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Städtebahn nicht mehr lange auf dem Abstellgleis?

Der Ex-Chef verschickt einen ohnmächtigen Appell mit Schuldzuweisungen – und der Verwalter einen Hoffnungsfunken.

Triebzüge bis zum Horizont: Zwölf „Desiros“, teils schon von Graffiti-Sprayern heimgesucht, harren am Bahnhof Dresden-Friedrichstadt der Dinge, die da kommen. Am Dienstag kamen zunächst Inspekteure in Schutzwesten. Auf einer ihrer Schutzwesten war „Alpha
Triebzüge bis zum Horizont: Zwölf „Desiros“, teils schon von Graffiti-Sprayern heimgesucht, harren am Bahnhof Dresden-Friedrichstadt der Dinge, die da kommen. Am Dienstag kamen zunächst Inspekteure in Schutzwesten. Auf einer ihrer Schutzwesten war „Alpha © Roland Halkasch

Ginge es nach dem Willen von Torsten Sewerin, so könnten die Züge auf den von der Städtebahn Sachsen (SBS) betriebenen vier Strecken um Dresden schon bald wieder rollen. „Wir benötigen nur das Go vom VVO und die Mitwirkung von Alpha Trains“, schreibt SBS-Chef Torsten Sewerin am Dienstag in einer Pressemitteilung.

Doch es geht nicht mehr nach ihm, denn seit dem Insolvenzantrag vor anderthalb Wochen hat Stephan Laubereau das Sagen. Als Insolvenzverwalter habe der Anwalt mit allen Beteiligten „teilweise sehr konstruktive Gespräche geführt“, heißt es in Sewerins formlosem Schreiben.

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Der Freistaat habe ausreichend Geld für einen kostendeckenden Übergangsbetrieb bis zur Notvergabe bereitstellt. Der politische Wille, den Zugverkehr schnellstmöglich wieder aufzunehmen, sei da, beschreibt der geschasste Chef die Lage. Fast 10.000 Fahrgäste seien werktäglich betroffen und benötigten eine schnelle Lösung. Die rund 100 Mitarbeiter stünden bereit, den Betrieb wieder aufzunehmen. Einzig Alpha Trains, dem die 15 eingesetzten Triebwagen des Typs Desiro gehören, mache Probleme, so der Pleitier, von dem es in den vergangenen Tagen bereits wiederholt Schuldzuweisungen gegeben hatte.

Stillstand lukrativer als Betrieb?

Das Leasingunternehmen wolle lieber eine ausgestellte Bürgschaft über 1,75 Millionen Euro ziehen, als die Fahrzeuge einzusetzen, schreibt Sewerin. „Stillstand der Fahrzeuge ist damit für Alpha Trains wirtschaftlich interessanter als deren Wiedereinsatz.“ Eine Mitarbeiterin von Alpha Trains habe bestätigt, dass es für die Dieselzüge in ganz Deutschland Bedarf gebe. Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) und Freistaat müssten Druck auf Alpha Trains ausüben.

Doch die Adressaten fühlen sich nicht angesprochen. Schließlich ist der Absender nicht mehr befugt, für das Unternehmen zu sprechen. „Unsere Partner sind der Verwalter und der Verkehrsverbund“, heißt es auf SZ-Anfrage aus Sachsens Verkehrsministerium und: „Wir haben einige Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt, und die liegen bei Herrn Laubereau sowie beim VVO.“

Ähnlich äußert sich der VVO. „Im Interesse der Fahrgäste stehen der vorläufige Insolvenzverwalter, Alpha Trains, zahlreiche Partner und der VVO im engen Kontakt“, so Sprecher Christian Schlemper. Ziel sei es, dass schnellstmöglich wieder Züge rollen. Der Verbund plane in den nächsten Wochen eine Notvergabe. Über eine vorläufige Wiederaufnahme des Betriebs durch die Städtebahn entscheide der Verwalter. Zum Verhältnis zwischen Städtebahn und Leasingunternehmen Alpha Trains will er sich nicht äußern. Der Verleiher mit Sitz in Luxemburg sowie 416 Zügen und 363 Loks im Angebot reagiert bis zum Abend nicht auf eine SZ-Anfrage.

Die Städtebahn hatte in der Nacht zum 25. Juli den Zugbetrieb auf den Strecken Dresden-Kamenz, Dresden-Königsbrück, Pirna-Neustadt-Sebnitz, Heidenau-Altenberg eingestellt und wenig später Insolvenz beantragt. Zuvor hatte der Vermieter Alpha Trains den Leasingvertrag gekündigt. Es hatte Streit gegeben wegen angeblich verspäteter Regulierung von Fahrzeugschäden infolge von Baumkollisionen, wofür die Städtebahn die DB Netz AG wegen vermeintlich unzureichender Vegetationskontrolle verantwortlich macht.

Derzeit fahren Ersatzbusse. Zur Wiederaufnahme des Zugbetriebs hat der Freistaat dem VVO eine vorgezogene Auszahlung der Regionalisierungsmittel in Aussicht gestellt. Mit diesem Geld, für die Städtebahn monatlich rund 2,5 Millionen Euro, ermöglicht der Bund den Ländern die Bestellung von S-Bahn- und Regionalzügen. Die Lokführergewerkschaft GDL, Tarifpartner der Städtebahn, verlangt die Neuvergabe an ein tarifgebundenes Unternehmen. Das hat der VVO zugesagt – ebenso die Übernahme der Schaffner und Zugführer.

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Laut vorläufigem Verwalter Stephan Laubereau war Sewerins „einseitige“ Wortmeldung nicht mit ihm abgestimmt. Er habe „sehr gute Gespräche“ mit Alpha Trains und VVO geführt. „Wir werden voraussichtlich bis Ende der Woche eine Entscheidung treffen, ob der Betrieb der Städtebahn Sachsen wieder aufgenommen werden kann“, schreibt der Anwalt und verbreitet Hoffnung: „Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung erreichen können, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.“

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