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Sprechstunde Asyl

SPD-Chef Martin Dulig lädt Bürger an seinen Küchentisch. Der Anwohner eines großen Flüchtlingsheims schildert die Stimmung in seinem Ort.

© Dietmar Thomas

Von Karin Schlottmann

„Jede Woche beschließt die Regierung ein neues Asylpaket. Aber ändern tut sich nichts“. Für diese Sätze bekommt der Leiter des örtlichen Flüchtlingsheims den ersten Beifall des Abends. Ihm sei das Handy gestohlen worden, die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren einfach eingestellt. Er glaubt, dass die Justiz zu lasch ist im Umgang mit straffällig gewordenen Asylbewerbern. Er sitzt an einem Küchentisch und Sachsens SPD-Chef Martin Dulig hört ihm zu. Es wäre unrealistisch, die Probleme zu leugnen, antwortet Dulig. Mehr Stellen für Polizei und Justiz lösten das Problem nicht. Die Polizisten müssten auf der Straße auch zu sehen sein.

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Jeder Besucher, der etwas sagen möchte, darf sich auf einen der Stühle setzen und Fragen stellen. Dialogangebote, wie sie auch die SPD jetzt mit ihrer Küchentisch-Tour quer durchs Land erprobt, sind schwer angesagt in Zeiten von Pegida und Flüchtlingskrise. Auftakt der SPD-Tour ist an diesem Mittwochabend die Gaststätte „Strammer Leutnant“ in Döbeln. Rund 60 Gäste sind gekommen. Eine Helferin aus einer Erstaufnahmeeinrichtung sagt, alle rufen immer nach der Politik, aber es sollte sich mal jeder selbst befragen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist. Es habe doch niemand darauf geachtet, was der Nachbar für eine „komische Meinung“ hat.

Der Bürgermeister von Roßwein weiß nicht, wie es in seiner Stadt weitergehen soll. Die Einwohnerschaft sei zerrissen und aufgewühlt und Gerüchte und falsche Anschuldigungen machten sich breit. Ein mittelständischer Unternehmer ist stolz auf seine Auszubildenden aus Spanien, Bulgarien und Portugal. Sorgen machen ihm als Anlagenbauer die Sanktionen gegen Russland. „Wir Unternehmer verstehen das nur bedingt“, kritisiert er.

Als einer der letzten setzte sich Jens Liebscher, Anwohner einer geplanten Flüchtlingsunterkunft in Choren, an Duligs Küchentisch. In dem Ort mit 260 Einwohnern will der Landrat bis zu 220 Flüchtlinge in einer leer stehenden Grundschule einquartieren. „Gebt uns 40 Flüchtlinge“, hätten die Bewohner vorgeschlagen, „mehr geht nicht“. Der Landrat aber habe die Schule beschlagnahmt und die Sorgen der Anwohner ignoriert. „Welche Rechte haben wir Anwohner eigentlich?“, fragt er. Choren sei ohne Busverbindung und Einkaufsmarkt. „Lasst uns das Ding doch abbrennen“, hätten Nachbarn vorgeschlagen. Die Landräte – allesamt mit CDU-Parteibuch – stünden unter großem Druck, antwortet Dulig diplomatisch. Dennoch sei Sensibilität gefordert. Manchmal, fügt er vorsichtig hinzu, steige die Akzeptanz, wenn die Flüchtlinge erst einmal da sind.