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Hat die Städtebahn wirtschaftliche Probleme?

Auf den vier Strecken in Sachsen fahren keine Züge mehr. Das Unternehmen hat einen Schuldigen dafür ausgemacht - der weist die Vorwürfe zurück.

Die Züge der Städtebahn stehen derzeit still.
Die Züge der Städtebahn stehen derzeit still. © Frank Baldauf

Dresden. Die Städtebahn Sachsen hat ohne Ankündigung über Nacht ihren Betrieb auf all ihren Strecken eingestellt. Betroffen sind die Verbindungen Heidenau – Altenberg (RB 72), Pirna – Neustadt – Sebnitz (RB 71), außerdem die Verbindungen Dresden –  Königsbrück (RB 33) und Dresden – Radeberg – Kamenz (RB 34).

Wie das Unternehmen mitteilt, habe sich der Konflikt mit der Deutschen Bahn, die für die Pflege der Trassen zuständig ist, so zugespitzt, dass nun eine rechtliche Auseinandersetzung ansteht. 

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Die Bahn zeigte sich verständnislos gegenüber der Maßnahme und wies die Vorwürfe zurück. Auch die große Koalition kritisierte die Stilllegung. Man habe kein Verständnis für die kurzfristige Betriebseinstellung der Städtebahn Sachsen, sagt Bahn-Pressesprecher Holger Auferkamp. Die Bahn prüfe jetzt rechtliche Schritte gegen die Städtebahn. Grund seien die „haltlosen und ständig wiederholten Anschuldigungen“. 

Die Städtebahn hat als Grund für ihre Entscheidung unter anderem den schlechten Zustand der Bahntrasse genannt. Vor allem die Vegetation entlang der Gleise habe für etliche Schäden an der Zügen gesorgt. In der Folge sei es zwischen der Städtebahn und dem Fahrzeugvermieter zu Diskrepanzen bei der Regulierung der Schäden gekommen, teilte das Unternehmen in einer zweiten Stellungnahme mit. 

Da keine Lösung in diesem Streit gefunden werden konnte, habe der Vermieter den Mietvertrag der Züge am 17.07 gekündigt - mit der Aufforderung, diese sofort abzustellen. Dem folgte nach Angaben der Städtebahn ein siebentägiger Streit samt rechtlicher Auseinandersetzung - an deren Ende die Zug-Leasingfirma an der Kündigung des Vertrages festhielt. Damit verdichten sich Hinweise, dass die Städtebahn wirtschaftliche Probleme hat.

Die Bahn-Verantwortlichen wären ihrerseits wiederholt gesprächsbereit gewesen, für die Probleme der Städtebahn Sachsen gemeinsam Lösungen zu finden. Diese seien „mitnichten nur infrastruktureller Art“. 

"Eisenbahnverkehr komplett eingestellt" heißt es auf der Website der Städtebahn.
"Eisenbahnverkehr komplett eingestellt" heißt es auf der Website der Städtebahn. ©  Screenshot: SZ

Wie lange die Züge stehen bleiben, ist derzeit nicht abzusehen. Dazu liegen vonseiten der Städtebahn keine Informationen vor. 

Kunden, die an den Bahnhöfen gestrandet seien, sollen sich an die Hotline des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO) unter Telefon 0351 8526555 wenden, um alternative Fahrtmöglichkeiten zu erhalten. Der VVO will für die ausgefallenen Züge der Städtebahn Ersatz organisieren. "Der VVO arbeitetet daran, schnellstmöglich wieder ein zuverlässiges Angebot auf den von der Städtebahn betriebenen Linien anbieten zu können", teilt Pressesprecher Christian Schlemper mit. 

Der Ersatzfahrplan für die Strecke zwischen Pirna und Sebnitz steht inzwischen. Er gilt ab Freitag. Der Verkehrsverbund hat sich dazu mit der Müller Busreisen GmbH und der Reiseverkehr Puttrich GmbH verständigt. Der Ersatzfahrplan für die Strecke zwischen Heidenau und Altenberg ist in Arbeit.

Speziell für den Landkreis Bautzen sei der VVO auf einem guten Weg, noch für den Donnerstag und die nächsten Tage einen Ersatzverkehr anbieten zu können. Von den Kapazitäten könne dieser aber voraussichtlich in vielen Fällen die Züge nicht 1:1 ersetzen, schränkt VVO-Geschäftsführer Burkhard Ehlen ein. Es werde im Grundangebot jede Zugfahrt mit einem Bus zu ersetzen:

• RB 34 Dresden – Kamenz: Zwischen Kamenz und Radeberg wird jeder Zug durch einen Bus ersetzt – die Fahrgäste nutzen bis/ab Radeberg die Züge des Trilex, der seinerseits soweit möglich die Kapazitäten auf der RB 60/61 erweitern wird

• RB 33 Königsbrück – Dresden: Zwischen Königsbrück und Dresden-Klotzsche wird jeder Zug durch einen Bus ersetzt – die Fahrgäste nutzen bis/ab Dresden-Klotzsche die S 2. Die DB Regio sei informiert, heißt es. Die Ersatzkonzepte sollen ab dem Donnerstag-Nachmittag nach und nach in die VVO-Fahrplanauskunft eingepflegt werden, so dass die Fahrgäste sich dann auch über dieses Medium informieren können. 

An vielen Bahnhöfen in Sachsen lief heute diese Anzeige über die Tafeln.
An vielen Bahnhöfen in Sachsen lief heute diese Anzeige über die Tafeln. © Sebastian Kahnert/dpa

Die Bahnkunden wurden am Donnerstagmorgen von den Zugausfällen völlig kalt getroffen. Überall an den Bahnhöfen das gleiche Bild: Passagiere auf den Bahnsteigen, die verzweifelt und ratlos telefonieren. Bei einem jungen Mann läuft die Telefonnummer des VVO in Dauerschleife mit flotter Musik – bis endlich ein Mitarbeiter abnimmt und Schienenersatzverkehr ankündigt. 

Die Uhr zeigt 9.30 Uhr und Kundin Gabriele Bauer berichtet, dass sie schon seit 7 Uhr am Morgen von Radeberg aus unterwegs ist. „Ich habe einen wichtigen Termin bei der Arbeitsagentur.“ Es sei eine riesige Frechheit. Nicht einmal eine Durchsage habe es gegeben. Und von der Arbeitsbehörde drohen am Ende auch noch Sanktionen. Dass ein Bahnunternehmen einfach den Betrieb einstellt, so etwas habe noch keiner erlebt.

Empört sind die Leute vor allem über den zweifelhaften Umgang der Städtebahn mit der Kundschaft. Die habe das Unternehmen offenbar bewusst ins Leere laufen lassen. Ohne Vorwarnung sei der Verkehr eingestellt worden. Eine junge Frau schimpft, weil auf der Homepage des Unternehmens am Morgen keine Info zu finden gewesen sei. 

Der VVO informierte auf Facebook über die Einstellung des Zugbetriebs der Städtebahn.
Der VVO informierte auf Facebook über die Einstellung des Zugbetriebs der Städtebahn. © Screenshot: SZ

Besonders hart trifft es Menschen, die zum Dienst müssen. Es sei doch schlimm, dass am Ende immer die Kunden leiden müssten, sagt Susan Seifert. Sie muss zum Dienst nach Großröhrsdorf und steht nun auf dem Schlauch. Sie fahre ja nicht zum Spaß. Sie sucht online nach einer Verbindung mit dem Bus und denkt auch an die vielen anderen Berufstätigen.

Wie der Bahnhof Kamenz mitteilt, hat sich die Situation im Laufe des Vormittags etwas entspannt. Seit 10.03 Uhr ist ein Schienenersatzverkehr zwischen  Kamenz und Radeberg eingerichtet. Die Busse pendeln im stündlichen Takt. In Radeberg besteht für Reisende die Möglichkeit, in den Trilex umzusteigen. Diese Lösung soll vorerst bis Sonntag andauern. 

Auch auf der Strecke im Müglitztal zwischen Heidenau und Altenberg ist der Schienenersatzverkehr am Vormittag in Gang gekommen. Gegen 10.30 Uhr kam der erste Bus in Altenberg an und brachte Gäste in die Urlaubsregion.

Auch in  Altenberg stehen die Züge.
Auch in  Altenberg stehen die Züge. © Frank Baldauf

Verdutzte Gesichter auch in Heidenau

Die Anzeige auf dem Heidenauer Bahnhof und die Durchsage waren am Donnerstagmorgen wie immer: „Der Zug steht bereit.“ Doch da war kein Zug, der über Glashütte nach Altenberg fährt. Michael Hammer und etwa zehn Kollegen von der Uhrenmanufaktur Glashütte Original standen neben etlichen weiteren Passagieren auf dem Bahnsteig. „Und alle waren verdutzt.“ Ein Kollege fehlte, der hatte zufällig vorher noch ins Internet geschaut und gewusst: Die Städtebahn hat ihren Betrieb eingestellt.

Erst dachte Hammer, es wäre wieder die Hitze. So wie vor Kurzem schon einmal, als der Zug wieder einmal eine halbe Stunde Verspätung hatte. Als er und die anderen erfuhren, dass die Städtebahn alle Verbindungen bis auf Weiteres gestrichen hat, wurden die Fragezeichen noch größer. Klar ist, es sind die Passagiere, die im Streit zwischen der „kleinen“ und „großen“ Bahn leiden.

Hammer und seine Kollegen nutzten schließlich den Eilbus, um auf Arbeit zu kommen. Der verkehrt zwischen Heidenau und Altenberg seit einiger Zeit. Er halbiert auf Rädern den Takt der sonst stündlich fahrenden Bahn. Aufgrund der Baustelle und damit verbundenen Sperrung der Straße zwischen Mühlbach und Schlottwitz hatte der auch ein paar Minuten Verspätung. Außerdem fährt er deshalb länger. Gegen 8.30 Uhr waren Hammer und seine Kollegen dann in Glashütte. 

Bürgermeister und Politiker entrüstet

Die Stadt Pirna bedauert die Über-Nacht-Einstellung des kompletten Bahnbetriebes der Sächsischen Städtebahn. Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke zeigte sich entrüstet: „Es kann nicht sein, dass ein Streit zwischen zwei Bahngesellschaften auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen wird, die auf dieses Angebot angewiesen sind. So schaffen wir es nicht, die Menschen wieder mehr für Bus und Bahn zu begeistern und unsere Straßen vom Individualverkehr zu entlasten. Das ist ein herber Rückschlag für den ländlichen Raum. Die Bürger über Nacht über diese Entscheidung zu informieren, ist zudem alles andere als kundenfreundlich!“

Ein Armutszeugnis für die Städtebahn: So bezeichnet Landtagsabgeordneter Jens Michel (CDU) die Einstellung des Zugverkehrs durch das Unternehmen. Er erwartet, dass die Strecken zeitnah wieder in Betrieb gehen.

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Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Christian Hartmann, erklärte: "Die drastische Entscheidung der Sächsischen Städtebahn GmbH ist für uns nicht nachvollziehbar. Zumal die Geschäftsführung der Sächsischen Städtebahn mit den von ihr beschriebenen Problemen bisher auch nicht auf die CDU-Fraktion zugekommen war."

Ähnlich äußerte sich die SPD und stellte Vermutungen über die Entscheidung an: "Hier soll anscheinend von innerbetrieblichen Problemen abgelenkt werden", sagte Baum. (SZ/sab/mit dpa)

Die Probleme der Städtebahn

Instandhaltung der Strecken

Die Pflege und der Rückschnitt von Sträuchern und Bäumen an den Gleisen sorgten immer wieder für Dispute zwischen Deutscher Bahn, die zuständig ist, und Städtebahn Sachsen. Mehr als 50 Zusammenstöße gab es in den letzten Jahren mit Bäumen, die auf die Gleise gestürzt waren oder hineinragten. Auch der schlecht durchgeführte Winterdienst spielte oft eine Rolle.

Technische Probleme

Die Städtebahn hat offenbar nicht nur Probleme mit der DB Netz AG, sondern wohl auch mit ihrer Technik. Augenzeugen berichten gegenüber der Sächsischen Zeitung, dass der Zug bergauf in Richtung Altenberg öfter am Wildpark in Hartmannmühle und auch noch mal in Geising anhalten musste, um die Technik abkühlen zu lassen.

Dünne Personaldecke

Im vergangenen Jahr ging auf der Strecke Neustadt – Sebnitz mehrere Wochen lang nichts mehr. Die Städtebahn hatte nicht genug Lokführer, um die Linie zu bedienen. Erst im Juli konnte die Personaldecke wieder geflickt werden, sodass die Züge rollten. Dennoch kam es immer wieder zu Ausfällen von Fahrten wegen fehlendem Personal, auch auf den anderen Strecken.

Angespannte Beziehung zur DB Netz

Immer wieder schoben die Städtebahn Sachsen und die Deutsche Bahn den Schwarzen Peter hin und her. Zuständig für Streckenausbau und Instandhaltung ist die DB Netz. Die Kritik an maroden Bahnhöfen und Zugausfällen aufgrund von Gleisschäden landet allerdings bei der Städtebahn.

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