SZ +
Merken

Stadthygiene untenrum

Einmal spülen, saugen, filtern bitte: Die Kanalarbeiter Torsten Kantim und Alexander Würzburg halten Dresden von unten sauber.

Teilen
Folgen

Von Nadja Laske

Kühl und sonnengeschützt liegt Torsten Kantims Arbeitsplatz. Bei 30 Grad im Schatten ist er darum zu beneiden. Es tut nur keiner. Schließlich steigt der 36-Jährige nicht als Animateur in einen Hotel-Pool. Auch führt er keine Touristen durch Tropfsteinhöhlen. Und doch watet er fast täglich durch Wasser – tief im Untergrund.

Kanal-Kollege Alexander Würzburg ist Experte für die umfangreiche Technik am Kombifahrzeug. Es kann Wasser durch Düsen spritzen, aufsaugen und reinigen.
Kanal-Kollege Alexander Würzburg ist Experte für die umfangreiche Technik am Kombifahrzeug. Es kann Wasser durch Düsen spritzen, aufsaugen und reinigen.

Wo Notdurft und Speisereste mit Glucksen im Abfluss verschwinden, beginnt Torsten Kantims Job. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nicht für den Abwasser-Meister. Er trifft alles wieder: die Fäkalien, das Klopapier, den Eintopf mit der Schimmelschicht, die Seifenreste und die Waschlauge, das Spülwasser nach dem Schleudergang. Kein Duft nach Chlor und Sonnencreme weht dem Kanalarbeiter um die Nase, wenn er sich in den unterirdischen Gängen der Stadt zu schaffen macht. Das Flair jedes Schwimmbades verschwindet auf dem Weg durchs Abflussrohr.

Es ist morgens acht Uhr. Ihr orangefarbenes Superauto haben Kantim und sein Kollege Alexander Würzburg auf die Elbaue am Käthe-Kollwitz-Ufer gelenkt. Das müllwagengroße Multitasking-Mobil kann schmutziges Wasser aufsaugen und in seinem Acht-Kubikliter-Bauch reinigen. Es schnorchelt Schlamm und Schlick in sich auf, spritzt schneidend scharfe Wasserstrahlen ins Dickicht verstopfter Rohre und Kanäle, um den Dreck zu lösen. Seine Düsen schieben sich in entlegene Gewölbe, wo sie vom Mauerwerk schürfen, was den Blick auf mögliche Lecks verdeckt. Diesen Tausendsassa bedient niemand mit links. Während Torsten Kantim seinen Meisterbrief erwarb, ließ sich Alexander Würzburg für die Spezialtechnik ausbilden. Gemeinsam sind sie nun in Dresden und Umgebung unterwegs, den Laptop immer dabei. „Früher hatte so etwas nur der große Unternehmer, jetzt ist es auch in unserem Beruf unerlässlich“, sagt Würzburg und startet das Programm. Tabellen öffnen sich und eine Karte, die Dresden sozusagen von unten zeigt: das Kanalnetz als Grafik mit unzähligen Zahlen und Abkürzungen. Jeder Kanaldeckel hat eine eigene Nummer. Winzige Pfeile zeigen die Fließrichtung des Abwassers an. „Es gibt Schmutzkanäle, Regenkanäle und Mischwasserkanäle“, erklärt Torsten Kantim. Die einen führen, was als Abwasser aus Toiletten, Bädern und Küchen abfließt, die anderen fangen Regenwasser auf und manche beides zusammen. Ob eine Verstopfung Sorgen macht, oder die Kanalhaut, ein Fett- und Schmutzfilm auf dem Kanalboden, entfernt werden muss, ob eine Inspektion ansteht oder eine Reparatur vorbereitet werden soll, all das lesen die Mitarbeiter der Stadtentwässerung in den elektronischen Auftragskatalogen. Von der Zentrale auf der Niedersedlitzer Straße aus können sie jederzeit aktualisiert oder präzisiert werden.

In einen sogenannten Mischwasserkanal steigen sie an jenem Morgen in Blasewitz für Reinigungsarbeiten hinab. Helm, Handschuhe, Schutzbekleidung, Sicherungsgurte und bei besonders viel Schmutz auch Brille und Mundschutz gehören zur Ausrüstung. Kollege Würzburg hat die Technik am Auto im Griff. Derweil klettert Kantim die Leiter im Schacht acht Meter tief in den Untergrund. Ein dritter Kollege sichert ihn von oben ab. Unten angekommen ist der Duft nach dem Heu der Elbwiesen verschwunden. Es riecht dumpf nach verdünnter Kloake. Eine Slipeinlage schippert den Kanal entlang, Schmadder sammelt sich, wo das Wasser besonders langsam fließt. Während des Hochwassers im Juni war der Kanal ein reißender Unterwasserfluss, jetzt eher ein Rinnsal. Torsten Kantim nimmt den dicken Schlauch entgegen, den Alexander Würzburg ihm vorsichtig hinuntergleiten lässt. Der drückt über Tage Knöpfe am Steuerngskasten, und der Schlamm-Wasser-Sauger legt los.

Dreck ist Materie am falschen Ort, heißt es. Nun wird er entsorgt, das Wasser gefiltert und dem Kreislauf zurückgegeben. Abwasser geht immer, sagen die Kollegen und starten zum nächsten Kanal.