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Beirut: Zerstört, verzweifelt, verraten

Eine Explosion erschüttert am Dienstag Beirut. Mindestens 135 Menschen sterben, Tausende werden verletzt - unter ihnen sind auch Deutsche.

Am Tag danach: Ein Blick über den Schauplatz der Explosion im Hafen von Beirut. Umliegende Gebäude sind komplett zerstört, noch viele Kilometer entfernt barsten Fenster in Wohnhäusern.
Am Tag danach: Ein Blick über den Schauplatz der Explosion im Hafen von Beirut. Umliegende Gebäude sind komplett zerstört, noch viele Kilometer entfernt barsten Fenster in Wohnhäusern. © Hussein Malla/AP/dpa (Archiv)

Beirut. Nein, noch mal will Mano Keberian nicht von vorne anfangen. Er kann es auch nicht. Der 75-jährige Libanese armenischer Abstammung sitzt in den Trümmern seiner Existenz, einem Fotogeschäft im Beiruter Stadtteil Geitawi, und trinkt einen Espresso. Immerhin aufgeräumt haben er, sein Bruder Alexi und Tochter Talin bereits. „Gestern Nacht noch und dann wieder heute Morgen ab sechs“, sagt die Tochter.

Der Boden im Studio Mano ist besenrein, aber Teile der Verkleidung und Lampenfassungen hängen von der Decke, der alte Fotodrucker von Agfa ist hin, verloren auch das Dia-Archiv der Gebrüder, 50 Jahre libanesische Fotogeschichte.

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„Wäre ich hier gewesen zum Zeitpunkt der Explosion, wäre ich jetzt tot“, sagt der Inhaber. Da ist er sich sicher. Doch er sperrte den Laden am Dienstagnachmittag um fünf Uhr nachmittags zu und ging nach Hause. Dort überstand er die Druckwelle zumindest äußerlich unbeschadet.

Dabei hat es seine Nachbarschaft mit am schlimmsten getroffen. Auf dem Gehweg vor dem Laden stapeln sich Regalteile, Bleche, Holz und kaputte Maschinen, darunter ein Meer von Glassplittern, wie in vielen Teilen Beiruts.

Wie im Bürgerkrieg

Mindestens 135 Menschen hat die Explosion – offenbar ausgelöst von 2.750 Tonnen beschlagnahmtem Ammoniumnitrat – am Dienstag das Leben gekostet, etwa 5.000 wurden verletzt, Dutzende werden noch immer vermisst. Dazu sind wohl bis zu 300.000 Beirutis erst einmal ohne Obdach. Die Stadt gleicht einem Schlachtfeld. Das ist keine Plattitüde.

Die Katastrophe ist nur die jüngste unter vielen, die die Libanesen zuletzt ereilt haben. Das auf üppigen Zinsen und riesigen Schulden aufgebaute Finanzsystem ist kollabiert, mit ihm die Währung, das Libanesische Pfund. Durch die Hyperinflation verloren viele Libanesen binnen weniger Wochen einen Großteil ihres Vermögens.

„Wir haben hier im Bürgerkrieg Granatenbeschuss erlebt“, erzählt Mano Keberian. Zweimal haben er und sein Bruder das zerstörte Geschäft wieder aufgebaut, 1975 und 1978. „2020 werden wir das aber nicht schaffen“, sagen die Brüder. Den Schaden beziffern sie auf rund 100.000 Dollar. Und Dollar haben im Libanon gerade die wenigsten. „Wir ziehen nach Armenien“, sagt Tochter Talin.

Wie oft kann man neu anfangen? Wie viel kann man verkraften? Unter welch widrigen Umständen kann man noch würdevoll leben? Das alles sind Fragen, die sich immer mehr Libanesen jetzt stellen.

Der Geist der alten Beiruter Coolness

Zumal solche mit Kindern, wie die beiden Gastrounternehmer Karine und Gino Khoueiry. Sie stehen vor dem Merou, einem ihrer fünf Restaurants im Stadtteil Mar Mikhael, auch das Teil von Beiruts Ground Zero.

Die beiden sind 39 und 40 Jahre alt, gut ausgebildet, mehrsprachig und eigentlich nicht gewillt, ihre Heimat zu verlassen. „Aber unsere Kinder sind zwei und knapp ein Jahr alt. Was wäre ihnen passiert, wären wir gestern gerade hier gewesen?“, fragt Karine Khoueiry, während ein Mitarbeiter mit blutigem Kopfverband hinter ihr den Boden von Splittern frei fegt.

Gino Khoueiry sagt: „Wir haben vor zehn Jahren angefangen und gegen alle Widrigkeiten Erfolg gehabt. Weil wir ein gutes Management und gute Mitarbeiter haben, weil wir die Kosten niedrig halten, weil wir lokale Produkte verwenden.“ Letzten Monat hatte das Gastro-Paar sogar noch ein weiteres Lokal eröffnet. „Trotz Corona und Lockdown lief es ja gut“, sagt Khoueiry.

Menschen tragen in Beirut einen Verwundeten nach einer Explosion über eine Straße.
Menschen tragen in Beirut einen Verwundeten nach einer Explosion über eine Straße. © Hassan Ammar/AP/dpa

Ein Helikopter mit Löschwasser fliegt über seinen Kopf Richtung Hafen, wo der Brand auch am Nachmittag nach der Detonation noch nicht gelöscht ist. „Wir verlangen Antworten von der Regierung: Was wurde da wirklich gelagert? Was ist wirklich passiert? Aber wir werden diese Antworten nicht bekommen, weil wir in einem gescheiterten Staat leben.“ Es geht den Khoueirys nicht nur um ihren eigenen Schaden. Sechs ihrer Freunde starben bei der Explosion, ganz in der Nähe.

Andreas Boulos, der 56-jährige Besitzer der Bar Internazionale, die ein paar Hundert Meter hinter dem Merou in Mar Mikhael liegt, zeigt ein trotziges, vielleicht auch resigniertes Lächeln. Auch er sitzt auf Trümmern, also genauer: Einem der Stühle, die einigermaßen heil geblieben sind in seiner Bar. Das Internazionale war einer der Hauptanlaufpunkte für die Bohemiens von Beirut.

An der Wand des Lokals ist überlebensgroß das Foto von Passagieren auf einem MEA-Flug, der libanesischen Staatsairline, in den 70er-Jahren geklebt. Rauchende Männer in schicken Anzügen, mit Krawatte und lässigem Grinsen. Boulos‘ Bars, so auch das Torino Express im nahen Gemayze, atmeten den Geist dieser alten Beiruter Coolness. Diese unschuldige, leichte, schöne Zeit vor dem Bürgerkrieg, nach der sich so viele, auch viel später Geborene, in Beirut so sehnten, sie wohl auch nachahmen, wieder herbeifeiern und herbeitrinken wollten.

Das Foto des MEA-Flugs ist am Dienstagabend zerrissen. Tatsächlich ist sogar die Mauer dahinter zerbrochen. Louay Seravan, der ebenfalls deutschstämmige Sidekick von Andreas Boulos berichtet: „Wir müssen erst mal einen Statiker fragen, ob das hier noch was wird.“

Von Boulos hängt ein Foto als strahlender junger blonder Beau im Torino. Mittlerweile steckt sein Gesicht hinter einem dichten Wuschelbart. „Wir müssen aufräumen, dann sehen wir weiter“, sagt er, „vielleicht können wir dann mit kleinen Mitteln neu anfangen, wenn das nicht klappt, machen wir zu.“

Es ist ja nicht nur die Zerstörung, die erwogen werden muss. Es sind auch die zu importierenden Getränke, für die es Dollar braucht, die kaum mehr jemand hat.

Pläne, auszuwandern oder zurück nach Bayern zu gehen, hat Andreas Boulos nicht. Anders als seine Kumpane. Seravan sagt: „Wenn ich mich nicht um meine Mutter kümmern müsste, die unbedingt hierbleiben will, wäre ich längst weg.“

Dabei hält er das Konto der Schicksalsschläge langsam für ausgeschöpft. Wirtschaftskollaps, Corona, nun das Inferno. „Das sollen die noch mal steigern! Beirut sah nach 30 Sekunden aus, wie sonst nur Städte nach Monaten Luftkrieg!“

Ein junger Freund fühlt sich offenbar animiert durch den Vergleich. Lachend erzählt er auf Arabisch, wie am Vorabend die Gullydeckel aus den Straßen poppten: „Plopp, plopp.“

War es ein Angriff?

Bewundernswert, wer in diesen Tagen in Beirut zumindest in solchen Galgenhumor verfällt. Natürlich sind es zuerst die Jungen. Diejenigen, die im Herbst, bei der „Thawra“, der libanesischen Oktoberrevolution, auf die Straße gingen, ihre soziale Ader und Altruismus entdeckten.

Das politische System des Libanon, das in den 30 Jahren seit dem Ende des Krieges nur gehalten hat, weil es genug zu verteilen gab für die Warlords und Parteiführer und ihre Getreuen, hat der Protestwelle der Jungen standgehalten. Durch Aussitzen, Einschüchterung und durch Covid-19. Dass sich dieses System gar nicht selbst reformieren kann, zeigte sich in den vergangenen Monaten wieder in den Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über Milliardenkredite, die der Libanon zum Überleben braucht, die aber harte Einschnitte und Transparenz voraussetzen. Unerfüllbar für die Besitzstandswahrer und Diebe.

Wer sich von all dem nicht entmutigen lässt, ist nun also wieder auf Beiruts Straßen zu finden. Und sei es bloß mit Besen und Plastiktüten, wie Elisa Musawi und Saad Khalid. Die Freunde, 21 und 23 Jahre alt, fegen an einem der zerstörtesten Stellen Ost-Beiruts den Schutt in die Tüten.

„Wir haben uns gestern Nacht, als wir die Bilder sahen, so hilflos gefühlt. Nur durch Aufräumen können wir helfen“, sagt Elisa. Die Jura-Studentin hat ihre Bauchtasche über die Schulter und die Jeansjacke um die Hüften geschlungen. Sie fegt energisch.

Eine Frage überschattet alles: Wie konnte es zu dieser gewaltigen Explosion kommen? Schnell verbreiteten sich Gerüchte, das verfeindete Nachbarland Israel habe die libanesische Schiitenorganisation Hisbollah bombardiert. Dafür gibt es aber keine Hinweise. Vieles spricht für ein Unglück in Folge von Fahrlässigkeit. Möglicherweise wurde die Explosion durch eine große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die seit Jahren im Hafen von Beirut gelagert worden sein soll. Genaues soll eine Untersuchung der Detonation ergeben.

Wenn sie über die „Thawra“ spricht klingt sie vorsichtiger, nachdenklicher, aber nicht resigniert. „Es ist nun mal so, dass viele Menschen in diesem Land, die damals noch mit uns auf die Straße zogen, mittlerweile einfach keine Zeit und keine Nerven mehr dafür haben. Die arbeiten in zwei oder drei Jobs und haben trotzdem kaum genug zum Überleben.“

"Beirut wird nie sein wie zuvor"

Die Armutsquote im Libanon ist mit der Krise in den vergangenen Monaten noch mal gestiegen. Laut eines Berichts der Hilfsorganisation Care hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr ausreichend zu essen. Auch weil die Währung rund 80 Prozent ihres Werts eingebüßt hat.

© European Space Imaging/dpa

Saad glaubt: „Beirut wird nie wieder so sein, wie zuvor.“ Dass die Beiruter Stadtvillen, die hier an der Grenze von Mar Mikhael und Gemayze in Trümmern liegen, in ihrer alten Pracht wiederentstehen, scheint tatsächlich unwahrscheinlich. Dafür fehlen die Mittel.

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Die Stadt und das Land verarmen weiter und drohen dabei, ihre Mittelschicht zu verlieren. „Wir werden nicht gehen, bevor wir zumindest für ein bisschen positiven Wandel gesorgt haben“, sagt Elisa.

Pläne, ins Ausland zu gehen, hat sie aber trotzdem: Vielleicht zum Master-Studium nach Frankreich. „Nicht zu weit weg vom Libanon, das ist entscheidend.“

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