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Spaten und Pokale

Eine neue Ausstellung zeigt die Schatzkammer der Kurfürsten – für SZ-Leser gibt es exklusive Einblicke.

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© Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Von Udo Lemke

Wenn es vor 450 Jahren schon Baumärkte gegeben hätte – Kurfürst August (1526 -1586) wäre garantiert dort zu finden gewesen. Er hätte in den Werkzeugabteilungen genau geprüft, was Wert hat und was nicht. Wahrscheinlich hätte er das eine oder andere Werkzeug gekauft, obwohl er es nicht wirklich brauchte – aber, wenn es so gut in der Hand lag, wenn es so schön aussah und so zum Ausprobieren reizte . . .

Das Gerät oben zeigt den Teil eines Streithammers, aus dem sich oben noch eine Spießklinge ausfahren lässt – zwischen 1560 und 1590 in Italien entstanden.
Das Gerät oben zeigt den Teil eines Streithammers, aus dem sich oben noch eine Spießklinge ausfahren lässt – zwischen 1560 und 1590 in Italien entstanden. © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Auch im wirklichen Leben häufte Kurfürst August Werkzeuge an. „Er besaß auf der Annaburg, der Augustusburg und auf Schloss Torgau Werkzeugsammlungen“, erzählt Christine Nagel. Sie richtet derzeit mit einem Dutzend anderer Wissenschaftler und Handwerker im Georgenbau des Dresdner Schlosses die neue Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“ ein. Ohne historische Gestalten wie den Kurfürsten August wäre sie nicht möglich. Denn der ließ in der 1560 von ihm gegründeten Kunstkammer nicht nur Silber, Gold und Edelsteine sammeln, sondern auch rund 7 000 Werkzeuge. Und so zählt zu den vielen Einmaligkeiten, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu bieten haben, auch die Tatsache, dass einige dieser Werkzeuge auf uns überkommen sind.

Ob Spaten, Harke oder Hobel – alle Werkzeuge sind von erlesener Qualität. Hier ist nichts aus dem Baumarkt. Das Gartenwerkzeug etwa, das das große Foto zeigt, wurde zwischen 1560 und 1570 angefertigt. Die Stiele bestehen aus Obstholz, und da wären wir wieder beim Kurfürsten August. Dessen Interesse „an neuen Obstsorten führte dazu, dass neben Apfel-, Birn-, Kirsch- und Pflaumenbäumen auch Mandel-, Pfirsich- und Quittenbäumchen nach Sachsen kamen“. Damit nicht genug, er hat viele Werkzeuge höchstselbst ausprobiert. Er hat sich für Obst- und Gartenbau interessiert, erzählt Christine Nagel und sogar ein Büchlein darüber geschrieben. Er holte erfahrene Handwerker nach Sachsen, und seine Werkzeugsammlungen dienten nicht nur dem schönen Schein, sondern waren auch Mustersammlungen. Kurz: „Der wollte sein Land vorwärtsbringen.“

Kaum zu glauben, dass die neue Sonderausstellung schon am kommenden Wochenende eröffnen soll. Noch geben die sieben Räume im Georgenbau zwischen Residenzschloss, Hofkirche und Stallhof das Bild einer einzigen Baustelle ab. Das Faszinierende daran sind nicht nur die alten edlen Werkzeuge, die zu sehen sind, sondern die „Hochzeit“, die sie mit ihren 450 Jahre später geschaffenen Nachfolgern halten. Denn überall auf den schwarz ausgeschlagenen Werkzeugtischen vor den Vitrinen reihen sie sich: Feilen, Hämmer, Schraubenzieher und Zangen in allen möglichen Größen und Formen.

Kunstvolle Dame- und Schachspiele

Viele Vitrinen – die größte Glastür misst dreimal vier Meter und ist 300 Kilogramm schwer – sind noch offen. Sie geben ihr Innenleben preis, das nicht nur aus einer anspruchsvollen Mechanik besteht, sondern auch für manche Vitrine eine eigene kleine Klimaanlage bedeutet. Denn so sehr das Blatt des Spatens auch glänzen mag – es besteht nicht aus Edelstahl, sondern aus Eisen, das rosten kann. Damit es nicht rostet, muss das Klima in den Vitrinen und den Räumen passen.

In einem davon sind vier Kabinett-schränke zu sehen. Kleine Wunderkammern in der großen des Museums. Der 1615 von Kurfürst Johann Georg I. erworbene Kunstkammerschrank etwa hat 121 Fächer, von denen einige verborgen sind. Der Schrank birgt ein Spinett und eine herausziehbare Tischplatte.

Mit „Spielwelten“ ist der dritte Raum der Ausstellung überschrieben. Kunstvolle Dame- und Schachspiele gibt es hier, aber auch Musikinstrumente. „Meisterhaft ist die Verarbeitung von Bernstein, Elfenbein, Edelhölzern, Glas, Metallen und Wachs, die jedem Stück seinen unverwechselbaren Charakter verleiht.“ Zu sehen ist das auch an anderen Stücken – den Kombinationswaffen. Da gibt es etwa eine reich verzierte Pistole, deren Griff sich in eine kleine Streitaxt verwandeln lässt. Hier fällt das technische Meisterwerk mit der Prunkwaffe zusammen. Wie überhaupt bei vielen der gezeigten Stücke die Grenzen zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk fließend sind. Am liebsten möchte man sie in die Hand nehmen.

Viele davon kamen von weit her, denn die Interessiertheit der sächsischen Herrscher machte nicht an den eigenen Landesgrenzen halt. So sind exotische Tiere, Materialien und Dinge in den Vitrinen des Georgenbaus zu finden. Bestecke und Gefäße aus Bergkristall, Elfenbein, Kokosnuss und Straußeneiern gibt es und das wichtigste Zeichen eines Fabeltiers: In einer langgestreckten Wandvitrine ist das Horn des Einhorns zu sehen. Lassen Sie sich überraschen, um was es sich dabei handelt.

Wer die neue Dauerausstellung besucht, kann gleichsam in die Vergangenheit flanieren, denn die 1560 von Kurfürst August gegründete Kunstkammer ist der Ursprung der heutigen Kunstsammlungen. Und wie wir jetzt wissen, gehörten Hacke und Spaten von Anfang an dazu.

Exklusiv für SZ-Leser öffnet die neue Dauerausstellung „Weltsicht und Wissen um 1600“ des Residenzschlosses am Sonntag, dem 20. März 2016 von 10 bis 18 Uhr (letzter Einlass 17 Uhr).

Karten zum SZ-Card-Preis von 3 Euro für Erwachsene, Kinder und Jugendliche unter 17 Jahre haben freien Eintritt, gibt es im Vorverkauf in den SZ-Treffpunkten als Zeitfenster-Karten (aller halben Stunden ist Einlass). Der Vorverkauf wird empfohlen, um Wartezeiten zu vermeiden.