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Staatsakt für königstreue Soldaten

Mitten in der Finanzkrise ehrt Griechenland seine Toten in Görlitz. Sie bekommen endlich Namen.

Von Sebastian Beutler

Griechische Buchstaben formen Namen über Namen. Auf zwei schwarzen Granitplatten. Und ganz oben sogar der Name der Stadt: Görlitz. Um die Grabplatte stehen sieben Obelisken, auch mit griechischen Buchstaben. Sie alle sind Männern des IV. griechischen Armeekorps gewidmet, die zwischen 1916 und 1923 in Görlitz lebten und starben. Darunter hochrangige Offiziere, wie der Chef des Korps selbst, Johann Chatzopulos. Wenn am Sonntag die neue Grab- und Gedenkanlage für 126 griechische Soldaten an einem Hauptweg auf dem Neuen Görlitzer Friedhof eingeweiht wird, dann lebt eine Episode des Ersten Weltkrieges wieder auf, die nur die verworrenen Bündnisse jener Zeit zu schreiben vermochte.

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Der griechische König hielt damals im Krieg zu Deutschland, die republikanische Regierung zu dessen Gegnern. Als der König abdanken musste, wollte er sein IV. Armeekorps nicht der Regierung übergeben und handelte mit der deutschen Heeresleitung einen Deal aus: Die 7.000 Mann des Armeekorps sollten in Deutschland interniert werden. So geschah es. Zwischen dem 15. und 27. September 1916 brachten zehn Eisenbahnzüge das Armeekorps nach Görlitz. Sie lebten in einer Barackensiedlung in Moys, ausgestattet und versorgt vom Kaiserreich durften sie anfangs nicht mal arbeiten. Doch das Leben in Görlitz war für sie nicht nur eitel Sonnenschein. Manche der Soldaten litten an Krankheiten und unter den Folgen des Krieges. Seuchen wie die spanische Grippe und die ungewohnten Lebensumstände schlugen zudem schnell Schneisen in die Truppe. Tödliche Schneisen.

Schon einen Monat später starb der erste Soldat in Görlitz. Im Register für das Grabfeld 22 a des Görlitzer Friedhofes steht Phili Eustathios an erster Stelle. Es folgen 125 Namen, der letzte ist der von Johannes Basiotis, der am 1. Mai 1923 beerdigt wurde. Sie alle erhielten ein einheitliches einfaches Kreuz. Aus welchem Material, weiß heute niemand mehr. Am Ende zeigen Fotoaufnahmen aus jener Zeit ein einheitliches Grabfeld. Doch von diesem ist schon lange nichts mehr zu sehen gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Areal eingeebnet und neu belegt, wie Friedhofchefin Evelin Mühle berichtet. Womöglich wäre über die Gräber sprichwörtlich Gras gewachsen, wenn nicht ein Steinmetz Anfang der 1990er Jahre zufälligerweise bei Pflegearbeiten unter der mittlerweile gewachsenen Grasnarbe auf überwucherte Obelisken mit fremdländischen Buchstaben gestoßen wäre. Ein Blick auf einen alten Friedhofsplan brachte Aufklärung: Es waren die Grabsteine für die sieben Offiziere, die in Görlitz gestorben waren – vom Waffenmeister bis zum Oberst, vom Geistlichen bis zum Major, zwischen 26 und 60 Jahre alt. Das Begräbnis von Oberst Chatzupolus im April 1918 war ein Görlitzer Ereignis – 2.000 Menschen verfolgten den Trauerzug durch die Stadt.

Irgendwann hatte auch die griechische Botschaft von der besonderen Görlitzer Episode und den aufgefundenen Obelisken gehört. Ein rühriger Militärattache kümmerte sich schließlich darum, dass die Obelisken wieder saniert und neu aufgestellt wurden. Das war 2003. Doch mittlerweile hatte Evelin Mühle auch alle Namen der griechischen Toten im Register des Friedhofs entdeckt, und ziemlich schnell war die Botschaft der Auffassung, dass die Gräber Namen bekommen müssten. So wuchs die Idee, eine Grab- und Gedenkanlage genau auf dem einstigen Grabfeld der Soldaten zu gestalten. Schließlich wurde die Granitplatte mit den griechischen Namen in Griechenland angefertigt und auch von den Griechen bezahlt. Per Schiff und Auto gelangten die Platten bereits vor zwei Jahren nach Görlitz, wo sie auf einen schwarzen Granitsockel aufgesetzt wurden.

Zur Einweihung am Sonntag ist großes diplomatisches Programm vorgesehen. Nicht nur hat die Armeeführung Griechenlands die Einladungen zur Feierstunde verschickt, es kommen Vertreter der griechischen Botschaft in Berlin. Auch der Ablauf kennt mit dem gleichzeitigen Vaterunser auf Deutsch, Griechisch und Polnisch sowie den Nationalhymnen Griechenlands, Deutschlands und Polens zeremonielle Elemente. Griechenland schließt seinen Frieden mit den Soldaten des IV. Armeekorps, die nach ihrer Rückkehr nach Griechenland Anfechtungen ausgesetzt waren. Vor allem aber wird Görlitz damit auf Dauer seiner griechischen Episode gedenken. Eine Erklärungstafel plant Frau Mühle dazuzustellen, sodass der Besucher des Friedhofes künftig an diesem Ort der aufregenden Geschichte nachsinnen kann.

Die Gedenkfeier beginnt am Sonntag, 15 Uhr. Am besten den Eingang zu Weg E an der Straßenbahnhaltestelle Alexander-Bolze-Hof in Königshufen nutzen. Parkplätze gibt es auf der Friedhof- und der Schlesischen Straße.

Ausführlicher auf die griechische Episode gehen wir im Rahmen einer sechsteiligen Serie im Sommer auf der Görlitzer Heimatgeschichtsseite ein.