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Herr Schaller, wie ist das, die Operette zu verlassen?

Staatsoperetten-Chef Wolfgang Schaller geht verspätet in Rente. Das feiert der Dresdner mit einem Broadway-Hit und meidet künftig die Kantine.

Wolfgang Schaller vor seinem Theater.
Wolfgang Schaller vor seinem Theater. © PR/Stephan Floss

Noch einmal spürt Wolfgang Schaller dieses Kribbeln vor einer Premiere. Diese Art von erwartungsfroher Spannung und anspornender Nervosität gilt dem Kurt-Weill-Musical „Ein Hauch von Venus“. Das erfolgreichste Broadway-Stück des genialen deutschen Komponisten mit Hits wie die Rumba „Speak Low“ hat am Sonnabend Premiere. Es ist die letzte und zugleich die 75. Produktion von Schaller als Intendant der Staatsoperette Dresden. Der 67-Jährige geht nach 16 Jahren in diesem Amt in Rente. Seine Nachfolgerin wird die junge Dramaturgin Kathrin Kondaurow. „Ich habe diesen Beruf geliebt, genieße es aber, bald raus aus dem Geschirr eines Intendanten zu sein“, sagt er. Er ist stolz und zufrieden. Und dafür hat er gute Gründe, denn er führte das Musiktheater erfolgreich und hat maßgeblichen Anteil am neuen Haus im Kulturkraftwerk Mitte.

Schaller war schon ein gewiefter Theatermann mit Erfahrungen an Bühnen wie Dresdner Staatsoper, Görlitzer und Würzburger Theater, als er sich 2002 um die Intendanz der Staatsoperette bewarb. Laut Ausschreibung sollte er das Ensemble in ein neu gebautes Theater in der Innenstadt führen. Seit 1947 war die Operette in einem Provisorium in Leuben untergebracht gewesen. Die Bühne war winzig, der Orchestergraben zu zwei Dritteln überbaut.

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Er war nie zu bremsen

Doch immer wieder zerrieben Kommunalpolitiker jegliche Pläne, 2003 gab es sogar einen Schließungsbeschluss. Doch Proteste und 107 000 Unterschriften führten zum Erhalt. Ein knappes Dutzend Bauprojekte und Fusionspläne hatten Schaller und sein Team dann zu begleiten. Der Intendant kämpfte und insistierte wie ein Stehauf-Männchen für das volksnahe Musiktheater. War er quasi durchs Vorzimmer rausgeflogen, kam er durch die Hintertür wieder herein. So überzeugte er Politiker, gewann Förderer und brachte sein Ensemble dazu, durch Lohnverzicht seit 2009 und noch bis 2021 den Bau im Kulturkraftwerk mitzufinanzieren. Das ist einmalig in der deutschen Theaterlandschaft.

Erst Ende 2016 war dann ein neues, unverwechselbares und super funktionierendes Domizil für die Staatsoperette im Kraftwerk beziehbar. „Seitdem macht unser Star, das Ensemble, eine enorme Entwicklung durch“, so Schaller. „Alle, ob Solisten, Chor, Ballett und Orchester, arbeiten hochmotiviert und steigern sich sehens- und hörenswert. Die Zeit der Behinderungen in Leuben war lang und wirkte noch nach. Aber jetzt agieren alle wie befreit.“ Nicht nur klanglich liegen mittlerweile Welten zwischen Leuben und Dresden-Mitte, auch optisch können Werkstätten und Techniker mit ganz anderen Qualitäten überzeugen. „Ich bin sicher, Leistungsbereitschaft und -niveau sind noch steigerbar.“

Schaller kann auf seiner Habenseite jedoch nicht nur mit dem Neubau auftrumpfen. „Ich bin ja nicht Intendant geworden, um ein Haus zu bauen. Mich hat immer interessiert, wie man das Repertoire des Genres Operette erweitern, wie man Musical am Stadttheater inszenieren kann. Und wie man dazu das passende Ensemble formt. Überforderte Stimmchen werden Sie bei uns nicht hören. Ich habe immer schöne Stimmen gefördert, die wichtig sind für die großen Emotionen.“

Tatsächlich schärften die Beschäftigung mit unbekannten Strauß-Operetten, die Wiederentdeckung früher Rundfunkmusiken und die Inszenierungen vergessener Werke wie Bernsteins „Wonderful Town“ das Profil des Hauses. Mittlerweile arbeiten die besten Kreativ-Teams des Genres in Dresden. Sie kommen, weil das Ensemble und das Haus spitze sind. Sie können auch adäquat bezahlt werden, weil „wir nach vielen klammen Jahren in Leuben nun im neuen Haus die Mehreinnahmen, die wir erzielen, behalten dürfen“.

Dass es trotzdem zu Flops kommen kann, zeigte sich beim Klassiker „Orpheus in der Unterwelt“ 2016 als harmlos bilderbogenhafte Operette ohne Biss und doppelten Boden. „Wir haben zu viel gewollt, kannten das Haus noch nicht genug. Die Pleite war besonders bitter, weil es ja unsere erste Produktion im Kraftwerk war. Der Saal war voll mit Prominenz und Fachleuten.“

Alle folgenden Produktionen glückten jedoch. Zudem: Mehrere CDs dokumentieren, wie jazzig, schwingend und emotionsreich das Ensemble agieren kann – und das bei erstaunlich hoher Textverständlichkeit. Der Theaterchef hält für seinen größten Erfolg, dass eben jenes „Wonderful Town“ aus der Eröffnungsspielzeit 2016 an die Volksoper Wien übernommen wurde und dort noch immer läuft. „Nicht einmal die Fachleute hatten das Stück vor unserer Premiere noch auf dem Schirm.“

Ähnliches hatte er mit dem ins Exil getriebenen Kurt Weill vor. Dessen fast vergessenes „Viel Lärm um Liebe“ brachte er als europäische szenische Erstaufführung heraus. Jetzt folgt das erstmals 1994 in Deutschland gespielte Comedy-Musical „Ein Hauch von Venus“ von 1943 – in einer neuen deutschen Fassung.

Ein langjähriger Kollege, der ehemalige Orchesterdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dieter Uhrig, beschreibt Schallers Erfolgsgeheimnis so: „Dass er das Haus souverän geleitet hat und künstlerisch hohe Maßstäbe setzen konnte, verdankt er seinem Gespür für das Richtige im richtigen Augenblick, seinem Talent für künstlerische Entdeckungen und seiner Organisationskunst. Unbestreitbar aber ist seine Energie, für das als Notwendige erkannte mit ganzem Einsatz zu kämpfen. Einmal angefangen, konnte er nicht gebremst werden. Vielleicht konnte er sich selbst nicht mehr bremsen, wenn es um die Sache ging, die er als richtig erkannt hatte.“

Allerdings kann man Wolfgang Schaller zwei Dinge vorwerfen. Erstens: Es gab nur wenige Uraufführungen. „Eine Uraufführung ist ein enormer Arbeitsaufwand. Unter den Bedingungen des alten Hauses aber wären alle Anstrengungen verpufft. Die Künstler waren doch auf der engen Bühne wie beerdigt. Bühneneffekte waren kaum möglich. Das Missverhältnis zwischen finanziellem Aufwand und Ergebnis war mir zu groß. Deshalb habe ich mir in Leuben Uraufführungen verkniffen.“ Seit der 2. Spielzeit in Mitte gibt es ja welche wie „Zzaun! – Das Nachbarschaftsmusical“ und unlängst „Der Mann mit dem Lachen“.

Zum Abschied gibt es eine Gala und ein Buch

Zweitens kann man ihm vorwerfen, viele konventionelle Stücke gespielt zu haben. „Ja, als Intendant habe ich mich nicht künstlerisch zu verwirklichen oder meine bevorzugte Ästhetik durchzudrücken, sondern immer dafür zu sorgen, dass das Publikum sich wohlfühlt und uns den Saal füllt.“

Was bringt ihm die Zukunft? Wolfgang Schaller unterrichtet weiter Kulturmanagement an der Dresden International University. Er will weiter in der sächsischen Akademie der Künste aktiv sein, wo er Sekretär der Klasse Darstellende Kunst und Film ist. Sicher käme auch Neues. Und sonst? „Ich muss mich nicht neu erfinden, will Zeit haben für die Familie. Und ich werde die Weiterentwicklung der Staatsoperette verfolgen.“

Scheidende Intendanten meiden für gewöhnlich ihre alte Arbeitsstätte eine Zeit lang – er nicht? „Nein! Es war eine so tolle Herausforderung gewesen, dieses Spezialhaus für unterhaltsames Musiktheater zu gestalten. Ich gehe selbstverständlich in die Produktionen, aber ich gehe nicht mehr in die Kantine.“

Doch warum geht er erst mit 67 Jahren in Rente? Das ist an städtischen Einrichtungen eher selten. Er sollte das neue Haus zum Laufen bringen. Wäre er regulär mit 65 pensioniert worden, dann hatte er es nur ein halbes Jahr geführt – das sei seinen Leistungen für das Projekt unangemessen, entschied die Dresdner Verwaltung.

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„Ein Hauch von Venus“ am 22., 23. und 25. 6., 12., 13. und 14. 7.; Kartentel. 0351 32042222

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