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Spurensuche zwischen Buchdeckeln

In der Bautzener Stadtbibliothek liegt Raubgut aus der NS-Zeit. Robert Langer forscht nach den rechtmäßigen Eigentümern.

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© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Bautzen. Robert Langer bringt im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkel. Erst schaltet er die Beleuchtung im Altbestand der Stadtbibliothek Bautzen an, dann kurbelt er die übermannshohen Bücherregale auseinander. Große, dicke Schmöker schmiegen sich an dünne Broschuren. Gemeinsam ist vielen die Kennzeichnung mit einem Zettel in Pink oder in Gelb. „Im besten Fall treffen sich beide Farben. Dieses Werk können wir dann ganz sicher der Bibliothek der jüdischen Unternehmerfamilie Edith und Georg Tietz aus Berlin zuordnen“, sagt der Provenienzforscher.

Seit 2014 sind der promovierte Philosoph und seine Mitarbeiterin in der städtischen Einrichtung auf der Suche nach NS-Raubgut. Unterstützt wird das Bautzener Haus durch die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (DZK). Ihre Aufgabe ist es Museen, Bibliotheken und Archive bei der Identifizierung von Kulturgütern in ihren Beständen zu helfen, die während der Zeit des Nationalsozialismus den rechtmäßigen Eigentümern verfolgungsbedingt entzogen wurden. „Wir sind gerade dabei, eine Verlängerung für das Projekt zu beantragen“, sagt Robert Langer. Ansonsten wäre es im April kommenden Jahres zu Ende.

Suche nach Herkunftsmerkmalen

Zu Ende ist die Arbeit im Altbestand noch lange nicht. „Von den 80 000 Büchern haben wir etwa 12 000 Stück obduziert“, sagt der Wissenschaftler. Autopsie heißt in diesem Fall anders als in der Rechtsmedizin: Jedes Buch, bei dem nicht nachvollziehbar ist, wie es in die Bibliothek gekommen ist, muss in die Hand genommen und nach Herkunftsmerkmalen untersucht werden. Oftmals wurden die Etiketten, Stempel oder persönliche Autographen nach 1946 beseitigt – herausgekratzt, herausradiert, herausgerissen oder auch überklebt. Lupe, Pinzette und eingeschulten Blick brauchen die Forscher. Im Fall der Sammlung von Edith und Georg Tietz wurden sie durch einen Namensstempel des Sohnes Hans Herrmann Tietz aufmerksam.

Dieser Bücher-Fund aus der Kaufhaus-Dynastie „Hertie“ sorgte im Oktober 2016 für deutschlandweite Schlagzeilen, galt doch Privatbibliothek mit gut 4 000 Bänden, darunter limitierte kunsthistorische Drucke, wie seltene Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert, bisher als verschollen. Inzwischen liegt Robert Langer jene Bücherliste vor, die ein Mitarbeiter einer Berliner Umzugsfirma erstellte, nachdem die Familien Tietz 1939 nach Liechtenstein emigriert waren. Mit der Machtübernahme hatten die Nationalsozialisten die Brüder Georg und Martin Tietz und deren Schwager Dr. Hugo Zwillenberg 1934 aus dem Unternehmen gedrängt. Aus Angst vor weiteren Sanktionen und dem sicheren Tod ließen sie alles zurück und beauftragten ein Umzugsunternehmen, ihr Hab und Gut einzulagern. „Unter anderem anhand dieser Liste legten die Nationalsozialisten die Reichsfluchtsteuer fest. Diese entsprach einem Viertel des wertvollen Gesamtbesitzes der Familien“, sagt der Forscher. So erging es unzähligen jüdischen Familien. Ihre Ungewissheit endete erst mit der Bestätigung der Zahlung vom Finanzamt. Dann konnten sie die Heimat verlassen.

Aufschlussreiche Liste

Die Tietz-Bibliothek ging 1944 an die Reichstauschstelle. Die Abteilung des Reichsministeriums des Inneren kümmerte sich um die Verwertung von Büchern, die zwischen 1933 und 1945 erpresst und erbeutet wurden. Die Liste der Umzugsfirma hat Robert Langer indes weitere Aufschlüsse gegeben. „Die Übersicht beinhaltet viele Fehler. Das lässt darauf schließen, dass kein Bibliothekar am Werk war. Und es gibt Bücher, die nicht Edith und Georg Tietz sondern Martin Tietz zuzuordnen sind“, sagt Robert Langer. Beide Brüder verließen Deutschland, möglich ist, dass ein und dieselbe Umzugsfirma ihre Häuser verpackte. An dieser Stelle wird nun weitergesucht, ob sich noch mehr Lektüre von diesem Zweig der Familie findet.

Aber es hängen noch weitere, lose Fäden in der Luft. Die Reichstauschstelle bestimmte, dass die Tietz-Bibliotheken durch die Stadtbibliothek Leipzig übernommen werden soll. Zu diesem Paket gehörten weitere beschlagnahmte Bücher. „Unter anderem finde ich den Namen Schlesinger mit einer zwölfbändigen Gerhart-Hauptmann-Festausgabe“, sagt Robert Langer. Eine solche steht im Bautzener Altbestand, deren Herkunftsmerkmale müssen noch entschlüsselt werden. Klar ist nur eins: Die 30 Bücherkisten für Leipzig lagerten bis Kriegsende im Außendepot der Reichstauschstelle, dem Schloss Drehsa. Dann verliert sich jedoch ihre Spur.

Neben dem jüdischen Raubgut haben die Provenienzforscher auch zwei weitere Fälle aus Gewerkschaftsbeständen ermittelt. Wie schon die Vorgänger-Funde und die Tietz-Bibliothek erhalten sie nun einen entsprechenden Vermerk im Bibliotheksbestand. Die eindeutige Identifizierung der Bücher aus der Hertie-Familie ist indes wichtig, um mit den fünf Erben das weitere Vorgehen eine Restitution zu klären. Darüber hinaus wird der spektakuläre Fall bei der Tagung der Herkunftsforscher aus Deutschland und Österreich im April in Bautzen im Mittelpunkt stehen.