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Starke Familien sollen Kindern in Not helfen

Herr Wutzler, im Landkreis soll ein neues Angebot für Kinder geschaffen werden. Was ist denn unter dieser sogenannten Familiären Bereitschaftsbetreuung zu verstehen? Es geht darum, Kindern in Krisensituationen zu helfen.

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Herr Wutzler, im Landkreis soll ein neues Angebot für Kinder geschaffen werden. Was ist denn unter dieser sogenannten Familiären Bereitschaftsbetreuung zu verstehen?

Es geht darum, Kindern in Krisensituationen zu helfen. Sie sollen vorübergehend von einer anderen Familie aufgenommen und betreut werden. Das betrifft vor allem kleine Kinder im Alter bis zu sechs Jahren.

Über welche Krisen sprechen wir denn?

Es gibt Eltern, die mit ihren Problemen derart überfordert sind, dass sie ihre Kinder nicht mehr verantwortungsvoll schützen und betreuen können. Die Kinder leiden dann unter Vernachlässigung oder sogar Gewalt. Dass es so etwas gibt, ist nicht neu.

Die Idee der Familiären Bereitschaftsbetreuung aber schon, oder?

Ja, das Angebot ist ursprünglich aus einem Bundesmodellprojekt entstanden und wird jetzt von der Diakonie in Kooperation mit dem Jugendamt umgesetzt.

Wie schätzen Sie den Erfolg ein?

Wir sind nicht ganz unerfahren, sondern haben bereits einen zweijährigen Probelauf mit drei Familien durchgeführt. Das hat so gut funktioniert, dass wir nun landkreisweit engagierte Familien suchen, die es sich vorstellen können, solchen Kindern zu helfen.

Wie sieht diese Hilfe denn aus?

Die Familien geben den Kindern Schutz, Zuwendung und einen geregelten Alltag. Eben all die Dinge, die ein Kind braucht.

Kann das ein Kinderheim nicht leisten?

Natürlich finden Kinder in einem Heim auch Unterstützung. Aber das Kinderheim kann eine solche Betreuung allein von seiner Struktur her nicht leisten. Dort wird in Schichten gearbeitet, die Bezugspersonen wechseln. Gerade in den ersten fünf Lebensjahren braucht das Kind Bindungssicherheit. Das kann ihm eine Familie eher bieten.

Aber doch nur für einen kurzen Zeitraum, oder?

Die Kinder bleiben so lange in einer anderen Familie, bis sich die Probleme ihrer Eltern geklärt haben, maximal aber für drei Monate.

Und wenn die Probleme bis dahin nicht geklärt sind?

Bei besonders schwierigen Fällen wie Drogenabhängigkeit ist es anders. Eine Sucht muss längerfristig behandelt werden. Dann können die Kinder wie üblich auch in einer Pflegefamilie Halt finden.

Für Kinder wie Eltern ist das sicher nicht leicht.

Natürlich, darum ist es wichtig, dass die Kinder von ihren eigenen Eltern auf die Situation vorbereitet werden. Sie sollen verstehen, warum sie vorübergehend in einer anderen Familie leben. Und es ist wichtig, dass sie keine Angst haben brauchen, ihre Eltern zu verlieren. Deshalb müssen beide Familien gut zusammenarbeiten.

Zum Wohl des Kindes?

Ja, und dazu brauchen wir auch die Mitarbeit und Motivation der Eltern. Unsere Aufgabe ist es doch zu überlegen, wie das Kind wieder Sicherheit in seiner Familie findet. Unterstützung geben verschiedene Fachkräfte, die sowohl Eltern als auch die neue Familie unterstützen.

Müssen Familien bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um ein Kind aufzunehmen?

Wenn die Familien bereits pädagogische Erfahrungen gesammelt haben, ist das von großem Vorteil. Aber es wird nicht vorausgesetzt. Wichtig ist, dass mindestens eine Person rund um die Uhr für das Kind da ist. Außerdem muss die Familie offen für ein „fremdes Kind“ sein und auf seine Bedürfnisse eingehen können. Es muss sichergestellt werden, dass die ganze Familie hinter der Entscheidung steht, ein Kind vorübergehend bei sich aufzunehmen.

Und wenn die Familien feststellen, dass sie der Aufgabe doch nicht gewachsen sind?

Jede Familie wird in einer Schulung vorbereitet. Wir lassen sie auch während dieser Zeit nicht im Stich, sondern tauschen uns regelmäßig mit ihnen aus. In gemeinsamen Gesprächen werden sicher Lösungen gefunden. Ganz klar: Es ist keine leichte Aufgabe. Deshalb wird sie auch angemessen vergütet.

Warum wird dieses Angebot gerade jetzt geschaffen? Nimmt der Bedarf zu?

Nein, das glaube ich nicht. Vielmehr ist die Gesellschaft für dieses Thema sensibler geworden. Was früher im Verborgenen blieb, wird heute offener thematisiert. Ich finde, das ist eine gute Entwicklung.

Info-Veranstaltung zur Familiären Bereitschaftsbetreuung: 24.August um 19Uhr in der Bauernschänke Röhrsdorf, 03501/528508

Das Gespräch führte Verena Weiß.