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Dippoldiswalde

Der neue Boss vom Lugsteinhof

Andreas Sämann will das einstige Ferienheim der Stasi in Zinnwald modernisieren. Die Handwerker sind schon da. Aber Corona auch.

Der Lugsteinhof hat neue Chefs. Mit dem DDR-Charme im höchstgelegenen Hotel des Osterzgebirges wollen sie brechen, aber nicht mit der Tradition.
Der Lugsteinhof hat neue Chefs. Mit dem DDR-Charme im höchstgelegenen Hotel des Osterzgebirges wollen sie brechen, aber nicht mit der Tradition. © Egbert Kamprath

Chaos macht Andreas Sämann keine Angst. Er liebt es sogar. Aber jetzt, so scheint es, wird es selbst ihm zu fett. Das liegt an Corona. Ausgerechnet in den sonst so stillen Wochen, wo Sämann den Lugsteinhof umkrempeln wollte, geht alles drunter und drüber. Gestern hat er sich noch über hundert Kilo nicht lieferbare Nudeln geärgert und Anträge für Kurzarbeit geschrieben. Heute ist schon die Hälfte der Mitarbeiter gar nicht erst auf Arbeit. Es hagelt Stornierungen. Die verbliebenen Gäste wurden im Haupthaus konzentriert, der Rest des Hotel praktisch aufgegeben. Im Restaurant ist nur noch ein einziges Gericht zu haben, zum Schutz des Personals in Selbstbedienung. Sämann weiß nicht, was morgen kommt. Er sieht die Krise als Bewährungsprobe. "Nur im Chaos kann man sich beweisen."

"Ich bin ein bodenloser Optimist." Trotz Corona-Krise und fast leerem Haus nimmt Andreas Sämann, 53, der neue Manager des Lugsteinhofs, die Modernisierung des Hotels in Angriff.
"Ich bin ein bodenloser Optimist." Trotz Corona-Krise und fast leerem Haus nimmt Andreas Sämann, 53, der neue Manager des Lugsteinhofs, die Modernisierung des Hotels in Angriff. © Karl-Ludwig Oberthuer

Beweisen will Sämann sich. Er ist der neue Manager des höchstgelegenen Hotels im Osterzgebirge, des Hotels Lugsteinhof in Zinnwald. Seine Firma, die Windsor Servicegesellschaft aus Dresden, ist jetzt Pächter und Betreiber des Traditionshauses mit dem festen Willen, es bis zum Sommer sogar zu kaufen. Handwerker schleppen bereits neue Möbel durch die Lobby. Zwei Zimmer werden renoviert, als Muster, damit man sie für die neue Saison anpreisen kann. Es gibt kein Zurück mehr, sagt Sämann. Zweihundert Hotels hat er sich in Sachsen angeguckt. Entweder man verliebt sich in so ein Haus, oder eben nicht. Und er hat sich verliebt, in den Lugstein und sein Potenzial. "Das Objekt lässt uns alle Möglichkeiten."

Die Möglichkeiten begeisterten einst schon das Ministerium für Staatssicherheit, das den Lugsteinhof als Ferienheim "Am Lugstein" in den 1970ern errichtete. Die Stasi sprengte dafür den Vorgängerbau, das Gebirgshotel Lugsteinhof, das seit 1923 der Familie Kadletz gehört hatte. Nach dem Ende der DDR kauften die Kadletzens ihren alten Besitz, nun aber in Gestalt des MfS-Heims, zurück. Konrad Kadletz, Enkel des alten Hoteliers, war zuletzt alleiniger Eigentümer. Der Ingenieur mit Wohnsitz bei Kassel mischte sich im Tagesgeschäft aber kaum noch ein. Jetzt ist er 63, Kinder und Enkel leben in Australien. Dorthin zieht es ihn nun ebenfalls. "Die Vernunft gebietet mir, das Haus abzugeben."

Kadletz und Windsor verhandelten dreieinhalb Jahre über den Lugsteinhof. Letzten Herbst einigte man sich endlich. Windsor gehört bereits ein gleichnamiges Hotel in Dresden. Für den Lugstein inklusive Renovierungskosten gibt die Gesellschaft rund sechs Millionen Euro aus. Die Sparkasse finanziert, die Sächsische Aufbaubank soll bürgen. Zehn Prozent der Summe steuert Windsor selber bei. Konrad Kadletz hält das Konzept der Investoren für klug. "Ich glaube, die kriegen das hin." Andreas Sämann bekräft die lauteren Absichten seiner Firma. Man missbrauche das Hotel nicht als Spekulationsobjekt, sagt er. "Wir wollen mit dem Haus arbeiten."

Das Gesicht des Lugsteinhofs wird sich stark verändern. Wo etwa seit 1978 die Schnitzerstube ist, werden weitere Hotelzimmer entstehen.
Das Gesicht des Lugsteinhofs wird sich stark verändern. Wo etwa seit 1978 die Schnitzerstube ist, werden weitere Hotelzimmer entstehen. © Frank Baldauf

Zu tun gibt es viel. Die Haustechnik will Sämann komplett erneuern. "Da steht ja überall noch VEB drauf." Außerdem sei der Lugstein für seine Gäste viel zu groß. Auf einen Gast kämen um die 200 Quadratmeter Fläche, die zu bewirtschaftet viel Geld koste. Üblich seien in der Region 55 bis 60 Quadratmeter. Um das Verhältnis günstiger zu gestalten, will Sämann die Anzahl der Zimmer steigern, von jetzt rund einhundert auf 130. Sechzig Prozent der Zimmer sollen einmal Vierbettzimmer sein. "Unser Thema wird heißen: Familien, Familien, Familien."

Für die Ausdehnung des Wohnraums sind Opfer nötig. So werden zwei von der Stasi einst mühevoll ausstaffierte Erlebnisbereiche, die Zinnstube und die Schnitzerstube, verschwinden. Das Lugsteinstübel mit seinen heimeligen Butzenscheibenfenstern wird verlegt, die Kaminstube zum Restaurant umgebaut. Auch in der Lobby soll sich vieles ändern. Die Rezeption wird versetzt und, so ist es Sämanns Plan, in Form einer Grubenbahn gestaltet. Wer Hunte übrig hat, soll sich ruhig melden, sagt er.  

Sämtliche Zimmer des Lugsteinhofs werden in den nächsten beiden Jahren renoviert. Dieses Bild zeigt, wie man sich das Ergebnis vorstellt.
Sämtliche Zimmer des Lugsteinhofs werden in den nächsten beiden Jahren renoviert. Dieses Bild zeigt, wie man sich das Ergebnis vorstellt. © Windsor Servicegesellschaft

Der neue Lugstein soll heller werden. Viel Eiche und viel Metall will Sämann einsetzen. Und er will den Lugstein an den elektronischen Reisemarkt anschließen, wo der Computer mit den Gästen kommuniziert und die Buchungen ohne Aufwand für die Mitarbeiter abwickelt. Der Gast wird durchdigitalisiert, sagt der Manager. Allein für das neue IT-Konzept werden 150.000 Euro investiert.

Die Zahl der Mitarbeiter will der neue Lugsteinboss nicht reduzieren. Im Gegenteil. Er will sie aufstocken, von jetzt etwa vierzig Leuten auf fünfzig. Viele Angestellte sind schon ewig im Lugstein, manche von Anfang an, also seit vierzig Jahren. Sämann will sie alle mitnehmen in seine Moderne. Aber er macht sich auch nichts vor. "Es wird eine Herausforderung, sie zu motivieren für den neuen Weg."

Wie kam die Stasi ins Osterzgebirge? Reporter Jörg Stock erzählt die Story des geheimnisumwitterten Hotels in der "Akte Lugstein". Jetzt neu in den SZ-Treffpunkten.  
Wie kam die Stasi ins Osterzgebirge? Reporter Jörg Stock erzählt die Story des geheimnisumwitterten Hotels in der "Akte Lugstein". Jetzt neu in den SZ-Treffpunkten.   © SZ

Jochen Löbel, Hoteldirektor seit 1994, will diesen Weg mitgehen. Er soll weiter das Tagesgeschäft leiten. Löbel hatte die Stasi-Vergangenheit des Lugstein nie verleugnet und Sachzeugen aus dieser Zeit gesammelt. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte: Auch Andreas Sämann hat einmal dem MfS gedient. Hätte es die Geschichte nicht anders gewollt, wäre er heute Offizier in der Spionageabwehr. Und wer weiß: Vielleicht würde er im Ferienheim "Am Lugstein" Urlaub machen.

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