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Spezialanfertigung fürs Haus Schminke

Dank einer uralten Presse trägt die Reichenbacher Farbglashütte zur Sanierung des Löbauer Architekturdenkmals bei.

© Constanze Junghanß

Von Constanze Junghanß

Noch sind sie nicht perfekt. Jens Teuchert zeigt nach dem ersten Probelauf auf kaum sichtbare „Dellen“ im durchsichtigen Material, welches auf Paletten in einer der Hallen der Reichenbacher Farbglashütte liegt. Was auf den ersten Blick wie Einmachgläser ausschaut, ist in Wirklichkeit eine ganz außergewöhnliche und fast einmalige Produktionsreihe, die in dem Unternehmen jetzt hergestellt wird: winzige „Rundfenster“ für ein Denkmal. Auftraggeber dafür, so erzählt der Technische Leiter des Unternehmens, ist das berühmte Haus Schminke in Löbau.

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Hans Scharoun – einer der gewichtigsten Architekten organischer Architektur – errichtete für den Nudelfabrikanten Fritz Schminke und seine Familie 1932 bis 1933 das Haus. Es gehört zu den bedeutendsten deutschen Bauten der Zwischenkriegszeit. Die Löbauer nennen das villenartige Anwesen liebevoll „Nudeldampfer“, weil es wie ein Schiff aussieht und als „Lebensschiff“ der Schminkes in die Geschichte einging.

Aktuell ist das Gebäude eine Baustelle und wird saniert. Die Bauarbeiten dauern den Sommer über an. Im Zuge der Sanierungsarbeiten sollen auch die stark beschädigten Glaskörper im Dach über der Terrasse des Elternschlafzimmers ausgetauscht werden. „Diese sind durch Witterungseinflüsse in den letzten Jahren blind geworden und haben ihre Wirkung eingebüßt“, teilt dazu das Team von der Stiftung Haus Schminke mit. Bereits vor 18 Jahren mussten die sogenannten Rotalith-Glaskörper teilweise erneuert werden. Weil Scharoun einen ganz eigenen Baustil entwickelt hat, erwies sich diese Aufgabe als gar nicht so einfach. Die Glaskörper, die Licht spenden und in winzigen Punkten auf den Boden werfen sollen, gibt es in dieser Art nicht im handelsüblichen Baumarkt zu kaufen.

Bei der ersten Erneuerung im Jahr 2000 konnten einzelne originale Glaskörper von einer Berliner Glasbaufirma aufgekauft werden. „Aus diesen Originalen wurde eine neue Gussform für den Nachbau gefertigt“, heißt es vonseiten der Stiftung. Um den Nachbau kümmerte sich bereits damals die Farbglashütte Reichenbach. Und die kommt nun auch aktuell wieder ins Spiel. „Der Architekt der jetzigen Bauarbeiten hat bei uns angefragt, ob wir solche Glaskörper erneut herstellen können“, sagt Jens Teuchert. Schließlich hat das Reichenbacher Unternehmen diese Aufgabe schon einmal erfolgreich bewältigt, wie aus den Unterlagen vom Haus Schminke ersichtlich geworden sei. Eigentlich produziert der Betrieb mit seinen 35 Mitarbeitern vorrangig Farbglaszapfen und Granulate, die für die Weiterverarbeitung bestimmt sind. Die Kundschaft kommt aus der ganzen Welt, größter Abnehmer sind die USA. Auf Glasprodukte gebe es noch keine erhöhten Einfuhrzölle, erklärt Teuchert. Dass die Farbglashütte für den „Nudeldampfer“ Glaszylinder herstellen kann, sei insofern etwas ganz Besonderes, weil eine entsprechende uralte und etwa drei Meter hohe Presse fast ein ganzes Jahrhundert in der Fabrik überdauerte. Jens Teuchert schätzt das Baujahr der Maschine auf um 1920. Zwar wird mit ihr schon lange nicht mehr produziert, auf dem Schrott landete die Presse dennoch nicht. Was nun wiederum der Sanierung des berühmten Löbauer „Nudeldampfers“ zugutekommt. Mit ihr können die ungewöhnlichen runden Minifenster gepresst werden. Die Schminke-Stiftung betont, dass es eine besondere Freude sei, dass die komplizierte Herstellung der Gläser Experten aus der Region übernehmen.

Insgesamt entstehen laut Teuchert etwa 150 Stück. Eine winzige Auflage also. Er rechnet damit, dass die Glaskörperproduktion für das Haus Schminke im August begonnen wird. Die Spezialanfertigung entsteht aus einem Glasgemenge mit dem Zusatz von Pottasche. Diese Masse wird geschmolzen und anschließend die einzelnen Teile gepresst. Das wird einige Tage Zeit in Anspruch nehmen. Bis Mitte August ist Haus Schminke für den Besucherverkehr geschlossen, heißt es auf der Internetseite der Stiftung.