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Steimle mit Nazi-Anspielung auf dem T-Shirt

Der Dresdner Kabarettist löst mit einem Spruch auf seiner Brust in Meißen eine Diskussion aus.

Tragen gern Nickis mit Sprüchen, die lustig sein sollen: Der Meißner CDU-Stadtrat Jörg Schlechte und der Kabarettist Uwe Steimle bei einem Treffen am Pfingstmontag.
Tragen gern Nickis mit Sprüchen, die lustig sein sollen: Der Meißner CDU-Stadtrat Jörg Schlechte und der Kabarettist Uwe Steimle bei einem Treffen am Pfingstmontag. ©  Screenshot: SZ

Meißen. Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Unterschied zu entdecken. "Kraft durch Freunde" steht in schwarzer Frakturschrift auf dem weißen Untergrund des T-Shirts mit roten Ärmeln zu lesen. "Kraft durch Freude" dagegen waren ein Werbespruch und gleichzeitig eine Organisation im Dritten Reich. 

Für die Deutsche Arbeiterfront, in welcher die Nazis die Arbeiterschaft gleichschalteten, kümmerte sich KdF um Urlaubsfahrten, bunte Abende, Nähkurse und selbst Schachturniere. Eines der bis heute bekanntesten Projekte war der Bau des Ostseebades Prora. Der deutsche Politikwissenschaftler Götz Aly sieht hinter der Gründung von KdF das Motiv, den nationalsozialistischen Staat als "Wohlfühldiktatur" wirken zu lassen.

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Getragen wird das T-Shirt mit dem abgewandelten Nazi-Werbespruch an diesem Pfingstmontag von dem sächsischen Kabarettisten Uwe Steimle bei einem Besuch in Meißen. Hier hat der Künstler bereits seit längerer Zeit engen Kontakt zu dem CDU-Stadtrat Jörg Schlechte. Einem Eintrag auf der Facebook-Seite des Christdemokraten zufolge ist das T-Shirt zusammen mit einem zweiten Exemplar ein Geschenk für Familie Schlechte. Angelehnt an die DDR-Sprache schreibt Schlechte von "Nickis".

Einer der ersten, dem "Kraft durch Freunde" auffällt, ist der frühere Lokalpolitiker der Bündnisgrünen, Andreas Vorrath, aus Klipphausen. Er sieht sich selbst als antifaschistischen Vorkämpfer und verbringt viel Zeit damit, im Netz nach aus seiner Sicht "faschistischen" Äußerungen zu suchen.  Gern schießt er mit starken Worten zurück. 

So bezeichnete er CDU-Stadtrat Schlechte bei einer früheren Gelegenheit als "Rassisten" und den Kabarettisten Uwe Steimle als "völkisch-antisemitischen Jammerossi". Klagen gegen diese Bezeichnungen scheiterten. Das Meißner Amtsgerichts erlaubte sie mit Verweis auf das Recht der freien Meinungsäußerung. Die KdF-Anspielung auf Steimles Brust nimmt er nun zum Anlass, sich zu wiederholen.

Kritik gibt es allerdings nicht nur von linksextremen Aktivisten wie Vorrath, sondern auch aus der Meißner CDU selbst. So spricht der jüngst erstmals in den Stadtrat gewählte Christdemokrat Walter Hannot von "billiger Pöbelei". Es gebe Grenzen. Die sollte eigentlich auch die CDU ziehen. "Wenn man nichts mehr zu sagen hat, muss man offensichtlich die Dosis der Grenzüberschreitungen erhöhen, um noch wahrgenommen zu werden", so Hannot.

Ein anderes CDU-Mitglied möchte seinen Namen nicht bei Sächsische.de lesen, verweist jedoch darauf, dass es sich bei KdF um eine der nationalsozialistischen Massenorganisationen handelte, geschaffen um die Diktatur zu bemänteln. "Ein Kokettieren mit diesen Begrifflichkeiten insbesondere durch Mandatsträger der CDU ist damit unvereinbar." Wenn ein Kabarettist dies tue, könne es noch als Doppelbödigkeit und bewusste Provokation ausgelegt werden, nicht jedoch bei einem Stadtrat.

Der jüngste Vorfall ist dabei nur Teil einer ganzen Reihe von problematischen Äußerungen, mit denen Christdemokrat Schlechte in der Vergangenheit immer wieder für Wirbel gesorgt hat. Der Kommunalpolitiker, welcher ursprünglich mit der Wende-Partei Demokratischer Aufbruch zur CDU kam, rechnet sich dem rechten Flügel der sächsischen CDU zu. 

Ähnlich wie der frühere CSU-Chef Franz Josef Strauß möchte er rechts der Christdemokratie keine Partei zulassen. Alles was irgendwie nach einer linken Ansicht klingt, fällt für ihn unter Kommunismusverdacht und wird – zumindest verbal – hart bekämpft. „Linke haben mir nix zu sagen. Die haben mich bis 1989 genervt“, so Schlechte. Übertrittsempfehlungen – etwa zur AfD – weist er jedoch stets zurück.

Die Geschehnisse im Flüchtlingsjahr 2015 dürften entscheidend dazu beigetragen haben, dass sich Jörg Schlechtes Facebook-Einträge immer weiter radikalisierten. Das was sonst vielleicht nach dem einen oder anderen Bierchen in der Stammkneipe geäußert wurde, fand sich nun im Internet wieder. Politische Gegner wurden schnell einmal als „Dreckszecken“ oder „flüchtlingsbesoffene Gutmenschen“ bezeichnet. Zeitungen berichteten teilweise bundesweit über die Ausrutscher.

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Bei den letzten Stadtratswahlen am 26. Mai hat dies dem CDUler allerdings auch nichts genützt. Die Christdemokraten verloren drei ihrer sieben Mandate. Die Alternative für Deutschland erreichte aus dem Stand fünf Sitze. Jörg Schlechte selbst muss künftig auf seinen Platz im Meißner Ratssaal verzichten. Zu einem CDU-Stammtisch am Donnerstagabend möchte er die Gründe für das desaströse Wahlergebnis analysieren. SZ-Informationen zufolge wird nach dem jüngsten Vorfall jedoch kein Mitglied des Stadtverbandsvorstandes an der Veranstaltung teilnehmen.

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