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Denkmalschützer sichern Schuhwerkstatt

Das Stadtforum Zittau birgt Mobiliar, Maschinen und mehr aus dem geschlossenen Laden der Familie Rücker in der Luxemburg-Straße. Und findet Schätze.

Thomas Göttsberger vom Stadtforum Zittau in der ehemaligen Schuhmacherei Wolfgang Rücker in der Rosa-Luxemburg-Straße. Die Aufnahmen sind vor der Corona-Krise entstanden.
Thomas Göttsberger vom Stadtforum Zittau in der ehemaligen Schuhmacherei Wolfgang Rücker in der Rosa-Luxemburg-Straße. Die Aufnahmen sind vor der Corona-Krise entstanden. © privat, Quelle: Thomas Göttsberger

Die Schuhmacherei von Wolfgang Rücker ist wie eine Schatzkiste. Eine Schatzkiste voller historischer Kostbarkeiten. Die älteste Maschine der Zittauer Schuhhersteller-, -verkäufer- und Reparaturdynastie an der Rosa-Luxemburg-Straße stammt von 1911. Ein Bild des Gründers hängt seit Anbeginn im Geschäft. Das Mobiliar stammt aus Großelterns Zeiten. "Laden- und Werkstatt-Einrichtung hat sich in all den Jahren nicht geändert", so Kerstin Rücker, Tochter des 2019 verstorbenen Schumachermeisters. Auch Schuhmuster, Kasse, Werkzeuge und das Scherengitter vor den Schaufenstern haben die Jahrzehnte überdauert. 

Und sie werden die Zeit weiter überdauern. In Absprache mit den Erben von Wolfgang Rücker sichert das Stadtforum Zittau die Hinterlassenschaft. "Uns ist wichtig, sie zu bergen, zur retten", sagt Mitglied Thomas Göttsberger. Der Kontakt zu den Erben kam über einen Dresdner Architekt zustande, der sich mit der Zittauer Historie befasst und ein Haus in der Inneren Weberstraße sanieren will. Kerstin Rücker freut das: "Wir sind sehr froh, dass der Laden und die Werkstatt unseres Vaters und Ehemanns für die Nachwelt erhalten wird und sein Andenken gewahrt bleibt." Die Erben wollen den 2019 geschlossenen Laden in dem spätklassizistischen, zu DDR-Zeiten umgebaute Haus zu privaten Zwecken nutzen. 

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Durch Krieg und Schicksalsschläge

Gegründet worden war das Geschäft von Wendelin Rücker 1897, damals noch in der  Weinau-, jetzt Hammerschmidtstraße. 1909 zog das Geschäft in der Rosa-Luxemburg-, früher Frauenthorstraße, in das Gebäude, in dem zuvor eine Seilerei, eine Zigarrenhandlung sowie ein Barbier und Friseur beheimatet waren. 1918 kaufte er laut der Erben das Haus. 

1924 übernahm sein Sohn Erich das Geschäft. Er war lange Zeit Obermeister der Zittauer Schuhmacherinnung. Während des Krieges führte laut Kerstin Rücker der Altgeselle das Geschäft. "Nach dem Krieg, aus dem er erkrankt zurück kam, steckte er zwei seiner Kinder an", schreibt sie. "Die Tochter verstarb. Der ältere Sohn überlebte zwar, hatte aber nur noch eine halbe Lunge und war nicht mehr arbeitsfähig." So musste Sohn Wolfgang mit 14 Jahren eine Schuhmacher-Lehre beginnen, um den Lebensunterhalt der Familie und der Angestellten zu sichern. In dieser Zeit übernahm seine Mutter Elfriede Rücker provisorisch das Geschäft, da Wolfgang noch nicht volljährig war. Etwa 1960, mit 18 Jahren übernahm er als frischgebackener Schuhmachermeister das Geschäft und führte es bis zu seinem Tod im April 2019.

Wie in einer Zeitkapsel

Der Schuhmachermeister hat trotz Mangelwirtschaft immer versucht, die Wünsche der Kunden zu erfüllen, so Kerstin Rücker. "Sein Motto: Die Schnürsenkel sind noch gut, alles andere kann repariert werden." Die dahinter stehende Sparsamkeit können die Mitglieder des Stadtforums bestätigen. "Kein Rücker hat etwas weggeworfen", sagt Thomas Göttsberger. Neben Maschinen aus der Kaiserzeit finden sich Gebrauchsmuster aus der Vorkriegszeit und DDR-Chemie aus Nüchritz. "Es ist als wäre die Zeit stehen geblieben, als befände man sich in einer Zeitkapsel", sagt Göttsberger begeistert. Zwei Funde haben ihn besonders beeindruckt: Zum einen hat Wolfgang Rücker 1997 zum 100. Gründungsjubiläum des Geschäfts ein Schild ins Fenster gehängt - dessen Rückseite er 20 Jahre später wieder bemalte und als Hinweis auf das neuere Jubiläum aushängte. Zum anderen ist das eine wohl über 100 Jahre alte Postkarte, auf der die verschiedenen Uniformen des in Zittau bis 1918 untergebrachten 102. Infanterie-Regiments des Kaiserreiches zu sehen sind. Das Regiment war in Göttsbergers Mandaukaserne untergebacht. 

Mit Hilfe einer Firma katalogisiert und sichert das Stadtforum, dass sich vor allem dem Denkmalschutz verschrieben hat, nun das Inventar. Eines Tages soll es der Öffentlichkeit präsentiert werden. Wie und wann steht noch nicht fest. Man habe aber bereits mit dem Direktor der Städtischen Museen Zittau Kontakt aufgenommen, so Göttsberger. Bis dahin bleibt der historische Schatz an einem sicheren Ort.

Das Ladenschild in der Zittauer Rosa-Luxemburg-Straße.
Das Ladenschild in der Zittauer Rosa-Luxemburg-Straße. © Rafael Sampedro
So kennen die meisten Zittauer das Geschäft.
So kennen die meisten Zittauer das Geschäft. © privat, Quelle: Stadtforum
So sah der Verkaufsraum aus.
So sah der Verkaufsraum aus. © Stadtforum Zittau
Die Werkstatt.
Die Werkstatt. © Stadtforum Zittau
Dass der Schuhmachermeister sehr sparsam war, beweist dieses Schild zum 100. Gründungsjubiläum des Geschäfts. 
Dass der Schuhmachermeister sehr sparsam war, beweist dieses Schild zum 100. Gründungsjubiläum des Geschäfts.  © Stadtforum Zittau
.... Zum 120. hat er die Rückseite benutzt.
.... Zum 120. hat er die Rückseite benutzt. © Stadtforum Zittau
Ein Foto aus Anfangstagen.
Ein Foto aus Anfangstagen. © privat, Quelle: Stadtforum Zitta
Und noch eins.
Und noch eins. © privat, Quelle Stadtforum
Auch diese historische Postkarte vom 102er Regiment, die die unterschiedlichen Uniformen über die Jahrzehnte zeigte, fand das Stadtforum im Schuhmacherladen.
Auch diese historische Postkarte vom 102er Regiment, die die unterschiedlichen Uniformen über die Jahrzehnte zeigte, fand das Stadtforum im Schuhmacherladen. © abfotografiert: Thomas Mielke, Q

  • Das Stadtforum würde gern weitere historische Ladeneinrichtungen sichern und damit für die Nachwelt erhalten. Hier der Kontakt.

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