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Starthelfer für Flüchtlinge

Die neue Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“ engagiert sich für Asylbewerber. Gegen Vorurteile setzen die Mitglieder auf Dialog.

© Arvid Müller

Von Philipp Siebert

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Coswig ist ein wenig anders, sagt Reinhard Meissner. Zumindest bei der Unterbringung von Asylbewerbern. 64 Flüchtlinge leben zurzeit in der Stadt. Nicht in Heimen wie in Radebeul oder Weinböhla. Allerdings leben in Coswig nur Familien. Diese kommen aus Syrien, dem Iran, Pakistan, Afghanistan und dem Irak. Alle sind in Wohnungen untergebracht. „Probleme mit ihnen gibt es so gut wie keine“, sagt Meissner. „Die Menschen haben sich hier gut eingelebt.“ Und das soll so bleiben.

Der 70-Jährige ist vielen Coswigern noch aus der Wendezeit bekannt. Seit 1988 gehört er zum „Ökumenischen Arbeitskreis für Gerechtigkeit, Umwelt und Frieden“, kurz GUF. Als im Herbst 1989 die Zeichen auf Sturm standen, war Reinhard Meissner mit in vorderster Linie zu finden. Er wurde zum Mitorganisator des Runden Tisches in Coswig und agierte als dessen Moderator. Für den einstigen Pfarrer, der 1974 zum Kunstglaser umsattelte, barg die Aufbruchsstimmung eine Menge Hoffnung in sich.

Jetzt, 25 Jahre später, sind die Zeiten wieder unruhig. Seit Monaten demonstrieren die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Die Bewegung lockt Tausende Menschen auf die Straßen. Erst am vergangenen Sonntag kamen über 17 000 zur Kundgebung in Dresden zusammen. „Auch Coswiger gehen dorthin“, sagt Meissner. Unter anderem fordern die Demonstranten die Verschärfung des Asylrechts.

Dass die Ankunft von neuen Asylbewerbern in diesen Tagen auch in Coswig heiß diskutiert wird, wundert den Mann mit der rahmenlosen Brille und den grau melierten Haaren nicht. Mit rund 1 000 Neuankömmlingen rechnen die Verantwortlichen im Landratsamt Meißen in den kommenden Monaten. „Einige davon werden wohl in Coswig untergebracht“, sagt der Sörnewitzer, „und wir haben die Angst, dass die Stimmung in der Stadt denen gegenüber durch Pegida kippt.“

Davon will sich der ökumenische Arbeitskreis nicht kalt erwischen lassen. Gemeinsam mit seinen einstigen Mitstreitern aus den Wendejahren hat Meissner daher nun die Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“ ins Leben gerufen. 40 Mitglieder zählt das neue Bündnis inzwischen. Sie setzen sich dafür ein, dass die Stadt weltoffen und fremdenfreundlich ist und bleibt, sagt Meissner. In Zusammenarbeit mit Bürgern, Vereinen, Institutionen und der Stadt wollen sie die neu nach Coswig kommenden Flüchtlinge unterstützen.

Noch stehen die Initiatoren mit ihrer Arbeit am Anfang. Einen Plan haben sie jedoch bereits. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, die Asylbewerber im täglichen Leben zu begleiten, ihnen dabei zu helfen Deutsch zu lernen und ihre Integration in unsere Gesellschaft zu fördern“, erklärt Meissner.

So sind beispielsweise Patenschaften geplant. Ehrenamtliche Helfer sollen die Fremden bei Behördengängen, Arztbesuchen, der Anmeldung in Vereinen oder alltäglichen Besorgungen begleiten. Schwerpunkt werde jedoch die Vermittlung der deutschen Sprache sein. Die Mitglieder der Initiative verstehen sich dabei als Vermittler, nicht aber als Hauptakteur. „Wir wollen kein Verein sein, sondern ein Netzwerk aufbauen und Kontakte knüpfen“, erklärt Meissner.

Vermitteln wollen die Mitglieder der Initiative aber nicht nur zwischen Helfern und Asylbewerbern. Sie möchten ebenso Vorbehalte abbauen. Meissner weiß, dass viele Bürger Angst vor den Fremden haben. „Wir verstehen, dass es bei den Menschen in Coswig Vorurteile gibt. Und wir wollen alles tun, um diese Ängste abzubauen.“ Das gehe aber nur gemeinsam. Deshalb will die Initiative die Einwohner einladen, etwa im Rahmen des Coswiger Frühlingsfestes.

Reinhard Meissner hofft, dass es so gelingt, Vorbehalte zu überwinden – etwa, dass alle Ausländer kriminell sind. Als er das sagt, ist sie wieder da: die Aufbruchsstimmung und Hoffnung wie vor 25 Jahren. „Coswig ist ein wenig anders“, sagt Meissner, „und das soll so bleiben.“

Die Initiative sucht weiterhin Unterstützer. Interessierte können sich in der evangelischen oder katholischen Kirche in Coswig sowie im Bürgerbüro im Rathaus melden.

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