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Städtebahn-Aus trifft Kamenz hart

Rund 6.700 Menschen pendeln täglich in die Stadt. OB Roland Dantz erwartet jetzt zügiges Handeln.

Von Frank Oehl
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Das täuscht. Die Städtebahn fährt nicht durch eine Kurve bei Königsbrück, wie es den Anschein hat. Gleich zwei der 15 Triebwagen des insolventen Eisenbahnunternehmens wurden hier abgestellt. Die elektronische Anzeige überm Führerstand ist schwarz.
Das täuscht. Die Städtebahn fährt nicht durch eine Kurve bei Königsbrück, wie es den Anschein hat. Gleich zwei der 15 Triebwagen des insolventen Eisenbahnunternehmens wurden hier abgestellt. Die elektronische Anzeige überm Führerstand ist schwarz. © Rene Plaul

Kamenz. Ohne Königsbrück, Altenberg oder Sebnitz zu nahe treten zu wollen – das schmähliche Aus der Städtebahn Sachsen ist vor allem für die Lessingstadt zu einer schweren Hypothek geworden. Die SB 34 über Radeberg nach Kamenz und zurück war die am besten ausgelastete Bahnstrecke im Dieselnetz um Dresden. Dies hängt mit der guten Entwicklung der letzten Jahre in der Wachstumsregion zusammen, woran die Großinvestitionen von Müllermilch und zuletzt vor allem von Daimler eine wichtige Aktie haben.

Täglich pendeln etwa 6.700 Menschen von oder nach Kamenz (mit allen Ortsteilen gerechnet) zur Arbeit. Mit Bus, Pkw oder Bahn. Daran erinnerte jetzt ein sichtlich betroffener Oberbürgermeister Roland Dantz. „Natürlich hat die Bahnanbindung für die Stadt Kamenz herausragende Bedeutung.“ Umso unbegreiflicher sei das, was jetzt passiert ist. „Meiner Meinung nach wird mit dem Ende der Städtebahn Sachsen auch das ganze Liberalisierungsmodell in der öffentlichen Daseinsvorsorge infrage gestellt.“ Ähnlich hatte sich – angefragt auf das besagte Dieselnetz – auch Landrat Michael Harig geäußert: „Es war offenbar ein Fehler, der Bahn die lukrativeren Fernstrecken zu lassen und die schwieriger zu vermarktenden Regionallinien den kommunalen Gebietskörperschaften zu übergeben.“

Ein katastrophaler Start

Warum ist es dann geschehen? OB Dantz erinnert daran, dass es darum ging, die Monopolstellung der bundeseigenen DB AG aufzubrechen – im Interesse eines Wettbewerbes, der am Ende für regionale Verantwortung, stabilere Preise und einen besseren Service sorgen sollte. Manches von dem konnte auch mithilfe die Städtebahn Sachsen GmbH – nach einem katastrophalen Start im Schneewinter 2010/11 – tatsächlich erreicht werden. Die Bahn fuhr weitgehend zuverlässig, solange keine Bäume auf dem Gleis landeten. Das eingestellte Zugpersonal, das es im DB Regiosprinter schon lange nicht mehr gab – trat freundlich-bestimmt auf, und auch für zusätzliche Angebote (Tag der Sachsen, Forstfeste, Puhdys auf dem Hutberg) gab es einen kurzen Draht aus dem Rathaus zum VVO und zur Städtebahn. Zuletzt konnte sogar erneut der Versuchsballon „Seenlandbahn“ hochsteigen.

Vor einigen Monaten verkündeten die Chefs der Städtebahn Sachsen und der Gewerkschaft der Lokomotivführer, Torsten Severin (l.) und Claus Weselsky, den erfolgreichen Tarifabschluss beim Bahnunternehmen. Die Freude der Lokführer währte nur kurz.
Vor einigen Monaten verkündeten die Chefs der Städtebahn Sachsen und der Gewerkschaft der Lokomotivführer, Torsten Severin (l.) und Claus Weselsky, den erfolgreichen Tarifabschluss beim Bahnunternehmen. Die Freude der Lokführer währte nur kurz. © SBS

Und der Halbstundentakt von Kamenz bis Dresden galt bereits als ausgemacht. Allerdings war dies – wie sich jetzt zeigt – auch eine Art Anfang vom Ende für das kleine, mittelständige Beförderungsunternehmen. Es war ohne auch nur einen eigenen Triebwagen viel zu schwach auf der Brust, um weiter im kommenden Streckenpoker ernsthaft mitmischen zu können. Und nach der überraschenden Einigung mit der GDL auf die höchsten Einstiegsgehälter für Lokführer im Großraum Dresden, war die Städtebahn ein „unbequemer Vertragspartner“ (O-Ton Geschäftsführer Torstern Severin) geworden, nachdem man dem VVO auch deshalb mehr Geld pro Zugkilometer abverhandeln wollte.

Schwierige Rechtslage

Dennoch hätte es niemals dazu kommen dürfen, dass jetzt alle Räder stillstehen. Noch dazu auf unbestimmte Zeit. Dass die Sächsische Städtebahn auf schwachen Füßen stand, war beim VVO offensichtlich seit Längerem bekannt. Mit der provozierten Insolvenz ist allerdings eine schwierige Rechtslage entstanden, die auch mit jetzt schon mal verhandelten Übernahmeangeboten an die Lokführer nicht aus der Welt ist. Ganz im Gegenteil. Der Insolvenzverwalter muss den Gesetzlichkeiten genüge tun und ja gerade verhindern, dass sich hier Dritte nach Gutdünken bedienen.

Darauf hat SBS-Chef Torsten Severin schon mal vorsorglich hingewiesen, als er mitteilte, dass das Bahnbetriebswerk in Ottendorf von der Insolvenz der SBS nicht unmittelbar betroffen ist. Offenbar ein Verweis darauf, dass hier zeitnah nur eine Gesamtlösung möglich sein dürfte. Wie diese nach dem zerrütteten Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten noch möglich sein soll, blieb offen. Für OB Dantz ist es übrigens ein Unding, dass die von dem Städtebahn-Aus betroffenen Städte wie Kamenz nicht schon eher mal einbezogen wurden. „Hier hat auch der VVO versagt.“