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Stadtbummel mit Captain Kirk

Antje Strauch baut Fantasiewelten mit Actionfiguren und teilt die Motive mit einer riesigen Fanszene. Kein Kinderspiel!

© René Meinig

Von Henry Berndt

Dresden. Ihr erster Jack hatte nicht mal ein Knie. „Der Arme kann deswegen auch nicht sitzen“, sagt Antje Strauch. Jack O’Neill, der smarte Colonel aus der Serie „Stargate“, wird es verschmerzen können. Zum Trost bekam die 15 Zentimeter hohe Figur mit ein bisschen Farbe eine wunderbare Tarn-Fleck-Hose verpasst. „Die passt viel besser zu ihm“, sagt die 43-Jährige.

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Mit Jack fing vor elf Jahren alles an. Wurde der doch in der Serie von ihrem Liebling Richard Dean Anderson gespielt, den sie schon in den 90ern anhimmelte. Damals bastelte ihr Held sich als „Mac-
Gyver“ auch in den ausweglosesten Situationen noch einen Ausweg, gern aus Klebeband, Wattestäbchen und Zahnseide. Im Flur von Antje Strauchs Wohnung in Löbtau hängen gerahmte Fotos, die sie Arm in Arm mit Anderson zeigen. Gleich zweimal flog sie extra für ihn nach Vancouver, traf ihn und besuchte bei der Gelegenheit gleich originale Drehorte.

„Eigentlich wollte ich ja nur diese eine Figur haben“, sagt sie, aber jeder Charakter aus der Serie habe noch einen Teil des „Star Gates“ mitgebracht. Das wollte sie schon gern. Also kaufte sie doch alle. Sie wusste sich schon als Kind zu helfen, wenn sie etwas haben wollte. „In der DDR waren wir doch alle kleine MacGyvers.“ Weil es damals keine Figuren von Winnetou und Old Shatterhand gab, bastelte sie sich einfach selbst welche aus Suralin. Mit Barbiepuppen, wie sie ihre Freundinnen hatten, konnte sie dagegen nie etwas anfangen. „Ich musste erst 30 Jahre alt werden, um zu kapieren, was die Leute so toll finden am An- und Ausziehen von Puppen“, sagt sie heute. Denn es blieb nicht bei den Figuren aus „Star Gate“. Bald fand Antje Strauch Gefallen daran, ihre kleinen Männchen zu drapieren und mit ihnen Filmszenen nachzustellen. Regelmäßig kommt dafür seitdem ihr Küchentisch zum Einsatz. Sie besorgt sich Hintergründe und fotografiert die Szenen, bevor sie wieder demontiert werden. Ganze Comics inklusive Sprechblasen entwirft sie auf diese Weise.

Vom FDJ-Tuch zum Hemd

Nach „Stargate“ entdeckte Antje Strauch die alten „Star-Trek“-Filme für sich. Spock und Kirk mussten her. Es folgten weitere US-Serien wie Doctor Who, Gotham und zuletzt Sherlock. Die moderneren Figuren haben doppelte Kniegelenke und bewegliche Füße. Damit können sie praktisch in jede Pose gebracht werden. Doch auch das reicht Antje Strauch oft nicht aus. Weil sich Captain Kirk in den Filmen häufig prügelt, formte sie für ihre Kirk-Figur eine nackte Brust und schneiderte dazu ein aufgerissenes gelbes Hemd, das sie aus einem alten FDJ-Tuch schnitt. „Zum Glück werfe ich nie etwas weg“, sagt sie. Hier färbt sie Haare neu, dort krempelt sie die Ärmel hoch. Andere Helden bekommen auch schnell mal einen anderen Kopf, wenn ihr die Uniformen nicht gefallen.

Die Glasvitrinen in ihrer Wohnung sind inzwischen rappelvoll. Um die 200 Figuren sollen es sein, in drei verschiedenen Größen. Die größten, 30 Zentimeter hoch, kosten um die 200 Euro, „sind aber jeden Cent wert“, wie sie betont. Für sie ist das keine Wertanlage, sondern spaßiger Zeitvertreib. Viele Figuren bringen auch Zubehör mit, von Tischen und Waffen bis zu Wechsel-Händen mit verschiedenen Posen. Kistenweise lagern die Kleinteile in Antje Strauchs Schränken. Für die Erschaffung ihrer Traumwelten dienen ihr oft auch Schlüsselanhänger, Radiergummis und Kühlschrankmagnete als Accessoires.

Wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählt, dann spricht sie oft von „wir“ – und meint damit Gleichgesinnte, die sie im Internet gefunden hat. „Fanfiction“ nennt sich die Szene, die sie begeistert – und mit deren Hilfe sie ganz nebenbei fließend Englisch lernte. „Bis dahin dachte ich, nur ich allein wäre so verrückt.“ Antje Strauch hat weder einen Mann noch Kinder, fand aber in den Online-Foren trotzdem eine Art Familie. Weil sie anfangs ständig aus der Bibliothek geworfen wurde, kaufte sie sich extra einen eigenen Computer. Gegenseitig posten die Fans täglich Bilder ihrer neusten Kreationen. „Ich lasse meine Figuren ungern kämpfen, sondern hole sie lieber in alltägliche Situationen“, sagt „Astra“, wie sie sich in dieser Welt nennt. Captain Kirk beim Unkrautzupfen, Colonel O’Neill am Strand, Sherlock Holmes in einer Marschkapelle. Alles, was denkbar ist, ist auch möglich. „Das ist meine kleine heile Welt.“

Van Gogh trifft Obama

Jede freie Minute, die sie nicht als Bauzeichnerin in einem Ingenieurbüro verbringt, widmet sie sich ihren Figuren. Auch Michelangelos „Denker“, Vincent van Gogh samt Staffelei und Barack Obama gehören zu ihren Protagonisten, die sich auch problemlos mal miteinander zum Picknick treffen können.

Oft bekommt Antje Strauch Besuch von anderen Fans aus ganz Deutschland. Dann spielen sie gemeinsam oder machen mit ihren Figuren Ausflüge in die Innenstadt oder die Sächsische Schweiz. „Erst gucken die Leute schon ein wenig komisch“, sagt sie. „Aber dann wollen sie oft selbst ein Foto machen.“