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Startbereit in 55 Minuten

Ferienzeit am Klotzscher Flughafen: Einblicke in eine Welt, die Passagiere sonst nicht zu sehen bekommen.

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© Sven Ellger

Von Sandro Rahrisch

Kopfhörer auf, Mikrofon an. „Hallo Cockpit, willkommen in Dresden.“ Vor Susann Haschkes Füßen ist gerade die Boeing 737 aus Mallorca zum Stehen gekommen. In der Luft steuern die Piloten die Maschine. Auf Parkposition 32 des Dresdner Flughafens gibt die 28-Jährige an diesem Vormittag den Ton an. Sie muss das Flugzeug wieder startklar machen. Be- und Entladung koordinieren. Passagiere raus, Passagiere rein, Koffer raus, Koffer rein, frisches Wasser tanken, die Bordküche mit Sandwiches auffüllen – all das in weniger als einer Stunde.

Die Fluggäste müssen  ihr Gepäck durchleuchten und auch mal Körperkontrollen über sich ergehen lassen.
Die Fluggäste müssen ihr Gepäck durchleuchten und auch mal Körperkontrollen über sich ergehen lassen. © Sven Ellger
Ramp-Agentin Susann Haschke (l.) muss dafür sorgen, dass der Flieger schnell wieder beladen wird und pünktlich startet.
Ramp-Agentin Susann Haschke (l.) muss dafür sorgen, dass der Flieger schnell wieder beladen wird und pünktlich startet. © Sven Ellger

Die Terminalwände trennen zwei Welten: draußen Hochspannung, drinnen Tiefenentspannung. Zumindest auf der Bank vor den Check-in-Schaltern. Mit Leberwurstschnitten überbrückt das Ehepaar Schmitz die Zeit zwischen Kofferabgabe und Sicherheitscheck. Stärkung auf Sächsisch. Nach Málaga fliegen die Dresdner das erste Mal. Und das nicht, um Ferien zu machen. „Wir sind auf Immobiliensuche“, sagt Birgit Schmitz. Dreimal im Jahr steigen die beiden in einen Flieger, meist geht es nach Ägypten. „Wir waren im März noch unten. Da haben wir ein Stammhotel.“ Nach dem Absturz eines russischen Ferienfliegers, hinter dem ein Terroranschlag vermutet wird, sei es ruhig geworden am Roten Meer. „Die großen Hotels in Hurghada, alles ist leer. Traurig.“

Für die beiden wird es Zeit, sich kontrollieren zu lassen – auf Waffen und Sprengstoff und alles, was dazu werden kann. Vor allem Frauen finden es gar nicht lustig, wenn der Metalldetektor anschlägt und die Sicherheitskräfte mit der Handsonde den ganzen Körper absuchen müssen, auch den BH, sagt Holger Uhlitzsch, Sprecher der Bundespolizei.

Eierschecke darf nicht mit

Das Handgepäck läuft durch ein Röntgengerät. Häufig sind es Benzinfeuerzeuge, die von den Mitarbeitern am Monitor aufgespürt werden. „Generell sind nur Gasfeuerzeuge erlaubt“, sagt Uhlitzsch. Und zwar eins pro Person. „Aber das laden erstaunlich viele Passagiere ins aufgegebene Reisegepäck.“ Bleiben darf es dort nicht. Im Flieger herrschen unterschiedliche Druckverhältnisse. Die Feuerzeuge können platzen, das Gas kann sich entzünden. Auch ein Dauerbrenner: Wasserflaschen. Obwohl Flüssigkeiten im Handgepäck schon seit zehn Jahren verboten sind. Wut und Enttäuschung, beides hat Uhlitzsch seither erlebt. „Eine Oma wollte ihre hausgemachte Eierschecke für Verwandte mitnehmen, eine andere Kartoffelsuppe für ihren Enkel“, sagt er. Beides mussten sie in Dresden lassen. Und dann gibt es da noch die Whiskey-Freunde, die sich im Duty-free-Shop einen teuren Tropfen kaufen. Blöd nur, wenn der Flug dann gestrichen wird, die Passagiere umgebucht werden und noch einmal durch die Kontrolle müssen. „Da ist es einigen schon eingefallen, die Flaschen auszutrinken. Die einen fallen um. Andere sind so betrunken, dass der Kapitän sagt: Wir nehmen Sie nicht mit.“

Saunahitze auf dem Vorfeld

Draußen am Flugzeug streift Susann Haschke den Ärmel hoch und blickt nervös auf ihre Armbanduhr. Eine gute halbe Stunde ist noch übrig, dann muss der Germania-Flieger abheben. 36 Koffer sind bereits aus dem Bauch der Boeing verschwunden. 52 neue werden gerade vom Gepäckwagen auf das Förderband gehievt und wandern in den Frachtraum. Von hinten nach vorn stapeln, so einfach haben es die Lademitarbeiter aber nicht, sagt die Ramp-Agentin. „Damit das Flugzeug später richtig in der Luft liegt, müssen die Koffer entsprechend verteilt werden.“ Dafür unterschreibt Susann Haschke, die am Tag bis zu sieben Flieger abfertigt und sich inzwischen auf die ganz speziellen Wetterverhältnisse vorm Terminal eingestellt hat. Scheint die Sonne, heizen sich die Betonplatten auf. Saunagefühl. Im Herbst pfeift der Wind über die freie Fläche. Haschke hat ihre blonden Haare vorsichtshalber immer zum Zopf zusammengebunden.

Kleine Schockmomente gebe es immer wieder, sagt sie. Zum Beispiel, wenn ein Passagier nicht am Gate erscheint, sein Koffer aber schon in der Maschine liegt. Das passiere vor allem beim Vorabend-Check-in, wo Urlauber ihr Gepäck schon am Abend vor ihrer Reise am Flughafen abgeben können. „Da kommt es vor, dass der Fluggast krank ist oder einen Unfall hatte“, sagt Haschke. Andere kämen nicht von der Toilette oder verzettelten sich im Duty-free-Shop. „Irgendwann muss ich dann sagen: Jetzt ist Feierabend. Der Gast muss dableiben.“ Meist verspätet sich der Abflug trotzdem. Denn der Koffer muss auf dem Frachtraum rausgesucht werden. Eine Sicherheitsmaßnahme gegen Terrorismus.

Auch Geschäftsleute machen Dreck

Inzwischen ist die neue Flugzeugcrew am Flieger eingetroffen und steigt die Treppen der Fluggastbrücke hinauf. Nur der Pilot kehrt schon nach wenigen Minuten wieder aufs Vorfeld zurück. Schlechte Botschaften hat Kapitän Marcus Apping nicht im Gepäck. Im Gegenteil: Der letzte Blick auf die Wetterdaten zeigt, dass der Flug ruhig wird und das Kerosin, das noch in den Tragflächen vom Mallorca-Flug übrig geblieben ist, für die Reise nach Málaga reichen wird. Der Tankwagen wird also nicht gebraucht – das spart Zeit. Apping kann sich die Maschine deshalb in aller Ruhe anschauen. Mit der Hand wischt er über die Verkleidung der beiden Triebwerke, dreht die Schaufeln, bückt sich hinunter zu jedem einzelnen Reifen. Der sogenannte Außencheck, die Suche nach möglichen Schäden, ist Pflicht. Jetzt sind auch die Reinigungskräfte durch. Dass Ferienflieger immer dreckiger zurückkommen als Business-Jets – ein Mythos, sagt Susann Haschke. Auch Maschinen aus Frankfurt hätten schon einmal etwas intensivere Kabinenpflege nötig gehabt. Der Kollegin am Gate gibt sie jetzt das Signal zum Einsteigen. 58 Fluggäste laufen den Finger zum Flugzeug hinunter. Zwölf Ferienziele steuert Germania in diesem Sommer ab Klotzsche an. Durch die Anschläge in Ägypten hat sich das Reiseverhalten der Deutschen in den letzten Monaten erheblich verändert. Statt Antalya und Hurghada heißt es wieder mehr Teneriffa und Kreta. Dieser Samstag gehört mit rund 7 000 Passagieren übrigens zu den verkehrsreichsten des Jahres am Airport. Die ersten Urlauber kehren zurück.

Ohne Rückwärtsgang

Die Fluggastbrücke hat inzwischen abgedockt, weder Kofferbänder noch Cateringtrucks stehen noch am Flieger. Nur der sogenannte Pushback, auf den sich Susann Haschke stellt. Das Fahrzeug wird die Boeing rückwärts auf den Rollweg manövrieren, denn einen Rückwärtsgang haben Jets nicht. Die Ramp-Agentin gibt der Cockpitcrew das Signal, dass alles klar für den Triebwerksstart ist. Und verabschiedet sich. Wenige Minuten später hebt der Flieger von der Startbahn 22 ab, die Passagiere dürfen noch einen Blick auf die Dresdner Altstadt werfen. Für Susann Haschke geht der Arbeitstag damit zu Ende. Seit fünf Uhr morgens ist sie inzwischen auf den Beinen. Morgen früh ruft sie wieder ins Mikrofon: „Hallo Cockpit, willkommen in Dresden.“