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Sportler, Handwerker und Künstler

Zwei Ausstellungen in Zittau widmen sich den vielen Facetten des Malers und Bildhauers Siegfried Schreiber.

© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

Zittau. Manchmal hat Siegfried Schreiber die Ummantelung von Kabeln abgelöst, um an Buntmetall zu kommen. Ein Klempner brachte ihm alte Wasserleitungen und Ähnliches. Mitunter haben ihm Künstlerkollegen etwas aus Dresden geholt. Ein Auto, mit dem er selbst zum Metallkauf fahren konnte, hat der begeisterte Sportler nie besessen, erzählt seine Tochter Reni Hamann. Das Buntmetall – in der DDR lange kaum zu kriegen – war aber essenzieller Rohstoff für den Zeichner, Maler und Bildhauer. Vor allem für Letzteren. Denn in einem Anbau am Haus der Großmutter in Bertsdorf bei Zittau hatte sich Siegfried Schreiber einen Schmelzofen, eine Gießgrube mit Sand und einen Ofen zum Aushärten aufgestellt.

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„Rhythmische Gymnastik“ heißt diese Bronze.
„Rhythmische Gymnastik“ heißt diese Bronze. © Jürgen Matschie
Siegfried Schreiber hat oft in der freien Natur gearbeitet.
Siegfried Schreiber hat oft in der freien Natur gearbeitet. © privat

Seine Bronzeplastiken von zentimeterklein bis lebensgroß goss er selbst. „Denn in Gießereien waren die Wartenzeiten lang und die Qualität zum Teil nicht so gut“, erinnert sich Rosemarie Schreiber, die Witwe des Künstlers. Und am Auto zum Transport der Werke fehlte es ja auch.

Die Gießerei, das Atelier, die Werkstatt – es gibt sie noch in Bertsdorf. Angebaut an das Umgebindehaus mit Blick ins Grüne. Fast sieht es so aus, als wäre Siegfried Schreiber nur mal kurz weggegangen. Auf dem Tisch liegen die Pinsel und Messer. Überall stehen und hängen seine Werke. Nur die Außenhaut löst sich von manchen Abgüssen, die der Künstler als Vorarbeit für die Bronzeplastiken aus Gips mit Wachsüberzug angefertigt hat. Ein Hinweis darauf, dass hier eben doch schon lange kein Künstler mehr aktiv arbeitet.

Siegfried Schreiber ist 1988 gestorben. 30 Jahre ist das her. Und 90 Jahre zurück liegt seine Geburt im großelterlichen Haus, in der Stube im Erdgeschoss. Zwei runde Zahlen. Zwei gute Gründe, um den vielseitigen Künstler mit der großen Liebe zur Heimat auszustellen. Das passiert in Zittau nun gleich doppelt. Die Galerie Kunstlade in der Lindenstraße zeigt das Frühwerk. Im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster nimmt man das Lebenswerk in den Blick, mit zahlreichen Aquarellen, Klein- und vor allem den Großplastiken.

Für die standen Familienmitglieder Modell. Die Ehefrau, der Sohn, die beiden Töchter. „Da wurde nicht gefragt. Das war einfach so“, erzählt Tochter Reni Hamann, die noch heute in der Region lebt. Große Begeisterung löste das Modellsitzen bei den Kindern nicht unbedingt aus. Die Plastiken entstanden im Sommer, die Freunde gingen zum Baden, doch man selbst saß oder stand unterm Glasdach in der Hitze. „Aber wenn ich heute sehe, was entstanden ist, dann ist das toll“, ergänzt die Oberlausitzerin. Es sind lebensgroße Figuren, oft mit nachdenklichem Blick. Akte, figürlich, klar. „Zeitlos schön. Etwas, das Bestand hat, auch wenn Geschmäcker sich wandeln“, ist Reni Hamann überzeugt. Im sogenannten Heffterbau des Zittauer Museums stehen die Figuren und teilen sich den Raum mit Vitrinen, in denen unter anderem die Sportplastiken Schreibers zu sehen sind.

Sie, die Sportler, waren ein wichtiges Element im Schaffen des Künstlers. Es gibt Ringende und Schwimmende, Läufer und die Radrennfahrer, die schließlich auch eine Briefmarke zu den Olympischen Spielen von 1980 zierten. Siegfried Schreiber war selbst leidenschaftlicher Skifahrer. Seine Langlaufskier und einige Startnummern von Wettkämpfen hat seine Familie für die Ausstellung ebenso zur Verfügung gestellt wie die meisten Bilder und Skulpturen. Denn das Museum besitzt nur wenige Werke. Die Familie hat zusammen mit dem Museum und dem Team der Galerie Kunstlade ausgewählt, was zu sehen sein wird. „Wir wollen einen guten Querschnitt zeigen, von dem, was er gemacht hat“, sagt Enkelin Randy Hamann, die als Kunsthistorikerin in Dresden lebt und arbeitet. Sie hat die Texte zur Ausstellung verfasst und wird auch Führungen anbieten. Ihr sind unter anderem jene Aquarelle wichtig, auf die einst Schneeflocken gefallen sind. Diese Spuren von der Arbeit im Freien sind auf den Bildern bis heute erkennbar und geben ihnen eine ganz besondere Optik. Vom Spätherbst bis zur Schneeschmelze war Siegfried Schreiber malend und zeichnend draußen unterwegs. Der Sommer gehörte der Plastik. Vor allem, weil dann in der Werkstatt eine für die Arbeit nötige Temperatur herrschte.

Möglicherweise war es aber genau dieses Schaffen, dass den Künstler mit nur 60 Jahren das Leben kostete. Vielleicht lag es an den giftigen Dämpfen, die beim Umgang mit dem heißen Buntmetall freigesetzt wurden, dass der sportliche Schreiber an Leukämie erkrankte und starb. Für seine Witwe, bis zum Ruhestand im Schuldienst tätig, war klar, dass sie das Werk ihres Mannes hüten würde. Sie erhielt die Räume – Werkstatt, Atelier und Scheune, in der viele Arbeiten aus Platzgründen aufbewahrt werden. Bis heute führt sie Interessierte durchs Haus und durch den Garten, der Siegfried Schreiber auch Inspirationsquelle war. Ein Museum ist das Umgebindehaus nicht. Rosemarie Schreiber macht keine Werbung dafür. Doch wer sich für den Maler und Bildhauer begeistert, findet hier hin. Manchmal sind es Sportfans, manchmal Kunstsinnige vor allem aus dem Osten Deutschlands. Den Nachlass des Vaters und Großvaters hüten, das will die Familie auch künftig. Über das Wie denken sie gerade gemeinsam nach.

Die Ausstellung „Siegfried Schreiber – Bildhauer. Maler. Sportler“ ist vom 26. Mai bis 2. September in der Zittauer Galerie Kunstlade und im Franziskanerkloster zu sehen.

www.zittau.de