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„Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“

Der Bund entdeckt den Pflegenotstand. Aber ein Problem könnte Sachsen selbst lösen, sagt Diakonie-Chef Christian Schönfeld.

© Diakonie/Steffen Giersch

Die Bundesregierung will den Pflegenotstand bekämpfen. Gesundheits- minister Jens Spahn (CDU) fordert 2 500 bis 3 000 Euro Gehalt für Pfleger und 13 000 neue Stellen, die Kanzlerin will den Beruf aufwerten. Klingt auf den ersten Blick gut, aber es gibt deutlich mehr Probleme in der Pflegebranche, mahnt Sachsens Diakonie-Chef Christian Schönfeld.

Herr Schönfeld, die Politik entdeckt den Pflegenotstand neu und fordert höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen. Ist das schon ein Erfolg?

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Dass die Politik die Pflege entdeckt, ist ein Erfolg. Lange Zeit tauchte die Pflege öffentlich nur mit Katastrophen auf oder wenn in einem Heim etwas nicht gestimmt hat. Als wäre es ein Schmuddelthema. Momentan wird die Pflege als sehr wichtig erkannt. Immerhin geht es um die Zukunft von uns allen. Jeder könnte einmal pflegebedürftig oder auf die Hilfe anderer angewiesen sein.

Warum wird das Thema immer wieder links liegen gelassen – und taucht ganz plötzlich wieder auf, ohne dass richtige Fortschritte erkennbar sind?

Wir verdrängen das Thema innerlich gern, weil wir nicht in dieser Situation sind. Das betrifft vielleicht die Großeltern oder entfernte Verwandte. Was den Fortschritt angeht: Wir kommen nicht wirklich weiter, vielleicht auch, weil es zu viele Baustellen auf einmal gibt. Davor zucken Politiker mit Blick auf die zeitliche Begrenzung einer Legislaturperiode zurück. Ich bin auch schon etwas älter und kann nur hoffen, dass es bald geregelt wird. Vielleicht halte ich bis 80 durch, danach wird es spannend.

Da wäre das Fachkräfteproblem ...

Herr Spahn will gern 13 000 Pflegekräfte für die Pflege in Heimen gewinnen. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Es gibt ein massives Problem mit dem Nachwuchs. Das ist aber nicht das Einzige. Pflege hat auch ein Imageproblem. Man ist lieber Banker und verdient ordentlich Geld. Und da ist ein Systemproblem. Die Pflegeversicherung allein ist nicht in der Lage, das nötige Geld aufzubringen. Viele Menschen können sich Pflege nicht leisten, müssen ihr Erspartes dafür angreifen oder rutschen in die Sozialhilfe ab.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Die Systemfrage ist: Wollen wir, dass Pflegekassen nur feste Anteile übernehmen oder müsste man nicht zu einer Art Teilkaskosystem kommen, wo der Patient die feste Summe zahlt und den Rest die Kasse .

Die Bundeskanzlerin und der Gesundheitsminister fordern 2.500 bis 3.000 Euro Gehalt. Hat man den Punkt zu lange Kassen und Anbietern überlassen?

Nein. Kranken- und Pflegekassen mischen sich nicht in Gehaltsverhandlungen ein. Sie achten darauf, dass die Kosten und die Qualität der vereinbarten Leistungen eingehalten werden. Das bedeutet zum Beispiel: Stirbt in einem Heim ein Bewohner, der zum Schluss einen Pflegegrad 5 hatte und kommt danach einer mit Pflegegrad 2, gibt es Änderungen. Die Kasse sagt dann, es gibt nicht mehr denselben Personalbedarf wie vorher. Deshalb arbeiten viele Einrichtungen mit vielen Teilzeitkräften.“

Wie viel zahlen Sie Ihren Pflegekräften?

Wir als Diakonie haben eine Kommission aus Arbeitgebern und -nehmern, die das anhand bundesweiter Tarife miteinander regeln. Hier in Sachsen ist das Basisgehalt momentan 2725,61 Euro brutto in Vollzeit. Wir zahlen 13 Gehälter, was auf fast 3 000 Euro pro Monat kommt. Dazu kommen für Eltern noch 100 Euro Zulage pro Kind und eine Art Betriebsrente. Das sind wertvolle Punkte für unsere Mitarbeiter. Vom Kommunalen Sozialverband wurde uns vorgehalten, wir würden zu hohe Gehälter zahlen. Wir freuen uns über einen relativ festen Stamm an Beschäftigten.

Nur wenige Pflegeanbieter sind tarifgebunden – vor allem im Osten. Wäre eine Erhöhung des Mindestlohns besser?

Das ist für mich ein völlig falscher Ausgangspunkt. Die Pflege muss einfach ordentlich vergütet werden. Das ist Sache der Arbeitgeber. Wer auch in Zukunft Fachkräfte will, muss vernünftig zahlen. Aber es geht nicht nur um die Entlohnung, sondern auch die enorme Arbeitsbelastung.

Machen Sie Gewinne mit der Pflege?

Als Diakonie sind wir gemeinnützig und machen keine Gewinne. Pflege muss eine schwarze Null erbringen, aber keine Renditen, um sie an Aktionäre auszuschütten.

Lassen sich Gewinne von Privatfirmen, gute Gehälter und menschenwürdige Pflege miteinander vereinbaren?

Es gibt private Heimbetreiber, die mit hohem ethischen Ansatz arbeiten. Aber Renditen von acht bis zehn Prozent müssen Sie erst einmal erwirtschaften. Ich finde es völlig daneben, wenn man mit sozialer Dienstleistung Gewinn machen will. Das geht bei Autos, aber der Dienst am Menschen hat in sich einen Wert. Dieser Wert verkommt. Das ist furchtbar, ein Systemfehler.

Wäre es sinnvoll, die Pflege zu verstaatlichen und nur noch gemeinnützige Anbieter zuzulassen?

Das Prinzip der Gemeinnützigkeit ist es, Überschüsse wieder in den Kreislauf zu stecken und nicht herauszuziehen. Ein Prinzip, das in den letzten Jahren in der Pflegebranche etwas weggerutscht ist. Es sollte stärker betont werden, dass Pflege sinnstiftend und erfüllend ist. Viele gehen in den Beruf, um für ihre Mitmenschen etwas zu tun. Es besteht die Gefahr, dass von diesem wunderbaren Ansatz nicht mehr viel übrig bleibt wegen des Leistungsdrucks in der Branche. Wir müssen das Menschliche wieder hervorheben. Es ist eben nicht wie bei der Herstellung eines Autos, bei der einzelne Arbeitsschritte abgehakt werden.

Wie kann dem Personalmangel begegnet werden?

Man muss die Attraktivität des Berufs zeigen und was für eine wichtige menschliche und gesellschaftliche Aufgabe das ist. Wichtiger als manche andere. Eine Gesellschaft, in der die Pflege verkommt, ist eine verkommene Gesellschaft. Ich erinnere mich an einen Vorwurf aus dem Sozialministerium. Würden alle Pflegekräfte Vollzeit arbeiten, gäbe es kein Personalproblem, hieß es da. Aber das stimmt nicht. Wegen der unterschiedlichen Einstufungen in Pflegegrade verändert sich der Bedarf an Pflege und Personal. Deshalb müssen viele Einrichtungen flexibel bleiben. Und es kommt hinzu: Manche Mitarbeiter wollen nicht in Vollzeit arbeiten. Die Diakonie in Sachsen hat 6 000 Mitarbeiter in der stationären und 3 000 in der ambulanten Altenpflege.“

Wie gewinnen Sie Nachwuchs?

Wir versuchen im Projekt Sterntalerzeit Jugendliche von der achten bis zur zwölften Klasse zu begeistern. Sie können bis zu zwei Wochen in einem Bereich wie Pflege oder Kindererziehung erleben, dass soziale Arbeit spannend ist. Als es noch den Zivildienst gab, hatten wir viel mehr Männer, die dadurch entdeckt haben, dass das eine tolle Aufgabe ist. Wie eine Neuorientierung nach dem Motto: Ich muss nicht Autoschlosser werden, das hier kann auch erfüllend sein. Das ist leider verloren gegangen.

Sachsen hat den niedrigsten Personalschlüssel im Pflegebereich. Wie oft haben Sie sich schon darüber geärgert?

Zu oft. Wir liegen bundesweit bei den Vergütungen weit unten. Das hat alles mit der Finanzierung zu tun. Die müsste deutlich angehoben werden. Es muss klar sein, dass Pflege eine Leistung ist, die Geld kostet. In der Autowerkstatt wundere ich mich auch nicht, wenn die Stunde 50 Euro kostet. Deshalb darf es Angehörige nicht wundern, wenn auch eine Pflegestunde so viel kostet.

Was muss der Freistaat tun, was der Bund, um gute Pflege sicherzustellen?

Die Politik sollte als Moderator in der nicht einfachen Auseinandersetzung zwischen Dienstleistern und Pflegekassen agieren. Der Personalschlüssel ist eine sächsische Angelegenheit, den könnte der Freistaat anheben. Damit wäre viel gewonnen. Jeder kleine Schritt hilft und wäre ein Signal an die Gesellschaft: Wir haben verstanden und wir reagieren. Ich gehe davon aus, dass diese Gesellschaft human ist und mit ihren Alten gut umgeht. Denn das sind die, die unseren Wohlstand mit erarbeitet haben. Frei nach der Präambel der Schweizer Verfassung: Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.

Interview: Tobias Wolf