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Stanislaw erobert die Seniorenherzen

Beim Besuch im Altenheim „Am Großen Stein“ macht Tillich ein Versprechen, das er vielleicht gar nicht halten kann.

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Von David Berndt

Dass Johanna Herrmann Glückwünsche von so prominenter Stelle bekommen würde, hätte die 91-Jährige nicht gedacht. Sowohl Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich als auch der Görlitzer Bundestagsabgeordnete der CDU, Michael Kretschmer, gratulierten ihr nachträglich zum Geburtstag. Bei seinem Besuch im Landkreis Görlitz am Mittwoch machte Tillich auch Halt im Seniorenheim „Am Großen Stein“ in Leutersdorf. Dort leben Johanna Herrmann und 47 weitere Bewohner.

Von der knapp halbstündigen Verspätung des Ministerpräsidenten haben sie alle aber nichts mitbekommen. Während Tillich noch in Oppach weilt, testet Heimleiterin Carmen Feist zur Sicherheit noch mal den hellen großen Deckenstrahler im Eingang. „Der ist sonst kaum an, weil wir immer ganz sparsam sind.“ Aber schließlich steht hoher Besuch an. Für den sächsischen Ministerpräsidenten wollen die Mitarbeiter des Seniorenheims natürlich im richtigen Licht erscheinen. Ihre Sorge um das Wohlwollen des Regierungschefs ist allerdings unbegründet, wie sich während des Rundgangs durch das Heim und bei der anschließenden Diskussion herausstellen wird.

Neben der Betreuung der 48 Heimbewohner hat das auch etwas mit der Sparsamkeit der Leutersdorfer zu tun. Und dafür steht der Bürgermeister wie kein anderer. Mehrfach verweist Bruno Scholze (CDU) innerhalb des einstündigen Besuchs von Tillich stolz auf die Finanzierung des Heims durch die Gemeinde. „Wir haben das allein aus Rücklagen gestemmt. Ganz ohne Fördermittel und Kredite.“ Deswegen hat der Oderwitzer Landtagsabgeordnete Stephan Meyer (CDU) das Heim auch für einen Besuch bei Tillich vorgeschlagen. Vor drei Jahren hat die Gemeinde das Heim an der Poststraße gebaut und vermietet es seitdem an den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB). „Wir als Gemeinde sind ja keine Profis in der Altenpflege. Deshalb wird das Heim vom ASB betrieben“, erklärt Bürgermeister Scholze.

Die 48 Bewohner leben in vier Wohnbereichen, jeweils wie in einer großen Wohngemeinschaft. Jeder hat sein eigenes Zimmer, nach Wunsch sogar mit den Möbeln von zu Hause. Küche und Speiseraum werden gemeinsam genutzt. Die Bewohner, die dazu noch in der Lage sind, helfen beim täglichen Kochen. In einem Wohnbereich gibt es gerade Soljanka, in einem anderen Kartoffelsalat und Würstchen. Davon können sich Tillich und seine Begleiter beim Rundgang selbst überzeugen und sind begeistert. Der Regierungschef spricht mit den Bewohnern und lässt sich von Heimleiterin Carmen Feist und dem Geschäftsführer des ASB-Ortsverbandes Löbau, Rainer Scholze, die Feinheiten und alltäglichen Hürden in der Altenpflege erläutern.

Bei manchen Bewohnern sorgt die Gruppe aus Männern, die vorwiegend dunkle Anzüge tragen, aber auch für Verwirrung und leichte Unruhe. Einige von ihnen sind dement. Für sie bedeutet der Trubel einen Einschnitt in den gewohnten und geregelten Alltag. Andere wieder freuen sich über die Abwechslung. Stanislaw Tillich versichert auch, nicht so lange bleiben zu wollen, um die Bewohner nicht unnötig zu stören. Eines wolle er aber doch noch genau wissen: „Dürfen die Männer denn auch mal ein Bier trinken?“ Zu seiner Erleichterung kann ihn Pflegedienstleiterin Manja Frömmel da beruhigen. „Bei besonderen Anlässen gibt es auch mal einen Sekt oder ein Glas Wein, ganz so wie zu Hause.“

Für Johanna Herrmann ist so ein Ereignis zwar noch weit entfernt, aber Tillich gibt trotzdem ein Versprechen ab. „Wenn sie 100 werden, schicke ich ihnen eine Karte. Als Ministerpräsident darf ich das dann.“ Und wenn Tillich in neun Jahren nicht mehr im Amt sein sollte, kann er das ja auch als Privatperson tun.