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Spiel mit Licht und Schatten

Porträt. Seit 60 Jahren gilt jeder Pinselstrich von Manfred Wünsche seiner Heimatstadt Meißen.

Von Sandro Rahrisch

Unverfälscht und lebendig, so malt Manfred Wünsche die Domstadt am liebsten. Besonders in den kalten Monaten des Jahres greift der 74-jährige Meißner zur Staffelei und genießt die freie Sicht vom Plossen hinunter ins weite Elbtal. Licht- und Schatteneffekte müssen auf seinen Aquarellen und Ölbildern perfekt sitzen. Akribisch feilt Wünsche daran – oft bis zu einem Jahr. „Ich male dort, wo mich das Leben gerade einfängt – egal, ob am Dammweg an der Elbe oder zur Kirchenbesichtigung in Italien“, erzählt der Rentner und blättert dabei in einem seiner 35 kleinen Skizzenbücher.

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Inspirieren ließ er sich schon als 13-jähriger Knirps. „Als ich in der Leinewebergasse, dem Malerwinkel der Stadt, heimlich Kunststudenten aus Dresden beobachtete, kribbelte es mir in den Fingern.“ War der Ort nach Feierabend menschenleer, griff Wünsche zusammen mit seinem Bruder zum Pinsel und zeichnete die abendliche Altstadt ganz nach seinem Gefühl.

Wie viele Maler aus der „Wiege Sachsens“ lernte er das Kunsthandwerk in der Porzellanmanufaktur als Modelleur. „Der Bäcker gab mir kurz nach Kriegsende keine Lehrstelle, weil ich zu hungrig aussah, Tischler hatten kein Holz.“ Sein Vater habe ihn damals überredet, die Malerei nicht zum Beruf zu machen. Rückblickend sagt Wünsche: „Dafür bin ich ihm sehr dankbar, schließlich hatte ich die Pflicht, Frau und Tochter zu versorgen.“

Seit seiner Pensionierung 1993 widmet sich der Maler, der bei Christoph Wetzel lernte, ganz der Kür. „All die Jahre in der Manufaktur fühlte ich mich wie ein Pferd im Stall, das endlich galoppieren möchte“, sagt er mit einem lächelnden und dennoch nachdenklichen Ausdruck im Gesicht.

Mit Palettendreck Lob geholt

„Nach der Wende beschwerten sich viele Maler aus den alten Bundesländern über den traditionellen Stil der Meißner Kunst.“ Aus Protest und Wut habe Wünsche damals kurzerhand zu Palettendreck gegriffen und diesen mit Farben versehen. „Danach hieß es: Endlich mal was Neues aus Sachsen.“ 1995 trat Wünsche übrigens dem Meißner Kunstverein bei, stellt ab und an seine Bilder aus.

Wenn seine Leidenschaft als Hobby bezeichnet wird, könnte der Maler die Staffelei davon stoßen. „Das ist die schlimmste Beleidigung für mich, schließlich bin ich kein Amateur oder Freizeitmaler.“

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Als Künstler wolle der Maler nicht bezeichnet werden. Was Kunst ist, werde schließlich erst in vielen Jahrzehnten bestimmt. Nicht zu Lebzeiten.