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Spannende Anfänge und ein guter Ausgang

Wolfgang Schmitz war der letzte Landrat des Kreises Hoyerswerda.

Wolfgang Schmitz ist heute 83 Jahre alt. Der ehemalige Landrat, Stadtrat und Abgeordnete des Landtages lebt in einer Wohnung in Hoyerswerdas Neustadt – und befasst sich unter anderem mit
der Mineralogie.
Wolfgang Schmitz ist heute 83 Jahre alt. Der ehemalige Landrat, Stadtrat und Abgeordnete des Landtages lebt in einer Wohnung in Hoyerswerdas Neustadt – und befasst sich unter anderem mit der Mineralogie. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Wolfgang Schmitz, 1937 in Eschwege in Hessen geboren und in Brandenburg aufgewachsen, lebt seit 1965 in Hoyerswerda. Von 1990 bis 1995 war er Landrat des damaligen Kreises Hoyerswerda. Er blieb der einzige nach der Wende, ab 1996 gab es diesen Kreis nicht mehr, Hoyerswerda wurde nun kreisfreie Stadt. 1999 wurde Wolfgang Schmitz für die CDU in den Sächsischen Landtag gewählt. Bis 2004 war er Mitglied im Ausschuss für Bauen, Wohnen und Verkehr sowie im Ausschuss für Umwelt- und Landesentwicklung. Mitglied des Stadtrates war er von 1999 bis 2003.

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Wir trafen Wolfgang Schmitz in seiner Wohnung in der Neustadt, in der er seit dem Tod seiner Frau allein lebt. Tief gebückt öffnet er die Tür und bittet freundlich herein. Zunächst fallen die zahlreichen Mineralien, für Laien wunderschöne Steine, im Eingangsbereich auf. Wie in einer Ausstellung werden sie liebevoll präsentiert. Bei dem studierten Geologen und Geowissenschaftler spürt man sofort das ganz besondere Interesse für besondere Funde aus der Tiefe der Erde. Die Frage nach der Gesundheit beantwortet der lebenskluge Mann mit den Worten: „Es geht mir gesundheitlich gut. Mein Arzt attestierte mir neulich, ich hätte Werte wie ein 40-Jähriger.“ Ich nehme mir vor, nie mehr wegen kleinerer Zipperlein zu jammern und frage, wie der Alltag eines Landrates a. D. im Allgemeinen so aussieht.

Immer noch oft unterwegs

„Nun, der ist schon geruhsamer geworden“, sagt Wolfgang Schmitz nachdenklich. „Ich bin sehr froh, dass ich vieles noch alleine machen kann, den Haushalt, die Einkäufe. Bei größeren Sachen hilft mir mein jüngster Sohn. Er lebt in Freiberg, der Kontakt ist intensiv. Der ältere Sohn lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main. In Freiberg bin ich recht oft. Ich werde dann geholt, denn ich möchte nicht mehr allein auf der Autobahn unterwegs sein. Aber in Hoyerswerda fahre ich noch selbst. Ich habe auch so einen Rollator, der ist im Keller; für den Notfall. Ich verlasse mich auf meinen Stock und wenn einmal eine etwas längere Strecke ansteht, nehme ich Walkingstöcke. Da bin ich «auf vier Beinen» unterwegs.“ Unterwegs ist Wolfgang Schmitz oft, seine Interessen sind vielseitig. Von Corona wurde aber auch er ein wenig ausgebremst, denn Begegnungen waren erst einmal nicht möglich. Er arbeitet und forscht in der Vereinigung der Freunde der Mineralogie und Geologie e. V., ist Mitglied im VdK und nutzt auch gern die Angebote des Kulturbundes in der Langen Straße. Zu den Vereinen und deren Mitgliedern bevorzugt er den direkten Kontakt: „Wissen Sie, ich habe keinen Computer und bin somit auch nicht am Internet. Ganz bewusst habe ich das nach meinem Ausscheiden aus den Ämtern so entscheiden. Ich wollte es meiner Frau einfach nicht antun, mich den ganzen Tag am Rechner sitzen zu sehen. Ich sehe bei meinen Enkeln, wie oft sie im Netz unterwegs sind. Manchmal bereitet mir das ein wenig Sorge – aber die Zeiten sind heute wohl so und die Technik hat ja auch viel Gutes.“

„Aber ja“, greift er die Ausgangsfrage noch einmal auf. „Mein Tagesablauf ist schon geruhsamer geworden. Als Landrat habe ich oft ganz schön überzogen. Ich bin morgens um vier Uhr aufgestanden und mit dem ersten Bus ins Landratsamt in die Altstadt gefahren. Waren Ausschüsse oder Sitzungen, endete der Tag erst in den späten Abendstunden. Das hat schon sehr gefordert.“ Wolfgang Schmitz‘ Herz schlägt für die Mineralogie, für Geschichte und für Politik. Hat seine Begeisterung für Gesteine und Gesteinsschichten ihn in die Lausitz verschlagen? „Aber nein! Nach dem Abitur habe ich Geowissenschaften studiert, mit dem Abschluss als Diplom-Geologe. Von 1963 bis 1965 war ich als einziger Geologe im Institut für Zement in Dessau angestellt. Ich war viel unterwegs, es war eine spannende Zeit. Aber eine Wohnung bekamen wir in Dessau nicht. In der Lausitz, so erfuhr ich, gibt es Arbeit und Wohnungen. So kamen wir als junge Familie nach Hoyerswerda. Dabei wollte ich eigentlich nicht in die Braunkohle“, sagt Wolfgang Schmitz nachdenklich. Dennoch kam er 1965 in die Lausitz, bis 1990 war er als Rohstoffgeologe in der Braunkohlenindustrie beschäftigt - und er wurde Hoyerswerdaer. Hätte er sich damals vorstellen können, Berufspolitiker zu werden? Die Weichen waren eigentlich schon recht früh gestellt, doch wissen konnte das damals noch keiner. „Als ich im Wissenschaftlich-Technischen Institut in Spreetal ankam, war ich stellvertretender Hauptabteilungsleiter. Es fehlten noch überall Leute – ich war in einer Leitungsfunktion. Es dauerte nicht lange, bis ich mich mit der Frage zum SED-Eintritt konfrontiert sah. Darauf hatte ich keine Lust. Ich war evangelisch und sagte: Dann gehe ich in die CDU. Ich hatte einen guten Kollegen; der das gleiche Problem hatte. Er war nicht kirchlich, trotzdem wurde auch er CDU-Mitglied. Das SED Problem war erst einmal gelöst. Nicht zu lösen war, dass bei der Erarbeitung von wichtigen wissenschaftlichen Gutachten, die unter Verschluss behandelt werden mussten, immer jemand dabeisaß. Der Kollege war sicher fachlich kaum in der Lage, unsere Arbeit zu beurteilen. Doch das war auch nicht seine Aufgabe. Er hatte zu schauen, dass nichts in die falschen Hände oder auf die falsche Seite geriet ...“

Später war Wolfgang Schmitz CDU-Kreisvorsitzender, im Ehrenamt würde man heute sagen. 1989, in der Wendezeit, wurden neue Köpfe für die zu erwartenden neuen Strukturen gesucht. „Ich sollte in der Modrow-Regierung zuerst stellvertretender Wirtschaftsminister, wenig später Minister werden. Ich lehnte ab, auch in die letzte Volkskammer wollte ich nicht. Am Runden Tisch in Hoyerswerda arbeitete ich mit. Dort hieß es nun: Du warst immer kritisch. Und jetzt kneifst du? Bei der Wahl zum Landrat lehnte ich nicht mehr ab. Ich bekam 98 Prozent der Stimmen.“ Das alles jährt sich in diesem Jahr zum 30. Mal. Was war für Wolfgang Schmitz wohl das Schönste, das er für den Kreis Hoyerswerda auf den Weg bringen konnte? „Zu den sichtbaren Erfolgen zählen zweifellos das ehemalige Straßenverkehrsamt, heute Bürgeramt der Stadt, und das Berufsschulzentrum. Die Berufsschüler lernten damals ja unter unsäglichen Bedingungen. Im 1.000-Mann-Lager fand der Unterricht statt, in Baracken mit Ofenheizung. Gleich nach meinem Amtsantritt waren Vertreter der Lehrerschaft bei mir und baten um schnelle Hilfe. Bei einem privaten Besuch in Hessen, in Witzenhausen, sah ich wenig später bei einer Stadtbesichtigung an einem Gebäude das Schild «Berufsschulzentrum». Als ich wieder zu Hause war, sagte ich zu meiner Mannschaft: Wir brauchen ein Berufsschulzentrum! Klaus Haupt, damals Dezernent für Bildung fragte: Ist das ein Auftrag? Ich bestätigte. 1995 konnten wir unser BSZ einweihen. Es war toll gearbeitet worden. Obwohl der Siemenskonzern Generalauftragnehmer für den Bau war, hatten auch wir immer einen Bauleiter vor Ort. Das Ergebnis kann sich heute noch sehen lassen.“

Zoff mit der Promedica

Nicht so gern denkt Schmitz an die Zeit zurück, als das Klinikum in raue See geriet. „Es gehörte ja damals dem Kreis und hatte im Haus praktisch keine Leitungsebene. Wir brauchten dringend einen Träger, der sich mit der Führung eines solchen Hauses auskennt. In dieser Situation tauchten Herren aus Trier auf und waren interessiert. Sie beriefen sich auf die Caritas und vertraten eine Tochtergesellschaft, die Promedica. Wir hatten uns damals in Trier nach dieser Gesellschaft erkundigt, es lag nichts Negatives vor, so erfuhren wir. Die Übernahme schien perfekt, Geschäftsführer wurde ein Henning Stoerk. Sein Dienstwagen, so sagte er später einmal, hatte früher Erich Mielke gehört.“ Eines Tages kam der damalige ärztliche Direktor, Dr. Wolfgang Reichert, mit großen Sorgen ins Amt, erzählt Schmitz: „Er sagte: Wir müssen das Klinikum schließen. Wir haben kein Geld mehr, nicht einmal für Desinfektionsmittel. Ein erster Kredit in Höhe von 6,5 Millionen DM musste zur Rettung aufgenommen werden, wenig später ein weiterer über 6,3 Millionen. Bald darauf erhielten wir einen Anruf von der Dresdener Bank mit der dringenden Forderung, die Geschäftsbeziehungen zu Promedica und zu Herrn Stoerk sofort abzubrechen. Wir klagten gegen Promedica, das Verfahren beschäftigte uns und später die Stadt noch sehr lange.“

Dicke Autos und schicke Anzüge

Solche Erfahrungen machten damals viele Kommunen. Wolfgang Schmitz war jedoch nun mehr als sensibel geworden. „Einmal bekamen wir Besuch von einer Gesellschaft, die Wasserflugzeuge bauen wollte. Mit dicken Autos und schicken Anzügen rückten die Herren an, sie interessierten sich für Wassergrundstücke als Testgelände. Wir fragten nach einem Geschäftsportfolio – sie schoben einen bunten Flyer mit Fotos von kleinen Privat-Jets über den Tisch. Den hatten sie wohl irgendwo auf einem Flughafen mitgenommen. Mehr hätten sie nicht, sie seien ja nur die Kaufleute. Meine Forderung lautete: Verlassen Sie das Landratsamt innerhalb der nächsten zehn Minuten!“ Wolfgang Schmitz kann einige solcher Geschichten erzählen, doch wir wollen vor allem immer wissen, wie es unseren Gesprächspartnern heute so geht. Und aktuell ist Mittagszeit. Das Einstein-Casino wartet schon auf den ehemaligen Landrat– und wir werden bald noch einmal wiederkommen. Es war spannend. Danke, Herr Schmitz - und bis bald.

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