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Sprungbrett statt billiger Absteige

Löbau. Das Haus „Regen- bogen“ des DRK bietet beides: Unterkunft und Breitband-Lebenshilfe.

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Von Antje Hanisch

Die junge Frau stand barfuß vor unserer Tür“, sagt Kerstin Groß vom DRK, als sie von einem der Brandopfer auf der Clara-Zettkin-Straße berichtet. Die Frau und ihr Freund kamen inzwischen bei Bekannten unter. Eine Familie mit einem 14-monatigen Baby hatte es nicht so gut. So wie sie aus dem Schlaf gerissen wurden, das Baby in eine Decke gewickelt, ohne Hab und Gut, kamen sie in der Brandnacht im Juni an. Warm empfangen wurden sie von der Leiterin des Obdachlosenheimes, die ihnen zwei der fünf Zimmer zur Verfügung stellte. „In dem besonderen Fall haben wir mal eine Ausnahme gemacht. Sonst steht jedem nur ein Bett zu“, sagt sie.

Pflicht erfüllt und fertig

Die Stadt Löbau, die mit dem DRK eine Unterbringungsvereinbarung abschloss, zahlt zwar einen Vorhaltungsbetrag für die ganzjährige Bereitstellung der Unterkünfte. Aber von besonderer Hilfestellung für in Not Geratene seitens der Stadt Löbau kann man wirklich nicht sprechen. Fast acht Wochen hat es gedauert, bis Regina Ziemdorf und Silvio Kögler eine neue Wohnung beziehen können.

Die übrigen vier Bewohner des Hauses „Regenbogen“ sind zwischen 25 und 42 Jahre alt. Sie haben maximal sechs Monate Zeit, wieder auf die Beine zu kommen. Keine lange Zeit angesichts der vielen Probleme. Die Gründe für ihre Obdachlosigkeit sind vielfältig. Oft sind es Zwangsräumungen aufgrund von Mietschulden und Mieter-Vermieter-Konflikten. Das Heim ist auch der erste Anlaufpunkt für Haftentlassene. Manchmal gibt es Nichtsesshafte, die nach einigen Jahren auf der Straße den Entschluss gefasst haben, etwas zu ändern. Eine junge Frau wollte zum Beispiel nach drei Jahren ohne festen Wohnsitz sesshaft werden. „Sie ist nun schon den dritten Monat bei uns, hat keine Fluchtgedanken mehr und sucht eine Wohnung“, sagt die Leiterin. Die Sesshaftigkeit ist auch nötig, um erste Schritte in Richtung Zukunft zu tun. Als Voraussetzung für die Antragstellung für ALG II benötigt der Betreffende eine meldefähige Anschrift.

„Das Hauptproblem der Obdachlosen ist, nicht gebraucht zu werden.“ Nach den häufig extrem negativen Erfahrungen fehlt es den Bedürftigen an Familienkontakten und einem Freundesnetzwerk. Sie sind völlig am Ende, von der Fülle ihrer Probleme überfordert und wissen nicht, wie sie die Vergangenheit verarbeiten sollen. Helfen kann Kerstin Groß allerdings nur, wenn der Betreffende erkannt hat, „ich muss mein Leben selbst in den Griff bekommen“. Die kooperative Zusammenarbeit mit der Schuldner-, Suchtberatung und den Entzugsstellen ist dafür unabdingbar.

Bis zum 1. August 2005 galt das Haus „Regenbogen“ als Notunterkunft. Die Bewohner wurden ab 9 Uhr nach draußen geschickt. Einlass war erst wieder ab 17 Uhr. „Das trieb viele erst in den Alkoholismus. Sie fingen an zu trinken, um die Kälte nicht mehr zu spüren“, sagte die Leiterin. Aber auch nach der Ganztagsöffnung galten die Schließzeiten. Die Leiterin sorgte dafür, dass sich die Obdachlosen im Winter auch tagsüber im Haus aufhalten durften. Ab Mai können die Bewohner nun frei entscheiden, wie sie ihren Tag gestalten. Als Resultat ging der Alkoholkonsum merklich zurück. Die Zugangsvoraussetzungen haben sich seit Januar etwas gelockert. Jetzt ist jeder zugangsberechtigt, der bereits nicht sesshaft ist oder immense soziale Schwierigkeiten mit Tendenz zur Obdachlosigkeit zeigt.

Mitarbeiter mit Biss

„Wir bieten Unterbringung auf menschenwürdigem Niveau“, sagt Kerstin Groß. „Aber für Obdachlose gibt es nirgends Geld.“ Die Einrichtung stammt aus Spenden, Wohnungsräumungen und Hausratsauflösungen bei Todesfällen. „Zartgefühl können wir uns nicht leisten.“ Sie und ihre sechs befristeten Mitarbeiter stehen zudem unter enormem psychischen Druck. „Hier arbeiten kann nicht jeder. Man muss Nerven wie Drahtseile und einen Magen wie ein Schwein haben“, stellt sie fest.