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Iraker soll „gezielt Jagd auf Motorräder“ gemacht haben

Nach der Amokfahrt in Berlin wurde der Tatverdächtigen in eine Psychiatrie eingewiesen. Ermittler gehen von einem islamistisch motivierten Anschlag aus.

Auch einen Motorradfahrer hat der unter Anschlagsverdacht stehende Iraker absichtlich angefahren und schwerst verletzt.
Auch einen Motorradfahrer hat der unter Anschlagsverdacht stehende Iraker absichtlich angefahren und schwerst verletzt. © Paul Zinken/dpa

Von Frank Jansen, Julius Betschka und Alexander Fröhlich 

Das Geschehen auf der Berliner Stadtautobahn am Dienstagabend war offenbar dramatischer als bislang angenommen. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner, sagte bei einer Pressekonferenz am Mittwoch über den festgenommenen 30-jährigen Iraker Sarmad A.: „Der Mann ist dringend tatverdächtig, gezielt Jagd auf Motorräder gemacht zu haben.“ Zwei habe er erfolgreich gerammt, einen Motorroller touchiert. 

Insgesamt drei Menschen wurden verletzt, als einer von ihnen, ein Feuerwehrmann, schwebt in Lebensgefahr. Er ist hat schwere Kopf- und Wirbelverletzungen, sagte Steltner. „Es ist nicht klar, ob er durchkommt“, hieß es in Sicherheitskreisen. In einem Auto wurden zudem drei Insassen verletzt, als der Täter einen Motorradfahrer auf den Wagen schob.

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Die Amokfahrt auf der A100 begann am Dienstagabend gegen 18.35. Es kam zu Zusammenstößen in Wilmersdorf, Schöneberg und Tempelhof. Der Tatverdächtige A. stieg nach dem letzten Angriff aus seinem Auto aus, rollte auf der Autobahn einen Gebetsteppich aus und begann zu beten.

Ein Streifenpolizist, zufälligerweise mit arabischem Hintergrund, näherte sich dem Mann, sprach ihn an, zog ihn vom Fahrzeug weg und nahm ihn fest. Die Courage des Beamten sei beeindruckend, heißt es. Denn zuvor hatte Sarmad A. gedroht, dass sich gefährliche Gegenstände in der Kiste auf seinem Auto befänden.

Der 1990 in Bagdad geborene und in Reinickendorf lebende Sarmad A. ist der Polizei schon länger bekannt. Bis Oktober 2019 lebte er in einer Flüchtlingsunterkunft in Treptow-Köpenick. Dort fiel er 2018 mit Körperverletzungsdelikten auf.

Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße. Der Fahrer hatte nach drei Unfällen eine angebliche Kiste aus dem Auto auf die Straße gestellt.
Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße. Der Fahrer hatte nach drei Unfällen eine angebliche Kiste aus dem Auto auf die Straße gestellt. © Paul Zinken/dpa-Zentralbild

Bei einem Vorfall bedrohte er auch Polizisten und rollte, wie jetzt auf der Autobahn, einen Gebetsteppich aus. Der Iraker kam im August 2018 in die Psychiatrie, wurde aber nach kurzer Zeit wieder entlassen. Laut Staatsanwaltschaft hat er einen Duldungsstatus.

Möglicherweise hat sich Sarmad A. in der Flüchtlingsunterkunft radikalisiert. Der Iraker habe in Kontakt zu einem als Gefährder bekannten Islamisten gestanden, heißt es aus Sicherheitskreisen. Der Gefährder werde dem Spektrum der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zugeordnet.

„Es gibt bislang keine Erkenntnisse, dass weitere Personen an der Tat direkt beteiligt sind“, sagt Steltner am Mittwoch. Es gebe allerdings Hinweise, die ins islamistische Milieu führen, bestätigte er. Weitere Details nannte er auf Nachfrage nicht.

Fahrzeuge stehen auf der gesperrten A100. Die Insassen mussten ihre Autos verlassen, nachdem ein Pkw laut Polizei mehrere Unfälle verursacht hatte und der Fahrer anschließend behauptete, einen gefährlichen Gegenstand im Wagen zu haben.
Fahrzeuge stehen auf der gesperrten A100. Die Insassen mussten ihre Autos verlassen, nachdem ein Pkw laut Polizei mehrere Unfälle verursacht hatte und der Fahrer anschließend behauptete, einen gefährlichen Gegenstand im Wagen zu haben. © Paul Zinken/dpa

Die Generalstaatsanwaltschaft hat einen Haftbefehl gegen Sarmad A. wegen mindestens dreifachen versuchten Mordes beantragt. Inzwischen wurde entschieden, den Tatverdächtige vorläufig in die Psychiatrie zu bringen.

Die vermeintlichen Unfälle auf der Berliner Stadtautobahn soll Sarmad A. absichtlich herbeigeführt haben. „Die Abläufe und unsere derzeitigen Ermittlungsergebnisse lassen einen Anschlag vermuten“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, dem Tagesspiegel.

Äußerungen von A. legten außerdem ein islamistisches Motiv nahe. Nach Tagesspiegel-Informationen hatte der Mann auf der Autobahn A100 unter anderem „Allahu Akbar“ gerufen und gesagt: „Keiner kommt näher, sonst werdet ihr sterben“.

Staatsanwaltschaft: Hinweise auf psychische Labilität

In einer Pressemitteilung am Mittwoch schrieb die Berliner Staatsanwaltschaft, es gebe „Hinweise auf eine psychische Labilität. Anhaltspunkte für eine Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung hat die eigens ins Leben gerufene Ermittlungsgruppe „Motorrad“ des Polizeilichen Staatsschutzes bislang nicht feststellen können.“

Am Mittwoch wurde bekannt, dass der mutmaßliche Täter im Internet Hinweise auf die geplante Tat veröffentlichte, bevor er mit einem Fahrzeug mehrere Menschen verletzte. Auf seiner Facebook-Seite hatte der Iraker am Tattag Fotos des Autos, mit dem er später absichtlich mehrere Fahrzeuge rammte, sowie religiöse Sprüche gepostet.

Auf Arabisch schrieb er einen Text, in dem es heißt, er wolle am Freitag Palästina betreten, und: Gott ist groß. Außerdem schrieb er das Wort „Märtyrer“. Auf den Fotos sieht man den schwarzen Opel Astra, mit dem A. den Anschlag verübt haben soll. Er hat ein Berliner Kennzeichen.

Der Staatsschutz ermittelt

Weil Sarmad A. gesagt hatte, er habe eine Kiste mit gefährlichem Inhalt, ging die Polizei mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen vor. Kriminaltechniker durchleuchteten die Kiste, einer Polizeisprecherin zufolge fanden sie aber nichts Verdächtiges. Die Kiste sei gegen 22.30 Uhr mit einem Wassergewehr aufgeschossen worden. In ihr habe sich der ersten Untersuchung zufolge Werkzeug befunden. Sprengstoffspuren - von denen in Medienberichten kurzzeitig die Rede gewesen war - seien dagegen im Auto nicht gefunden worden, sagte die Sprecherin der Polizei. Der Mann wurde vorläufig festgenommen.

Am Abend übernahm der Staatsschutz die Ermittlungen, weil eine politische oder religiöse Tatmotivation nicht ausgeschlossen werden könne. Das liege an Verhalten und Äußerungen des Tatverdächtigen bei der Festnahme, hieß es. Am Morgen erhärtete sich dieser Verdacht.

Autobahn wurde am Mittwoch für Ermittlungen gesperrt

Die A100 war über mehrere Stunden bis in die Nacht in beide Richtungen gesperrt, es bildeten sich lange Staus. Viele Fahrer mussten wegen des kurzzeitigen Verdachts auf Sprengstoff ihre Fahrzeuge verlassen. Am späten Abend wurden sie wieder zu ihren Autos gebracht, damit sie weiterfahren können.

Auch am Mittwochmorgen kam es zu erheblichen Einschränkungen im Berliner Straßenverkehr. Wegen der Ermittlungen der Polizei gab es Sperrungen auf der südlichen Stadtautobahn, die zu Staus führten. Gegen zehn Uhr war die Stadtautobahn in Fahrtrichtung Neukölln zwischen Kurfürstendamm und Alboinstraße komplett gesperrt. Am Morgen warnte die Verkehrsinformationszentrale: „Wer heute morgen unbedingt über den Stadtring fahren muss, sollte wesentlich mehr Zeit einplanen.“

Gegen Mittwochmittag hatte die Polizei die Untersuchungen vor Ort zum größeren Teil beendet. Die Sperrungen der Autobahn Richtung Neukölln wurden weitgehend aufgehoben. Zwischen Kurfürstendamm und Hohenzollerndamm gab es laut Verkehrsinformationszentrale allerdings weiterhin eine Sperrung.

Polizei setzte Drohne für Ermittlungen ein

Die Kriminalpolizei hatte für die Untersuchungen ganze Fahrbahnen gesperrt und am Dienstag auch eine Drohne für Video- und Fotoaufnahmen aus der Luft eingesetzt. Während die Drohne flog, mussten aus Sicherheitsgründen beide Fahrtrichtungen der Autobahn gesperrt werden.

Das stark beschädigte Auto des Fahrers stand zuletzt auf der Autobahnausfahrt Alboinstraße in Berlin-Tempelhof in Fahrtrichtung Osten und Neukölln. Dort in der Nähe hatte sich wohl der dritte Crash ereignet. Auf der Fahrbahn lagen einige Trümmer und ein Motorradhelm. Ein Motorrad war quer in die Front des Wagens geklemmt, wie auf Fotos zu sehen war. Offenbar hatte der Fahrer das Motorrad mit großer Gewalt gerammt. Insgesamt wurden drei Menschen schwer und drei weitere leicht verletzt.

Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße.
Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße. © Paul Zinken/dpa

Die anderen beiden Zwischenfälle, bei denen der Mann andere Fahrzeuge rammte, geschahen weiter westlich auf der Autobahn in Wilmersdorf und Schöneberg.

Müller: „Meine Gedanken sind bei den Verletzten und deren Angehörigen“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat mit Entsetzen auf den mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf der Stadtautobahn reagiert. „Es schockiert mich zutiefst, dass der Unfall auf der A 100 offenbar absichtlich herbeigeführt wurde und der Vorfall auf der Autobahn von der Ermittlern inzwischen als Anschlag eingestuft wird“, erklärte der SPD-Politiker am Mittwoch auf Twitter. „Ich wünsche allen Opfern schnelle Genesung und viel Kraft für diese schwere Zeit. Meine Gedanken sind bei den Verletzten und deren Angehörigen.“

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) teilte am Mittwoch mit, man gehe nach jetzigem Stand der Erkenntnisse von einem islamistischen Anschlag aus; ein religiös motivierter Tathintergrund sei nicht auszuschließen. Dies würden jetzt die weiteren Ermittlungen zeigen.

"Ich bin bestürzt, dass Unbeteiligte aus dem Nichts heraus Opfer einer Straftat geworden sind", so Geisel. "Wenn ein Auto gezielt auf Motorradfahrer auffährt, haben diese keine Chance. Ich hoffe, dass die drei Schwerverletzten sich rasch wieder erholen. Einer von ihnen ist Angehöriger der Berliner Feuerwehr, der auf dem Heimweg war. Ihnen allen gelten unsere Genesungswünsche."

Auf Twitter teilte Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) am Mittwoch mit: "Leider müssen wir von einem islamistischen Anschlag ausgehen. Den Verletzten wünsche ich schnelle und vollständige Genesung. Die Zentrale Anlaufstelle wird Kontakt mit den Opfern und Angehörigen suchen." Um 15 Uhr würden Generalstaatsanwältin Margarete Koppers und er im Rechtsausschuss informieren. (mit dpa)

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