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"Ich will nicht Ihr Geld, ich will Sie als Mittäter"

Zittaus OB Thomas Zenker warb im Stadtrat für die Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 - und erklärte auch, was Löbau vom Erfolg haben könnte.

Von Markus van Appeldorn
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Löbaus Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (l.) lud seinen Zittauer Amtskollegen Thomas Zenker in den Stadtrat ein. Der präsentierte dort die Bewerbung Zittaus als Europas Kulturhauptstadt 2025.
Löbaus Oberbürgermeister Dietmar Buchholz (l.) lud seinen Zittauer Amtskollegen Thomas Zenker in den Stadtrat ein. Der präsentierte dort die Bewerbung Zittaus als Europas Kulturhauptstadt 2025. © Foto: Matthias Weber

Am Ende klang Thomas Zenker beinahe verschwörerisch. "Ich hätte Sie gerne als Mittäter", rief er seinen Zuhörern förmlich zu. Der Zittauer Oberbürgermeister (Zkm) war zu Gast im Löbauer Stadtrat. Zittau möchte sich um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2025" bewerben. Im Löbauer Rat durfte er jetzt die Zittauer Pläne präsentieren. Und dabei wurde klar: Thomas Zenker will keinen Alleingang. Er setzt dazu auf die Kraft und den Zusammenhalt der gesamten Region. Längst sei der Titel der Kulturhauptstadt keine Sache mehr für Metropolen. So zählt eine der beiden aktuellen Kulturhauptstädte, das italienische Matera, nur rund 60.000 Einwohner. Und Titelträger wie das niederländische Leeuwarden (2018) oder die dänische Stadt Aarhus (2017) seien damals mit vernetzten Bewerbungen angetreten. "Das Netzwerk ist die Region. Das sollten wir nutzen", sagte er.

Dass eine deutsche Stadt den Titel im Jahr 2025 erhält, ist klar. Die EU vergibt ihn turnusmäßig. Allerdings muss sich Zittau gegen neun andere Städte durchsetzen - darunter gleich zwei weitere sächsische Kandidaten. Chemnitz und Dresden wollen den Titel auch. Zenker geht davon aus, dass nach einem ersten Jury-Entscheid Ende 2019 nur noch ein sächsischer Bewerber in der engeren Auswahlrunde vertreten sein wird. Doch er trat im Rat optimistisch auf. Gerade war er aus Brüssel zurückgekommen. "Dort durften wir gemeinsam mit Chemnitz und Dresden den Neujahrsempfang des Freistaates gestalten. Und wir haben ganz schön getrumpft", sagte er. Und ihre Trümpfe solle nun auch die Oberlausitz ausspielen und mit ihren Pfunden wuchern. "Europa kann man bei uns wirklich sehen", sagte er - und auch hören, fühlen und schmecken. "Wir können hier deutsch frühstücken, polnisch zu Mittag essen und böhmisch zu Abend", fasste er das enge Miteinander von Menschen aus drei Nationen zusammen. "Kultur ist nicht bloß, irgendwo hinzugehen und sich unterhalten zu lassen, sondern wie wir gemeinsam leben", appellierte er. Zenker zählte kulturelle Pfunde auf, etwa die Umgebindehaus-Architektur, das Haus Schminke als Kulturdenkmal von Weltrang oder die historisch wertvollen Denkmäler des Sechsstädtebundes. So sei die Region auf alten Karten als "Terra hexapolitana" (Sechsstädte-Land) bezeichnet, bevor diese Bezeichnung von "Terra Lusatia" (Lausitz) verdrängt worden sei. Der Sechsstädtebund mag Geschichte sein, zusammenhalten sollten die Städte dennoch. Er wünsche sich, "dass wenigstens fünf dieser sechs mit deutlich mehr gemeinsamer Sprache in Richtung Dresden sprechen", sagte Zenker und meinte damit die heute noch in Deutschland liegenden Sechsstädte. Es gebe starke bestehende touristische und infrastrukturelle Netzwerke wie die Via Sacra, den Naturpark Zittauer Gebirge , die Umgebindehausstraße oder das Euro-Neiße-Ticket, das grenzübergreifend in der gesamten Region gelte. "Wir haben die Vernetzung. Wir müssen sie für einige Projekte nur intensiver nutzen", appellierte Thomas Zenker.

Zenker skizzierte im Rat auch die Kriterien, deren Erfüllung für den Zuschlag als Kulturhauptstadt entscheidend seien. Dazu zählt unter anderem die Beteiligung der Menschen. Zenker nimmt die Zittauer mit, indem er sie im Mai bei einem Bürgerentscheid darüber abstimmen lässt, ob sie überhaupt eine Bewerbung wollen. Ein wichtiger Punkt ist aber auch die "Europäische Dimension", die ein Bewerber habe. "Das Dreiländereck wird im Titeljahr 2025 exakt 80 Jahre alt", sagte er. 1945 sei das Dreiländereck infolge des 2. Weltkrieges zu einem traurigen Symbol der Teilung Europas geworden. Künftig soll  eine Brücke dort drei Länder verbinden. Auch in der Situation des Strukturwandels in der Oberlausitz sieht Thomas Zenker eine besondere Chance für die Kulturhauptstadt-Bewerbung. So sei Görlitz der Ruhrmetropole Essen als Kulturhauptstadt 2010 auch deswegen unterlegen, weil sich damals dort der Kohleausstieg vollzogen habe. Zittaus Bewerbung sieht Zenker nun als Chance, das Image der Region zu verbessern, die Identität zu stärken und den Tourismus zu fördern. "Wir haben in der touristischen Gebietsgemeinschaft noch Hausaufgaben zu machen", sagte Zenker und beklagte ein gewisses Kirchturm-Denken.

Er sei nach Löbau gekommen, um Kooperationen zu vereinbaren, erklärte Thomas Zenker. "Ich will nicht Ihr Geld. Ich will nicht, dass Sie Projekte für uns umsetzen. Sie haben eigene Ideen", sagte er. Die Umsetzung solcher Ideen könne aber eben helfen, die Kulturhauptstadt in die Oberlausitz zu holen. Er lobte erfolgreiche Löbauer Projekte wie die Landesgartenschau oder den Tag der Sachsen. Und er deutete auch an, welche Rolle Löbau spielen könnte, wenn der Titel tatsächlich hierher kommt: "Sie sind in der glücklichen Lage, über die größte Halle weit und breit zu verfügen." Und seinem Löbauer Amtskollegen Dietmar Buchholz sagte Zenker: "Kollege, wir sollten mehr zusammenarbeiten."

Worte, die Löbaus Oberbürgermeister Dietmar Buchholz mit Wohlwollen quittierte. "Ein sehr interessanter Vortrag", lobte er. Auch er beklagte ein "schlimmes Kirchturmdenken" und versprach Zenker: "Die Man-Power steht zur Verfügung."  Auch aus dem Rat kam viel Zuspruch für das Zittauer Vorhaben. "Ich sehe schon in der Bewerbung eine Chance", sagte Linke-Fraktionschef Heinz Pingel. Zittau werde jetzt in einem Atemzug mit Dresden und Chemnitz genannt. "Dann sehen die Menschan auch, dass Löbau da in der Nähe ist." Und sein Fraktionskollege Gerold Polentz ergänzte: "Ich bin beeindruckt von dem Mut und von dem Stand des Nachdenkens. Ein Zeichen eines gesunden Selbstbewusstseins."

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