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Leiden Spitzensportler finanziell unter Corona?

Viele Athleten bekommen ihr Gehalt von Sponsoren. Doch in der Krise überdenken einige Firmen ihr Engagement.

Wenn Biathletin Denise Herrmann am Schießstand steht, fangen die Kameras sieben oder mehr Sponsoren und Ausrüster ein.
Wenn Biathletin Denise Herrmann am Schießstand steht, fangen die Kameras sieben oder mehr Sponsoren und Ausrüster ein. © dpa/Matthias Rietschel

In diesen Wochen sitzt Denise Herrmann oft auf dem Rennrad oder schnallt sich die Skiroller unter die Füße. Die Vorbereitung auf die nächste Saison läuft nach Plan. Corona, so scheint es, hat daran nichts geändert. Neben dem Grundlagentraining absolvieren Biathleten im Sommer auch einige Sponsorentermine. Fotoshooting, Autogrammstunde, Videodreh, Interview – dafür wird sich jetzt die Zeit genommen, die im Winter dann fehlt.

Auf der Homepage von Herrmann sind 15 Firmen, Institutionen und Verbandspartner aufgelistet, die die Weltmeisterin von 2019 unterstützen. So viel wie sonst ist die 31-Jährige derzeit allerdings nicht unterwegs. Bei der Sponsorenpflege machen sich die Folgen der Pandemie doch bemerkbar. „Wegen Corona haben wir jetzt für die Partner viel über Social-Media-Kanäle oder Videokonferenzen gemacht, weil Veranstaltungen abgesagt werden mussten“, sagt ihr Manager Tobias Angerer, ein mit Olympiamedaillen dekorierter Ex-Skilangläufer.

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So kann man auf Herrmanns Kanälen bei einem Gewinnspiel ein Paket voll mit Brotaufstrich gewinnen oder Fotos von ihr anschauen, auf denen der Schriftzug eines Sponsors gut zu lesen ist. Angerers Agentur hat für die Social-Media-Aktivitäten mit Thomas Wick extra einen Mitarbeiter eingestellt – es ist Herrmanns Freund, ebenfalls ein ehemaliger Skilangläufer. „Wir machen das auch, um unseren Partnern neben der TV-Präsenz weitere Möglichkeiten zu bieten“, erklärt Angerer.

Folgen der Corona-Krise spürt er bei seiner erfolgreichsten Sportlerin nicht, kein Sponsor will wegen der Krise aussteigen. Der Vertrag mit einem Elektrotechnikunternehmen aus Dresden wurde gerade erst verlängert. „Das sind langfristige Partnerschaften, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhen“, erklärt er. Vielleicht aber hat Herrmann auch einfach Glück, dass die Firmen, die sie unterstützen, aus Bereichen kommen, die derzeit nicht unter Gewinneinbrüchen zu leiden haben. Laut einer Studie des Fachmagazins Sponsors gehen Unternehmen der Telekommunikationsbranche, der Pharmazie, aus IT und Elektronik sowie Transport sogar gestärkt aus der Krise hervor. Schlecht geht es demnach der Sportartikel-Industrie, der Luftfahrt, der Autoindustrie, dem Tourismus oder dem Glücksspiel.

Bei den Biathleten kommt hinzu, dass die Erfolgreichsten unter ihnen alle bei der Bundeswehr, beim Zoll oder der Polizei angestellt sind und auch jeden Monat Gehalt beziehen. „Das ist ihre Grundsicherung“, erklärt Angerer.

Wirklich in finanzielle Schieflage geraten sind Spitzenathleten bisher kaum. Nur wenige hätten sich gemeldet, erklärt der Chef der Deutschen Sporthilfe, Thomas Berlemann. Es habe lediglich „vereinzelt Engpässe und Notfälle“ gegeben. Die Sporthilfe fördert 4.000 Spitzenathleten, die Biathleten reichen ihre Zuwendungen als Spende an den Nachwuchs weiter.

So spendabel können künftig wohl nicht alle sein. „Wir sind uns bewusst, dass der Sturm nicht ohne Schäden an uns vorbeiziehen wird“, sagt Stefan Schwarzbach, Marketing-Chef im Deutschen Skiverband. Das eigentliche Ausmaß, so ist immer wieder zu hören, sei jetzt noch nicht absehbar. Der erfolgsverwöhnte Kanu-Verband wird trotzdem schon konkreter. „Wir erwarten in diesem Jahr einen Rückgang der Sponsoreinnahmen um mehr als 50 Prozent. Einige kleinere Firmen, insbesondere aus dem Kanu-Segment, müssen ihre Zahlungen in diesem Jahr komplett einstellen“, berichtet Präsident Thomas Konietzko. Die Gespräche seien auf Wunsch der Unternehmen ausgesetzt worden und sollen nicht vor Anfang Herbst wieder aufgenommen werden.

Dabei ist es wohl nicht allein die finanzielle Schieflage der Firmen, die sie dazu bewegen, vom Sportsponsoring Abstand zu nehmen. Wenn Mitarbeiter verkürzt arbeiten müssen oder gar entlassen werden, ist es nur schwer vermittelbar, wenn gleichzeitig große Summen an Sportler, Vereine oder Verbände überwiesen werden.

Zu spüren bekommen das auch die Mannschaftssportarten. Die Bundesligen im Handball, Basketball und Eishockey hätten in der abgelaufenen Saison zusammen 70 Millionen Euro Umsatz verloren, erklärt Frank Bohmann, Vizepräsident der Vereinigung der Sportsponsoring-Anbieter.

Im Straßenradsport ist die Lage „nicht einfach“, vor allem aber „abhängig von den jeweiligen Hauptsponsoren der Teams“, erklärt Jörg Werner. Der Thüringer betreut mit Tony Martin und Maximilian Schachmann zwei der erfolgreichsten deutschen Radprofis. „Bei ihnen ist alles im Lot, sie sind nicht betroffen.“

Nicht von der Sponsoren-Krise betroffen: Radprofi Maximilian Schachmann
Nicht von der Sponsoren-Krise betroffen: Radprofi Maximilian Schachmann © dpa/Matthias Balk

Die Namensgeber des Teams Bora-Hansgrohe, für das Schachmann noch im März den Gesamtsieg bei Paris-Nizza eingefahren hatte, signalisierten frühzeitig, dass sie „trotz allem zu den Verpflichtungen stehen“, so Werner. Dabei entgehen den Firmen durch die ausgefallenen Rennen und Rundfahrten viele Werbemöglichkeiten. Die Sportler bekommen das aber kaum zu spüren. „Die Verträge sind nicht so gestrickt, dass da nach Starts oder Platzierungen gestaffelt wird“, erklärt er. „Das macht man selbst bei Vertragsabschlüssen in diesen Wochen nicht so.“ Die Gehälter werden also weiter überwiesen.

Doch es gibt auch andere Beispiele. Das polnische CCC-Team, hinter dem eine in finanzielle Nöte geratene Schuhmarktkette steckt, kündigte bereits an, sämtliche Verträge zum Jahresende aufzulösen. Das australische Team Mitchelton-Scott wechselt zum 1. August den Titelsponsor, hat also bereits einen Nachfolger gefunden.

Die Fahrer sind auf die Teams angewiesen. „Von ihnen kommt 90 Prozent des Gehalts, sie wollen auch so viel wie möglich selbst vermarkten. Deshalb ist der Anteil privater Sponsoren bei den Fahrern gering“, erläutert Werner. Geht es den Teams gut, geht es also auch den Sportlern gut.

Abhängig ist das alles vor allem von der Tour de France, der alljährliche Höhepunkt wurde nicht abgesagt, sondern lediglich auf den August verschoben. Werner nennt das einen Glücksfall. „Die Tour hat für die Teams durch die TV-Quoten und die globale Vermarktung die größten Werbewerte.“ Sollte sie doch noch abgesagt werden, würden „die Sponsoren sicher trotzdem sehr individuell reagieren“, glaubt der Manager. „Der Radsport steht finanziell insgesamt auf der guten Seite. Wir müssen jetzt nicht ins Kissen weinen.“

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Angerer ist optimistisch, dass die Biathleten im Winter wieder bei Weltcups starten dürfen. Der internationale Verband entwirft gerade verschiedene Szenarien – vom normalen Kalender mit oder ohne Zuschauer bis hin zu Weltcupblöcken in einigen Ländern. „Der Vorteil für den Wintersport ist die lange Vorlaufzeit“, erklärt Angerer. „Da kann man sich drauf vorbereiten.“ Genauso wie es Denise Herrmann gerade mit dem Grundlagentraining macht.

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