merken

Städtepreis für die Rettung einer Altstadtruine

Christian Weise und seine Frau sanierten den Untermarkt 1. Nun können Gäste dort im „Emmerich“ übernachten.

© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

Anzeige
Praxisgenau, praxisnah und persönlich

Helfen Sie die Stärken junger Menschen zu entdecken und entwickeln.

Mitten im Leben verwirklichte sich Christian Weise einen Traum. Ein eigenes Hotel in der Görlitzer Altstadt – das strebte der heute 49-Jährige Architekt schon lange an, nachdem er mit seiner Frau und den Schwiegereltern schon seit längerem eine Pension in der Altstadt betrieb. Wie er jetzt auf dem Sofa in seinem „Emmerich“ am Untermarkt sitzt, seinen Blick durch den Frühstücksraum schweifen und die Hand über die Lehne streichen lässt, da ist nichts mehr von dem Wagnis, von dem Abenteuer zu spüren, das er und seine Frau im Sommer vor vier Jahren eingingen, als sie das Haus kauften. Seitdem haben sie einen Millionenbetrag hineingesteckt, das Gebäude saniert, und nun betreibt er das Hotel.

So kletterte Jackie Chan 2003 an der Fassade des „Emmerich“. Foto: J. Trenkler

Vielleicht erkennen Experten außerhalb von Görlitz noch stärker, was Weises mit dem „Emmerich“ geleistet haben. Jedenfalls sprach die Arbeitsgemeinschaft Historischer Städte, die Görlitz mit Bamberg, Lübeck, Meißen, Regensburg und Stralsund vereint, den nur alle vier Jahre vergebenen „Bauherrenpreis“ dem Görlitzer Architekten zu. Am gestrigen Freitagabend erhielt er die Auszeichnung in der Stadtbibliothek. Das Preisgeld in Höhe von 1 500 Euro macht nicht die Bedeutung des Preises für den Geehrten aus, vielmehr sieht er mit dem Preis seine Arbeit in Görlitz auch generell gewürdigt. Bürgermeister Michael Wieler hofft zudem, dass das Vorhaben anderen Bauherren Mut macht, „auch risikoreiche Projekte in der Altstadt in Angriff zu nehmen“.

Und mutig musste Christian Weise schon sein, als er das Haus von den Vorbesitzern erwarb. Es stand schlichtweg nur noch als Ruine, die Decken der oberen Stockwerke hingen durch, Schwamm hatte sich festgesetzt und im Treppenhaus grüßte der Himmel den Besucher, der nach oben sah. Innerhalb von drei Jahren ist daraus ein Schmuckstück geworden, in dem der Gast freilich die Spannung zwischen dem Denkmal und moderner Baukultur spürt. Gotische Wandflächen ließ Weise genauso offen liegen wie historische Backsteinwände und rohe Betondecken. Die wiederhergestellte Fassade mit den originalgetreuen Fenstern kontrastieren zu modernen Bädern und Möbeln. Für die Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ interpretiert das Mobiliar „das Vergangene fürs Heute – als hätte Weise das Prinzip einer Altbausanierung auf die Einrichtung ausgedehnt“.

Darin liegt der Charme dieses neuen Hotels mit 15 Zimmern und Suiten. „Ich wollte die Atmosphäre eines Altstadthauses bewahren, obwohl dessen Substanz so angegriffen war, und es zugleich aber konsequent modern einrichten“, erläutert Weise. Dafür besuchte er Messen, schloss Kontakte zu Vertretern, aus denen Freundschaften wurden. Für die Möbel fand er eine Firma bei Venedig, die Lampen bekam er bei einem Berliner Händler, manch anderes stöberte er auf Flohmärkten auf. Oder es half einfach der Zufall. Wie bei der Küche im Erdgeschoss. Sie sah er in Augsburg, als sie gerade verkauft werden sollte. Da schlug er spontan zu.

Natürlich ist das eigene Hotel etwas Besonderes. Aber Christian Weise hinterließ auch schon beim „Dreibeinigen Hund“ auf der Büttnerstraße oder im „Hotel Paul Otto“ auf der Nikolaistraße seine Handschrift. Die Arbeit mit Materialien, mit Stoffen, mit Farben reizt ihn. Vielleicht will er sich sogar auf dieses Thema künftig spezialisieren. Kindheitserinnerungen werden da bei ihm wach. Wie er als kleiner Junge bei einem Ostritzer Verwandten in dessen Sattlerwerkstatt jede freie Minute verbrachte. In Erinnerung an diesen Ottomar Ziegert gab er vor vier Jahren seiner Innenarchitekturfirma den Namen „Ottomar“.

Ursprünglich sollte auch das Hotel so heißen. Doch dann kam Emmerich ins Spiel. Dem früheren Görlitzer Bürgermeister Georg Emmerich gehörte im 15. Jahrhundert der Vorgängerbau. Berühmt wurde er durch seine Affäre mit Benigna Horschel. Als Buße reiste er nach Jerusalem und ließ nach seiner Rückkehr eine originalgetreue Kopie des Heiligen Grabes in Görlitz errichten. An der traurigsten Liebesgeschichte von Görlitz kam Christian Weise nicht vorbei, und nun heißt es eben „Emmerich“. Wenn er mit seiner Suche nach einem talentierten Barchef noch Erfolg hat, dann soll eine möglichst bald öffnende Tagesbar „Horschel“ heißen.

Speziell sind auch die vielen Ananas-Früchte im Haus: Auf den Servietten, an den Decken, in Form von Leuchtern und Tischdekoration, am Treppenfries. Die Ananas gilt als Zeichen der Reisenden. Wie sie einst die Daheimgebliebenen mit der Frucht überraschten, so will auch Christian Weise immer etwas Neues bieten.

Von all dem sah Schauspieler Jackie Chan 2003 nicht viel, als er bei seiner Reise um die Welt in 80 Tagen an der Fassade hoch- und herunterkletterte. Dem Hollywood-Film blieb zwar der ganz große Durchbruch versagt, dafür aber rettete er das Haus. Mit dem Film lag auch das öffentliche Interesse auf dem Gebäude. Zwar dauerte es nochmal beinahe zehn Jahre, doch nun glänzt es so wie selten in seiner Geschichte. Der Glanz fällt nun auf eine einzigartige Adresse in Görlitz: Untermarkt 1.

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.