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Spielwiese Online-Shop

Versandhändler Amazon hilft stationären Läden ins Internet. Die profitieren und leiden zugleich. Wie Loebners in Torgau.

© Ronald Bonß

Von Michael Rothe

Auf dem Smartphone in der Hosentasche läuft der Countdown. Unaufhaltsam. Auch am ersten Tag der Nürnberger Spielwarenmesse, dem weltgrößten Branchentreff. Am Mittwochnachmittag waren es noch 849 Tage, neun Stunden, 15 Minuten, 13 Sekunden. „Dann ist Schluss“ – und Jörg Loebner Rentner.

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Loebner hatte auch zu DDR-Zeiten „heiße Ware“ für Kinder – hier 1979 einen Puppenherd aus dem Eichsfeld.
Loebner hatte auch zu DDR-Zeiten „heiße Ware“ für Kinder – hier 1979 einen Puppenherd aus dem Eichsfeld. © Stadtmuseum Torgau

Der Torgauer Spielzeughändler macht kein Hehl daraus, dass er sich auf den „65.“ freut. „Mein Sohn Ingo und ich leiten eine Firma, die 80 000 Pakete im Jahr verschickt, allein vor Weihnachten 1 500 am Tag“, sagt der Inhaber des mit 331 Jahren ältesten Spielzeugladens Deutschlands. Das Erbe von zehn Generationen zehre an den Kräften. Was mit zwei Testpaketen begann, ist heute ein Millionengeschäft, Fluch und Segen zugleich – und Schuld von Amazon. Der Internetriese hatte Loebner für seinen Marktplatz angeworben. Und weil der Laden vor sechs Jahren schwere Zeiten durchmachte, hatte er eingeschlagen. Ein kluges Jawort, womöglich gäbe es das Geschäft sonst nicht mehr. Loebners schwimmen auf der Erfolgswelle des Onlinehandels.

„Wir helfen Tausenden Mittelständlern, die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen: beim Einstieg in den Onlinehandel, in eine effiziente Datenwirtschaft, die Europäisierung ihres Geschäfts“, sagt Ralf Kleber, Deutschland-Chef von Amazon. „Dafür investieren wir Hunderte Millionen – von der Amazon-Cloud bis zur logistischen Infrastruktur.“ Das Ganze passiere „natürlich nicht uneigennützig“, räumt Kleber ein. Er „kenne niemanden, der Infrastruktur aufbaut, Wasser und Strom kostenfrei zur Verfügung stellt.“ Der Manager weiß, „dass Amazon das Ziel – alles, was der Kunde im Netz sucht, auch online zu verkaufen – ohne die zwei Millionen Händler weltweit nie erreichen würde“. Von ihnen käme fast die Hälfte aller über Amazon georderten Artikel.

Loebner finanziert mit dem Internethandel den Laden mit dem Seiffener Reiterlein als Wappen überm Schaufenster – und 13 000 Artikeln auf zwei Etagen. „Ich bin hier groß geworden, hatte das größte und tollste Kinderzimmer der Stadt“, blickt der 62-Jährige zurück. „Es durfte nur nichts kaputt gehen.“ Heute gehen reihenweise Läden kaputt. Torgau hat kaum noch 18 000 Einwohner, seit der Wende ist jeder Vierte auf und davon. Das bekomme die Bäckerstraße, im lokalen Monopoly einst „Schlossallee“, zu spüren, sagt Loebner.

Es zählen nur der Preis und der Preis

Der studierte Ökonom und Ex-Direktor Materialwirtschaft im früheren VEB Kombinat Plasticart Annaberg-Buchholz führt das Familiengeschäft seit 1987. Damals waren Waschbecken aus Torgaus Steingutwerk und Auto-Scheiben aus der Flachglasfabrik die Währung für den Einkauf von gutem Spielzeug. Das Verhandlungsgeschick von damals komme ihm heute zugute, da nur zwei Dinge zählten: „der Preis und noch mal der Preis“. Offiziell verpönt, nutzen die meisten Internet-Händler „Optimierungsprogramme“, die sie im Unterbieterkampf bis zur Schmerzgrenze im Rennen halten. Loebner hat 66 000 Euro in Hard- und Software investiert. Die Gewinnmarge sei gering, aber besser als nichts. „Man muss mitschwimmen und mit den Wölfen heulen.“

Gerade suchen Loebners, wie jedes Jahr um diese Zeit, auf der Nürnberger Messe nach Neuheiten – aber nicht bei Lego & Co, deren Sortiment sie ohnehin anbieten. „Wir suchen Hersteller ohne Außendienst und mit passendem Sortiment“, sagt der Chef. Schließlich müsse sich das online und im Laden verkaufen. Mit Glück haben sie einen Bestseller ein paar Monate exklusiv – bis ihn Amazon selbst und billiger listet. Der Versandriese macht das Geschäft, und er diktiert die Bedingungen. Prinzip: Teile und herrsche. Nach Schätzungen haben deutsche Market-Place-Händler 2015 1,5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet.

„Einer der größten Schritte war es, Händlern die logistische Infrastruktur zu öffnen und ihnen zu sagen: Wenn Du von all unseren Innovationen profitieren willst, dann stell’ einfach Deine Artikel ins Amazon-Warenlager“, sagt Deutschland-Chef Kleber. Nur so könne der Zustellzeitpunkt präzise berechnet werden, „und so ist auch eine Tageszustellung möglich – übrigens ohne Preisaufschlag für die Händler“. Loebners haben diese Offerte aber ausgeschlagen, nutzen nur Amazons Plattform und versenden selbst. Im ehemaligen Schlachthof haben sie 40 000 Artikel vorrätig.

Löbner klagt nicht und erinnert an das, was seine Väter und Urgroßväter durchgemacht hätten. Sie seien mit dem Handwagen 50 Kilometer zur Leipziger Messe gefahren, um zu verkaufen und Material zu holen, hätten Napoleons Besatzung, Hyperinflation, Wirtschaftskrise, Weltkriege und sozialistische Planwirtschaft überstanden.

Heute heißt die Herausforderung Internet. „Früher musste der Kunde zum Händler kommen, heute muss der Händler den Kunden dort abholen, wo er sich gerade befindet“, heißt es vom Branchenverband BVS. Jeder dritte Euro werde im Internet ausgegeben. Laut Marktforschern müssen sich 70 Prozent der traditionellen Händler neu erfinden. Auch neun von zehn reinen Online-Händlern würden nicht überleben.

Deutschlands ältester Spielzeugladen zählt nicht dazu. Ingo Loebner steht in zwölfter Generation bereit. Aber bis für Vater Jörg der virtuelle Liegestuhl der Renten-App Realität wird, warten auf ihn noch aufregende 849 Tage. Und ein paar Sekunden.