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Spaltet Claudia Pechstein den Eissport-Verband?

Mit ihrer Kritik will die Olympiasiegerin aufrütteln, doch ein Athletensprecher aus Dresden kritisiert jetzt ihre Methoden.

Von Alexander Hiller
 5 Min.
Claudia Pechstein ist seit Jahren mit Abstand die erfolgreichste und bekannteste deutsche Eisschnellläuferin. Doch ihre Kritik am Verband ist umstritten.
Claudia Pechstein ist seit Jahren mit Abstand die erfolgreichste und bekannteste deutsche Eisschnellläuferin. Doch ihre Kritik am Verband ist umstritten. © Robert Michael

Wie weit darf eine populäre Athletin mit ihrer Kritik am eigenen Verband gehen? An dieser Frage scheiden sich im deutschen Eisschnelllaufsport die Geister. Die fünffache Olympiasiegerin Claudia Pechstein hat zweifellos genügend Ansätze, ihren Dachverband zu kritisieren. Bundestrainer Erik Bouwman hat über die 47-Jährige salopp gesagt, dass er „keinen Bock habe“, mit ihr zusammenzuarbeiten. Dafür hat sich der Holländer inzwischen entschuldigt, dennoch bleibt die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) auf Führungsebene angreifbar. Zudem hat seit Jahren kein deutscher Nachwuchsathlet den Sprung in die Weltspitze geschafft. Das kritisiert Claudia Pechstein – zu recht.

Allerdings wählt die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin dafür ausschließlich den öffentlichen Weg, über Interviews, Briefe auf ihrem Facebook-Account oder über Äußerungen ihrer Mannes und Managers Matthias Große. Das sorgt in der Szene für Verstimmung, auch die Athleten sind unterschiedlicher Meinung. Es gibt die Fürsprecher und jene, die die kompromisslose, direkte und öffentliche Art der Berlinerin mindestens als unglücklich empfinden. 

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Zu Letzteren gehört Leon Kaufmann-Ludwig. Der in Dresden lebende Shorttracker ist einer von zwei Athletensprechern. „Aus meiner Sicht“, betont der 23-Jährige, „ist das nicht imagefördernd. Das ist eine Katastrophe für die Außendarstellung des Verbandes, die sowieso in den letzten zwei, drei Jahren gelitten hat.“

Athletensprecher Leon Kaufmann-Ludwig 
Athletensprecher Leon Kaufmann-Ludwig  © photoarena/Thomas Eisenhuth

Kaufmann-Ludwig meint beispielsweise die Entmachtung von DESG-Sportdirektor Robert Bartko nach den medaillenlosen Olympischen Spielen von Pyeongchang. „Dann tritt Claudia Pechstein öffentlich deutlich nach in dem vollen Wissen, dass sie viele Unterstützer hinter sich hat. Sie versucht, irgendwelche Interessen durchzudrücken, die mir unverständlich sind. Sie kämpft da einen Kampf, der irgendwie nicht nachvollziehbar ist“, sagt Kaufmann-Ludwig.

Dass Pechsteins Kritik inhaltlich nachvollziehbar ist, bestätigt er. Ihn stört die Wahl der Mittel. „Ich halte das Konzept mit dem öffentlichen Brief aus Sportlersicht in Ausnahmefällen für gerechtfertigt, wenn es der letzte Ausweg ist, man also vorher mit mehreren Anläufen gescheitert ist und nicht angehört wurde. Wenn es aber die erste Wahl auf der Eskalationsstufe ist“, erklärt der Athletensprecher, „ist das nicht im Sinne dessen, was wir alle wollen. Letztlich sind wir alle abhängig vom Verband – und wir Athleten sind auch der Verband“, betont der Shorttracker.

Mit der Suche nach Öffentlichkeit vermittelt Claudia Pechstein mitunter den Eindruck, sie treibe die ohnehin angezählten und auch noch verschuldete DESG vor sich her, anstatt gemeinsam nach konstruktiven Lösungsansätzen zu suchen. Andere wiederum halten das für die berechtigte Dauerkritik einer weltweit anerkannten Ausnahmeathletin.

Claudia Pechstein ist die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin.
Claudia Pechstein ist die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin. © Stas Filippov/AP/dpa

Die Aussage vom Eisschnelllauf-Bundestrainer Bouwman hält Kaufmann-Ludwig auch für despektierlich. „Aus meiner Sicht hatte sie aber bisher auch wenig Interesse daran, mit der Nationalmannschaft zu trainieren, vielleicht hat sich das geändert“, sagt der gebürtige Münchener. Der lange verletzte Shorttracker empfindet viele Aussagen des Duos Pechstein/Große als populistisch. Der Lebenspartner von Claudia Pechstein kritisierte in einem Interview mit dem ZDF offen die Konzeptlosigkeit des Verbandes und brachte sich selbst als Nachfolger der zurückgetretenen Präsidentin Stefanie Teeuwen ins Gespräch. „Sicher hat er valide Punkte angesprochen, strukturelle Probleme. Aber in der Öffentlichkeit hat das aus meiner Sicht nichts zu suchen“, betont Kaufmann-Ludwig.

Der Athlet bezweifelt, ob die Expertise des Geschäftsmannes ausreicht, die in erster Linie daraus besteht, der Partner der erfolgreichsten deutschen Winter-Olympionikin aller Zeiten zu sein. „Große spricht bei seiner Kritik von dem Bundestrainer, was schon mal zeigt, dass er vom Organigramm des Verbandes keine Ahnung hat. Unter dem Präsidium gibt es nun mal den Bundestrainer für Shorttrack und den für Eisschnelllauf“, sagt Kaufmann-Ludwig. „Alles, was die beiden sagen, ist auf den Eisschnelllauf gemünzt. Noch nie ist da ein Satz zum Shorttrack gefallen. Die beiden sprechen vom Verband immer nur als Vertreter vom Eisschnelllauf“, moniert der Student für Wirtschaftsingenieurwesen.

Dabei ist Shorttrack innerhalb der Dachorganisation eine gleichberechtigte Sportart, die auch aufgrund der Eisschnelllauf-Krise sogar auf dem Weg ist, die erfolgreichere Disziplin zu werden. In der Satzungsordnung des Verbandes steht: „Jedes Mitglied ist verpflichtet, den Verbandszweck zu fördern, sich so zu verhalten, dass das Ansehen ... der DESG, der LEV und der Vereine nicht geschädigt wird.“ 

Die Art und Weise stört

Interpretiert man die Kernaussagen von Kaufmann-Ludwig sachlich, ist das Verhalten von Pechstein zumindest nicht förderlich – also das Gegenteil davon. Wäre die DESG ein professionell geführter Verein, hätte der sicher schon die eine oder andere Abmahnung wegen vereinsschädigenden Verhaltens aussprechen können. Mindestens. Es mag Leute geben, die bezweifeln, ob dem Verband überhaupt noch zu schaden sei. Eine Ausbootung Pechsteins hält Kaufmann-Ludwig auch für den falschen Weg. „Beide Seiten sollten für Gespräche offen sein. Inwieweit die dann umgesetzt werden, ist abzuwarten“, sagte er.

Allerdings greift der öffentliche Zwist zwischen Pechstein und der DESG zunehmend auch auf andere Athleten über. Von Spaltung ist die Rede. „Unter uns Shorttrackern ist das recht eindeutig, da hat niemand so richtig Verständnis für das Verhalten von Claudia Pechstein. Die Tendenz, die ich erfahre, ist, dass der Großteil der Sportler nicht versteht, welchen Kurs sie da fährt. Auch wenn sie, nach eigener Aussage, meistens für die Masse der Athleten spricht. In einigen Punkten, die sie anspricht, hat sie sicher große Rückendeckung, aber mit der Art und Weise verstört sie viele zugleich“, meint der Athletensprecher, der Pechstein persönlich nur sehr oberflächlich kennt.

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Kaufmann-Ludwig wirbt für eine vorwärtsgewandte Diskussion. „Es gibt Sportler, die noch größere Perspektiven vor sich haben als Frau Pechstein, auch, wenn sie immer noch und zu recht einen großen Namen hat. Der Verband wird aber noch über ihre Karriere hinaus existieren“, betont der Eissprinter, der nach einer Schulter-OP und einer Kreuzbandverletzung wieder zum deutschen Weltcup-Team zählt.

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