binden konnten. Aus der Bürgerschaft kommen auch schon Ideen und ein Förderverein soll gegründet werden. Die Ausschreibungen für das Kulturhauptstadt-Team bereiten wir gerade vor.

Wie viele Stellen werden das sein?

Unser Ziel ist, vier Stellen auszuschreiben. Das Team soll das Projekt inhaltlich untermauern und das Prozedere von der Bürgerbeteiligung bis zum Sponsoring managen.

Wann werden Sie ausschreiben?

In Kürze soll die Ausschreibung für die ersten zwei Stellen veröffentlicht werden, die an die Dauer des Prozesses und an das Budget gekoppelt sind.

Wo werden die Mitarbeiter sitzen?

Das diskutieren wir gerade. Mir wäre es sehr wichtig, dass sie an einem gut sichtbaren Ort im Herzen unserer schönen Stadt angesiedelt wären.

Steht denn das Budget?

In Teilen. Wir haben über Spenden erste Eigenmittel eingenommen, um an entsprechenden Förderprogrammen teilnehmen zu können. Dabei stimmen wir uns insbesondere mit dem Landkreis ab. Was wir als Stadt und Landkreis selbst einbringen, hängt von der laufenden Diskussion über die Nachtragshaushalte ab.

Wie viele Spenden sind eingegangen?

Bisher 35 000 Euro. Mit weiteren Spendern sprechen wir gerade.

Wann steht fest, ob sich Zittau bewirbt?

Wenn nach einer Bürgerbeteiligung der Stadtrat unserem Bewerbungskonzept zustimmt.

Wann rechnen Sie mit der Bürgerbeteiligung und dem Stadtratsbeschluss?

Wenn der Aufruf zur Bewerbung durch die Kulturstiftung der Länder erfolgt ist, beginnt die Uhr offiziell zu ticken. Dann bleiben zehn Monate Zeit, um die Bewerbung zu erstellen. Noch in diesem Jahr wird es allerdings sowohl im Kreistag als auch im Stadtrat die Entscheidungen über die Doppelhaushalte 2019/2020 von Landkreis und Stadt geben. Davon hängt ab, wie viel Geld wir zur Verfügung haben werden.

Der Aufruf soll im Herbst erfolgen. Also steht etwa Mitte 2019 endgültig fest, ob sich Zittau bewirbt?

Ja, spätestens dann steht fest, ob ich der Auswahl-Jury eine qualifizierte Bewerbung vortragen darf.