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„Die Stadt wieder erlebbar machen“

Was soll aus der Bahnhofstraße in Radebeul-West werden? Ex-Oberbürgermeister Volkmar Kunze hat Argumente, was für welche Variante spricht.

Wird gut angenommen und muss noch wachsen: der neue Samstagmarkt auf der Bahnhofstraße.
Wird gut angenommen und muss noch wachsen: der neue Samstagmarkt auf der Bahnhofstraße. © Norbert Millauer

Radebeul. Die Bürger in Radebeul sind aufgerufen, bis 28. August abzustimmen, was aus der Mitte der Bahnhofstraße in West werden soll. Fußgängerzone, Einbahnstraße oder alles bleibt, wie es ist. Einer, der sich auskennt, auch weil er seit Generationen in unmittelbarer Nähe wohnt, ist Radebeuls ehemaliger Oberbürgermeister Volkmar Kunze.

Er hat sich Gedanken gemacht und analysiert, was mit dem Straßenstück und der Umgebung passieren sollte und könnte.

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Klare Argumente nötig für Schutz der Fußgänger und flüssigen Verkehr

Eine verkehrsrechtliche Anordnung im öffentlichen Straßenverkehr findet dann Beachtung durch die Verkehrsteilnehmer (Fahrzeugführer, Radfahrer und Fußgänger), wenn sie durch straßenbauliche Maßnahmen überzeugend untersetzt wird, etwa Tempo 30 auf Altkötzschenbroda durch die Verschwenkungen und Gegenverkehr. Verkehrsvorschriften ohne solche „Argumente“ laufen häufig ins Leere.

Einbahnstraßen mit gerader Führung, also ohne Zwangsverschwenkungen, zum Beispiel durch Hindernisse - Parkordnung rechts und links abwechselnd -, führen zur Verkehrsbeschleunigung. Fußgängerüberwege müssen frühzeitig erkennbar sein, ebenso Querungshilfen für Fußgänger durch Lichtsignalanlagen. Jede Zwangsführung von der oberen Bahnhofstraße in die Güterhofstraße als Rechtsabbieger birgt Gefahren für Fußgänger, die zwischen „Pönitz“ und Bahnhof über die Güterhofstraße wechseln. Sie können den kommenden Verkehr auf der oberen Bahnhofstraße aus Richtung Meißner Straße nicht einschätzen. Das Zeichen 133 entfaltet in der Verkehrspraxis kaum Wirkung.

Auch ist in der Verkehrspraxis festzustellen, dass sehr viele Fahrzeugführer die Bestimmungen der Verkehrsregeln nicht kennen. Deshalb müsste bereits unter der Bahnunterführung eine Vorwarnampel (gelbes Blinklicht bei Rot für Kfz an der Querungshilfe mit Lichtsignalanlage) angebracht werden. Als problematisch könnte sich der Rückstau in die Meißner Straße zeigen.

Vielen Fußgängern wiederum ist der Inhalt (Zeichen 350 „Fußgängerüberweg“) nur mäßig bekannt. Nicht selten benutzen Radfahrer auch gleich mal Fußgängerüberwege ohne abzusteigen und glauben, dass ihnen das zustehe. Verkehrskontrollen werden dazu kaum durchgeführt.

Die Auswirkungen auf die Harmoniestraße, die Oscar-Pletsch-Straße, die Kleine Elbstraße und die Ludwig-Jahn-Straße sind bei keiner der Varianten dargestellt.

Alles bleibt beim Alten – geparkt wird oft wie jeder das möchte

Zur Variante 1 „Fast alles bleibt beim Alten, keine Parkplätze auf der Straße“: Die Stadt Radebeul hat vor reichlich 20 Jahren die Gehwege der Bahnhofstraße mit der Kleinpflasterung großflächig repariert. Die heute bestehenden Baumscheiben wurden geschaffen. Bereits kurz nach der Fertigstellung nahmen Fahrzeugführer das nicht bestehende „Angebot“ an und nutzten den breiten Gehweg, um ihre Einkaufswege zu verkürzen. Die Stadt Radebeul regierte auf das sehr willkürliche Parken und richtete mit Pflastersteinen Parkmarkierungen längs zur Fahrbahn ein.

Wenn man heute den genutzten Verkehrsraum beobachtet, muss man leider feststellen, dass die heutigen Fahrzeugführer nicht mehr schauen, wo und wofür etwa eine solche „Parkraumnutzung“ bestehen könnte, vielmehr parkt man längs zur Fahrtrichtung (notfalls auch im Gegenverkehr), schräg zur Straße oder gar quer zur Straße, möglichst bis in die Auslagen der noch aktiven Geschäfte. Von einer Einkaufsstraße kann keine Rede mehr sein. Auch Angestellte der Verkaufseinrichtungen parken manchmal so den ganzen Tag, nichts mit „Kurzzeitparken“ für den Einkauf.Es wäre ein frommer Wille zu glauben, dass nicht mehr wild geparkt wird. Das Ordnungsamt hätte ständig Grund zum Einsatz. Wegen des Verkehrsverhaltens einiger Verkehrsteilnehmer muss ich für mich deshalb diese Variante verwerfen.

Güterhofstraße, Ecke Bahnhofstraße: Hier sollte eine Ampel zum Fußgängerschutz hin.
Güterhofstraße, Ecke Bahnhofstraße: Hier sollte eine Ampel zum Fußgängerschutz hin. © Arvid Müller
Knoten Sparkasse Kötzschenbroda: Die Kreuzung würde mit einer Fußgängerzone entlastet.
Knoten Sparkasse Kötzschenbroda: Die Kreuzung würde mit einer Fußgängerzone entlastet. © Arvid Müller

Einbahnstraße in Richtung Nord - unechte Einbahnstraße schon jetzt

Einbahnstraße in Richtung Nord - unechte Einbahnstraße schon jetztBei ersten Betrachtungen klingt das interessant. Wir haben an der südlichen Bahnhofstraße wenig Parkmöglichkeiten, weil die Straße zu eng ist. Der „ruhende Verkehr“ beschränkt sich in der Regel auf den Sprung zum Geldautomaten oder mal schnell zum Bäcker. Eine längere Parkdauer ist kaum zu registrieren. Die Straßenführung ist eine „unechte Einbahnstraße“ nach Süden. Nach dem Szenario dieser Variante wäre gerade gegenläufig die Einbahnstraße nach Norden auf der mittleren Bahnhofstraße das Angebot.

Ob nun angeordnet oder nicht, es würde Verkehrspraxis, auch hier die „unechte Einbahnstraße“ zu nutzen, zumindest so lange Quell- und Zielverkehr in Verbindung mit medizinischen Dienstleistungen gegeben ist. Es würde eingeschränkt dazu führen, dass nach Norden ausgefahren wird, links in die Güterhofstraße abgebogen, um dann über die Kötitzer Straße (Abkürzung über die Oscar-Pletsch-Straße oder Kleine Elbstraße, Richtung Sparkasse, südliche Bahnhofstraße) nach Altkötzschenbroda zu gelangen. Ortskundige fahren dann nicht weiter nach Norden, sie nehmen die Abkürzung über die Harmoniestraße (kürzeste Möglichkeit, um bei Einhaltung der Einbahnstraßensituation), um legal von der mittleren Bahnhofstraße nach Altkötzschenbroda und weiter nach Dresden zu gelangen.

Fußgängerzone - Straße auf Fußwegniveau anheben, Poller setzen

Eine „Fußgängerzone“ ist die konsequente Lösung, um das „Flanieren“ zwischen Einkaufsmöglichkeiten anzubieten. Die Fußgängerzone muss als Abgrenzung zum Verkehrsraum des fließenden Verkehrs wie eine Grundstücksausfahrt straßenbaulich gestaltet sein. Um das denkmalgeschützte Kleinpflaster auf den bisherigen Gehwegen der mittleren Bahnhofstraße zum Maßstab zu machen, wäre die gesamte bisherige Fahrbahn auf diese Ebene anzuheben. Die Entwässerungsgerinne bleiben, auf die Bordsteine kann verzichtet werden.

In der Straßenraumgestaltung von der östlichen Hermann-Ilgen-Straße in westlicher Richtung wäre die mittlere Bahnhofstraße durch einen Bord abzugrenzen, ebenso als Verlängerung der Harmoniestraße, verschwenkt als Straßenfläche aus der oberen Bahnhofstraße/Einfahrt mittleren Bahnhofstraße in die Harmoniestraße.

Die Fußgängerzone wäre zusätzlich mit Einfahrbehinderungen (absenkbare Poller) auszustatten. In der Praxis ist häufig anzutreffen, dass die Poller für den Lieferverkehr sowie stadtwirtschaftliche Dienstleistungen und Müllabfuhr von 7 Uhr bis 10 Uhr abgesenkt werden, danach kann nur über Induktionsschleifen ausgefahren werden. Wird das nicht vorgesehen, kann das Verkehrsziel „Fußgängerzone“ nicht erreicht werden. Fahrzeugführer würden nur schauen, ob irgendwo kontrolliert wird (wäre aufgrund der Kürze überschaubar) und fahren.

Einbahnstraßen umdrehen bringt nur zusätzliche Gefahren

Unklar ist, warum bei zwei Varianten die Einbahnstraßen westliche Hermann-Ilgen-Straße und Wilhelm-Eichler-Straße gedreht werden sollen. In der Stadt Radebeul gibt es zwei Trassen in ost-/westlicher Richtung, die Meißner Straße und die Kötzschenbrodaer Straße. Auf beiden Trassen ist erheblicher Lkw-Verkehr vorhanden, in westlicher Richtung auf der Kötzschenbrodaer Straße/Vorwerkstraße/östliche Hermann-Ilgen-Straße in die Gewerbegebiete Fabrikstraße, Planeta und Kötitz.

Vor einigen Jahren wurde die westliche Hermann-Ilgen-Straße umgebaut. Die Fahrbahnbreite ist stellenweise auf 3,20 Meter eingeengt. Um die vorhandenen Verkehre aus Richtung Dresden in westliche Richtung aufnehmen zu können, müsste ein erneuter Umbau erfolgen, der ausgeprägte ruhende Verkehr der Anwohner wäre zu unterbinden.Ein Problem entstünde auch am „Knoten Sparkasse“. Die Einfahrt in die mittlere Bahnhofstraße ist bei Umbau zur Fußgängerzone untersagt. Der Kfz-Verkehr aus Richtung Dresden verschwenkt links in die westliche Hermann-Ilgen-Straße und begegnet dem zwingend nach rechts abbiegenden Verkehr aus der („umgedrehten“) Wilhelm-Eichler-Straße, der nur in die südliche Bahnhofstraße fahren darf. Diese Verkehrsituation bringt zahlreiche Gefahrensituationen (doppelte Abbiegerbegegnung) mit sich und kann nicht als zielführend gesehen werden.

Bei der Anordnung „Fußgängerzone“ auf der mittleren Bahnhofstraße ist diese „Umkehrung“ der Einbahnstraßen auch nicht erforderlich. Es ist ein Irrglaube, dass die gezeichneten Verkehrsleitlinien tatsächlich eingehalten werden.

Größere Mengen „Schleichverkehre“ würden zur Verkehrsverdichtung auf der Harmoniestraße, der Oscar-Pletsch-Straße, der Kleinen Elbstraße und der Ludwig-Jahn-Straße führen. Als Anwohner der Harmoniestraße möchte ich dazu nicht weiter argumentieren, verweise auf die hohe Verkehrsdichte und das kompromisslose Verhalten der Fahrzeugführer zu den Zeiten des täglichen Schulbeginns und Schulendes. Ob hier in Verbindung mit dem zukünftigen Campus ein verkehrsberuhigter Bereich (in der Regel nur mit Gegenverkehr zulässig) denkbar sein könnte, möchte ich an dieser Stelle nicht bewerten, es könnte aber ein Betrachtungsgegenstand sein.

Fazit: Fußgängerzone ist die günstigste Variante zum Einkaufen

Trotz zahlreicher noch offener Fragen ist für die Stadtentwicklung in Kötzschenbroda die Fußgängerzone unter den aufgezeigten Varianten mit dem Gestaltungsziel „Einkaufen“ der günstigere Weg. Die Verkehrsgestaltung ist in der „Einkaufszone Hauptstraße“ vergleichsweise auch sehr wenig optimal, die Parkmöglichkeiten viel zu üppig, um überhaupt noch „Stadt“ zu sehen, geschweige denn „STADT“ zu erleben.

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