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Steht Görlitz vor einem Wirtschaftswunder?

Unternehmen siedeln sich an, Arbeitsplätze entstehen. Doch Fachkräfte zu finden ist schwer.

© Archiv/Pawel Sosnowski

Von Daniela Pfeiffer

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Görlitz boomt. Die Anfang der Woche bekannt gewordenen Umzugspläne der Alsa-Zentrale nach Görlitz mit der Aussicht auf 280 neue Jobs ist dabei nur eine der guten Nachrichten. Jüngst hatten auch die Elbe Flugzeugwerke Dresden verkündet, ab Herbst im Gewerbegebiet Kodersdorf Flugzeugteile herstellen zu wollen und 100 Arbeitsplätze zu schaffen. Das Görlitzer Call-Center SQS will mittelfristig weitere 100 Leute einstellen.

Hunderte von neuen Arbeitsplätzen in der Stadt und dem Umland geben vielen Hoffnung: potenziellen Rückkehrern, aber auch Langzeitarbeitslosen. „Bis vor Kurzem galt Ostsachsen wegen der hiesigen schlechten wirtschaftlichen Situation vor allem bei Fachkräften als Abwanderungsgebiet. Diese negative Dynamik ist gerade dabei sich umzudrehen“, sagt auch Rathaus-Pressesprecherin Ina Rueth. Die SZ fasst zusammen, warum sich Görlitz in jüngster Zeit beinahe zu einem kleinen Wirtschaftswunder entwickelt hat und was zu erwarten ist.

Was die Neuen planen

Der Birkenstock-Zulieferer Alsa will seine Zentrale von Hessen nach Görlitz verlagern – ins Gewerbegebiet Ebersbach, wo Alsa bereits seit 2009 ein Werk hat. Bis 2020 soll hier die gesamte Alsa-Produktion verdoppelt werden, heißt es vom Unternehmen. Für die Erweiterung – die Rede ist von einem Neubau – soll ein Bauvorantrag bereits im Rathaus eingegangen sein.

Im Gewerbegebiet „Am Kranichberg“ in Kodersdorf lassen sich die Elbe Flugzeugwerke in den ehemaligen Hallen von Paletten 24 nieder, um Fußbodenplatten für Airbus-Flugzeuge zu verarbeiten. Hundert neue Arbeitsplätze sollen langfristig entstehen, mit etwa 30 will das Unternehmen zunächst starten.

Wo die Fachkräfte herkommen sollen

Bei all den Erfolgsmeldungen bleibt die Frage, ob es angesichts des ausgesprochenen Fachkräftemangels in der Region auch genug qualifizierte Leute für diese neuen Jobs gibt. „Das ist eine Herausforderung, man wird Aufwand in die Suche stecken müssen“, sagt Mandy Kriese, Teamleiterin Wirtschaft in der Europastadt GmbH Görlitz-Zgorzelec (EGZ). Was Alsa angeht, wolle man zunächst versuchen, einige Mitarbeiter aus Hessen anzulocken. „Aus deren Sicht ist das Ganze natürlich traurig“, sagt Kriese. „Wir werden deshalb 300 Willkommenspakete nach Uerzell schicken, um ihnen unsere Stadt bekanntzumachen. Sicher kennen uns die meisten noch nicht.“

Ansonsten setzt Kriese auf Arbeitslose, die sich sicher über eine neue Chance freuen. Außerdem wäre da noch enormes Potenzial an rückkehrwilligen Görlitzern, die derzeit noch woanders leben, mit einem Job vor Augen aber zurückkommen würden. „Und auch der Nachwuchs ist ja noch da“, sagt Mandy Kriese. „Wenn Firmen es richtig angehen, können sie langfristig ihren Bedarf mit jungen Leuten decken.“

Heiko Kammler vom Görlitzer Unternehmerverband setzt auch auf Leute aus entfernteren Regionen. „Görlitz hat eine hohe Lebensqualität, doch das muss man nach außen tragen und das Image der Stadt weiter verbessern.“ Wenn es etwa für die Alsa-Mitarbeiter in Hessen nicht infrage käme, „an die polnische Grenze zu ziehen“ – wie es die Fuldaer Zeitung schreibt – sei das sehr mit Vorurteilen behaftet. Es müsse mit Klischees aufgeräumt werden. Schließlich würden Grenzen heute kaum noch eine Rolle spielen. „Wir leben hier doch schon lange europäisch.“

Swen Röder, Pressesprecher der Arbeitsagentur in Bautzen sagt: „Wenn Unternehmen in einem kurzen Zeitraum einen hohen Bedarf an Fachkräften haben, stellt das immer eine Herausforderung dar. Eine Herausforderung, der sich die Agentur für Arbeit für die Region gern stellt.“ Sollte es zunächst nicht genug Fachpersonal geben, könnten immer noch durch Weiterbildung oder Umschulung die Bedürfnisse des Arbeitgebers erfüllt werden.

Wenn noch mehr Investoren kommen

„Große Unternehmen erregen immer Aufsehen. Wenn sich weltbekannte Firmen wie die Elbe Flugzeugwerke hier ansiedeln, kann man auf die Sogwirkung hoffen“, sagt Heiko Kammler. Das hofft Mandy Kriese auch für Görlitz. Platz für Neuansiedlungen gibt es hier schon noch. Zwar sei das Gewerbegebiet Ebersbach voll – bis auf eine große unbebaute Fläche, die zwar verkauft ist, aber deren Besitzer unter Umständen verhandlungsbereit wäre. „Und wir haben ja noch die Entwicklungsflächen in Schlauroth sowie das Industriegebiet in Hagenwerder.“

Warum Görlitz so erfolgreich ist

Wenn sich die Görlitzer Wirtschaft weiter so entwickelt, wird es vielleicht auch hier irgendwann voll. Eines der Versprechen von Siegfried Deinege im OB-Wahlkampf war die Görlitzer Wirtschaft voranzubringen. Daran hat er offenbar festgehalten, denn schon ein reichliches Jahr später gibt es erste Ergebnisse. Die Alsa-Erweiterung ist auch auf die Bemühungen der Görlitzer Wirtschaftsförderung zurückzuführen, die schon bei der Ansiedlung des Unternehmens 2009 beteiligt war. „Wir brauchen in unserer Region Unternehmen, die sich hier ansiedeln und sich erweitern. Görlitz bietet hierfür optimale Bedingungen“, sagt der OB zur Alsa-Entscheidung. „Wir unterstützen alle Unternehmen darin, dass sie hier erfolgreich arbeiten und wachsen können.“

Heiko Kammler bestätigt, dass sich in Görlitz vieles zum Positiven gewendet hat. Investoren würden inzwischen mit offenen Armen empfangen. „Ansiedlungsentscheidungen sind innerhalb weniger Wochen möglich, weil im Rathaus die Bearbeitung von Anträgen schnell geht. Ich habe schon länger keine Probleme und Beschwerden mehr von Unternehmern gehört.