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Sparkassenkunden drohen Negativzinsen

Die kommunalen Geldhäuser in Sachsen wachsen, aber verdienen weniger Geld. Das hat auch für Sparer Folgen.

Der Geschäftsführer des Ostdeutschen Sparkassenverbands kündigt an, dass einzelne Banken Sparzinsen erheben könnten.
Der Geschäftsführer des Ostdeutschen Sparkassenverbands kündigt an, dass einzelne Banken Sparzinsen erheben könnten. © dpa

Michael Ermrich, Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, war nach eigenen Worten „schon überrascht davon, was da in Vogtland passiert ist“. Die Sparkasse Vogtland hatte in der vergangenen Woche für mächtigen Wirbel gesorgt mit der Nachricht, ab sofort neu eröffnete Girokonten mit Beträgen über 5.000 Euro mit einem Negativzins von 0,7 Prozent zu belasten. Negativzins bedeutet, Kunden müssen dafür bezahlen, dass Banken ihr Geld aufbewahren. Auch Bestandskunden sollten beim Kontowechsel davon betroffen sein. Nach massiver Kritik hatte das öffentlich-rechtliche Kreditinstitut diese Entscheidung zurückgenommen. Ermrich nannte sie am Donnerstag auf der Jahrespressekonferenz „nicht zeitgemäß“ und man wüsste auch nicht beim OSV, wie es zu der Entscheidung gekommen sei.

Verbandsgeschäftsführer Wolfgang Zender stellte klar: „Wir halten Geldverdienen mit Verwahrentgelten für sehr problematisch und raten von einer breiten Einführung von Verwahrgelten ab.“ Zudem seien Negativzinsen für Privatsparer, die über 0,5 Prozent hinausgehen, „schwierig mit Argumenten begründbar“, so der Banker. 

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Der Einlagenzins, zu dem Geschäftsbanken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) über Nacht Geld einlagern können, liegt derzeit bei minus 0,5 Prozent. Die Sparkasse Vogtland wollte 0,7 Prozent „Strafzinsen“ verlangen. Zender betonte allerdings auch, dass er die Vermeidung von Verwahrentgelten für private Kleinsparer nicht für immer ausschließen könnte, einzelne Sparkassen könnten sich dazu gezwungen sehen. „Es wird keine vier Jahre dauern, das wir uns häufiger darüber unterhalten werden müssen“, so der OSV-Manager und betonte weiter: „Wir wollen nicht zu den Ersten gehören“, aber der Markt werde nervöser und Verwahrentgelte in der Kreditwirtschaft normaler. 

Mehr Kredite aufgenommen

So werden im Firmenkundengeschäft die Kosten bereits länger weitergegeben und bei Privatkunden mit höheren Guthaben verlangten einzelne Sparkassen schon Verwahrentgelte. Dabei wird der Zinssatz auf den Teil der Einlagen erhoben, der über dem Freibetrag liegt. Sparkassen müssten Geld zum Schutz ihrer Bilanz „abwehren“ können, erklärte Zender. Verbandspräsident Ermrich ergänzte: „Wenn ein Neukunde kommt, der plötzlich seine Liebe zur Sparkasse entdeckt hat und sagt: „Ich habe eine Million“ – da wird es schwierig.“

Hauptgrund für die Verwahrentgelte ist die anhaltende Niedrigzinsphase, die das Geschäftsmodell der Sparkassen massiv erschwert. Sie wachsen mehr, verdienen aber weniger. Das zeigt auch die Bilanz der 45 OSV-Mitglieder für das vergangene Geschäftsjahr. Obwohl die Sparkassen beim Geschäft deutlich zulegten – die Neukreditzusagen wuchsen um 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, die Einlagenbestände um 5,4 Prozent –sank das Betriebsergebnis um 5,2 Prozent. Nach Abzug aller Aufwendungen und der Steuern blieb dennoch mit 215 Millionen Euro ein Plus, das knapp 50 Prozent mehr ist als im Jahr 2018.

Die zwölf sächsischen Sparkassen legten bei der Kreditvergabe sogar um 14,8 Prozent zu und gewährten insgesamt neue Darlehen in Höhe von 5,4 Milliarden Euro, davon drei Milliarden für Unternehmen und Selbstständige und zwei Milliarden für Privatpersonen. Dabei wuchs das Kreditgeschäft mit Privatpersonen fast drei Mal so stark wie das mit Unternehmen. Die niedrigen Zinsen veranlassen viele Menschen, in den Bau, Umbau oder Kauf von Häusern und Wohnungen zu investieren. Das Volumen der neu ausgegeben Wohnungsbaudarlehen wuchs in Sachsen zweistellig wie auch in den anderen ostdeutschen Ländern. Das Betriebsergebnis ging um 4,2 Prozent zurück.

110 Milliarden Euro auf Sparkassenkonten

Mit Sorge sieht Ermrich, dass die Spreizung unter den Mitgliedssparkassen bei der Ertragslage zunimmt. Dabei könne man jedoch nicht die einfache Rechnung aufmachen, kleinere Institute im ländlichen Raum würden schlechter dastehen als größere Institute in Ballungsräumen. „Die Sparkasse Spree-Neiße zum Beispiel hat ein sehr gutes Betriebsergebnis“, so der OSV-Präsident. Um der Entwicklung entgegenzuwirken, intensiviert der Verband den Erfahrungsaustausch.

Auf ostdeutschen Sparkassenkonten liegen derzeit fast 110 Milliarden Euro. Obwohl die Bankberater ihren Kunden empfehlen, ihre Spargelder anders als auf Sparbuch oder dem Girokonto anzulegen, tun die meisten es trotzdem, weil sie diese Sparformen als „sicheren Hafen“ ansehen. Für Zender ist dies aber auch die Folge der begrenzten finanziellen Mittel, die vielen Menschen zwischen Rostock und Suhl zum Anlegen zur Verfügung stünden. 

So hätte etwa die Hälfte der Ostdeutschen gerade einmal ein Pro-Kopf-Nettovermögen von rund 12.500 Euro inklusive eventueller Immobilienwerte, während im Westen Deutschlands die Hälfte der Menschen etwa 46.500 Euro Nettovermögen pro Person besitzen würden. „Die ostdeutschen Sparer leiden aufgrund ihrer Vermögenssituation besonders stark unter dem Verschwinden der Sparzinsen“, sagt Zender. Denn für sie fallen alternativen Anlagen mit höheren Risikoklassen von vornherein weg.

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Aber selbst, wenn sie mehr Geld in Wertpapieren investieren könnten, wird ihnen das erschwert. Mit Kopfschütteln verfolgt Ermrich die Pläne im Bundesfinanzministerium zur Einführung einer Transaktionssteuer. „Scholz will die großen Spekulanten ungeschoren lassen und bei den langfristig orientierten Vorsorge-Kleinsparern abkassieren“, kritisiert er. Die Geldanlagen in Aktien und Aktienfonds sollen mit einer Umsatz-Steuer belastet werden und das in einer Zeit, in der Aktienfonds oft der einzige Ausweg seien, um bei Null- und Negativzinsen aktiv für das Alter vorsorgen zu können. Für Ermrich ist das „alles nur erstaunlich“. Statt den Bürgern das Sparen zu erschweren, sollte die Bundesregierung stattdessen lieber die Wohnungsbauförderung ausweiten, die Sparzulagen für die Riesterrente wie auch Freigrenzen überarbeiten, fordert er. Auch die Möglichkeiten zum Bildungssparen zu verbessern, wäre ein schöner Weg, wie der Staat die Bürger bei ihrer Lebensplanung und dem gewollten lebenslangen Lernen unterstützen könnte, findet der OSV-Präsident.