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Stell dir vor, es ist keine BRN ...

Am Wochenende hätte die Bunte Republik Neustadt stattgefunden. Wegen Corona wurde sie abgesagt. Was ging spontan ab in der Dresdner Neustadt?

Fröhliche Nachbarschaftsrunde beim Freiluftfrühstück auf der Sebnitzer Straße. Im Ganzen Viertel haben am Sonntag Anwohner ihre Tische auf die Straßen gestellt.
Fröhliche Nachbarschaftsrunde beim Freiluftfrühstück auf der Sebnitzer Straße. Im Ganzen Viertel haben am Sonntag Anwohner ihre Tische auf die Straßen gestellt. © Sven Ellger

Dresden. Maja und Johanna sind die Ersten beim Frühstück. Sie haben ihre Küchentische aufs Pflaster der Sebnitzer Straße gestellt, Geschirr, Salatschüssel und Kaffee in Töpfertassen. Tomy kommt mit zwei Flaschen Sekt dazu. Der Rest der Hausgemeinschaft trudelt langsam auch ein.

Man stelle sich vor, es ist keine Bunte Republik Neustadt und ein paar gehen hin. In guter alter Tradition haben am Sonntagmorgen hier und da Neustädter ihre Frühstückstische auf die Straßen geräumt. Lange Tafeln mit all zu vielen Gästen sind zum Schutz vor Corona nicht erlaubt, aber einzelne Tische lassen wenigstens ein bisschen BRN-Feeling zu. Da sitzt man und schwatzt und bespricht den Abend zuvor: Gab es nun eigentlich eine Spontan-BRN oder war davon nichts zu spüren?

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Offiziell wurde Dresdens größtes Stadtteilfest abgesagt. Veranstaltungen mit Tausenden Besuchern sind laut Allgemeinverfügung des Freistaates verboten. In besten BRN-Zeiten hatten sich zwischen Freitag und Sonntag rund 300.000 Menschen in den Straßen des Viertels gedrängt.

Und ist die Bühne noch so klein: Die in der Bar Mondfisch in der Louisenstraße passte gerade in einen Türrahmen.
Und ist die Bühne noch so klein: Die in der Bar Mondfisch in der Louisenstraße passte gerade in einen Türrahmen. © Sven Ellger

Es war am Sonnabend mehr los als an normalen Wochenenden, darin ist sich auch die Nachbarschaftsrunde der Sebnitzer Straße einig. Etwas mehr Straßenmusik hätten die jungen Leute erwartet. In einigen Kneipen spielten Bands und beschallten mit ihrer Musik die Straße davor, wie zum Beispiel in der Bar Mondfisch an der Ecke Alaunstraße/Louisenstraße. Im Kunsthof hatte der Künstler Alexander Heitkamp mit Freunden den Grill aufgebaut. „Wir wollen wenigstens ein bisschen an die BRN erinnern. Sie hätte dieses Jahr schließlich 30-Jähriges“, sagt er. Vor seinem Atelier „Buchstabenorte“ legte ein DJ loungige Musik auf. Bunte Kreidekreise auf dem Boden zeigten Zuhörern den gebotenen Mindestabstand an.

Hier und da hatten Anwohner die BRN-Flagge gehisst und ihre Balkons geschmückt. Die Mickey Mouse auf Schwarz-Rot-Gold oder auf Regenbogenfarben begleitet das Fest als Symbol seit Gründung der Bunten Republik 1990. Damals war sie als Mikronation ausgerufen worden, weil viele Neustädter fürchteten, von Investoren aus ihrem Umfeld vertrieben zu werden. Bier to Go und Cocktails an der Fensterbank-Bar, das gibt es schon eine ganze Weile und völlig legal. Auch an diesem Wochenende. Vor allem Bar- und Clubbetreiber mit zu engen Räumlichkeiten versuchen auf diese Weise, ihren Umsatz zu sichern. So weit, so normal.

Etliche Neustädter haben am Wochende als Hommage an die Bunte Republik die Flagge der BRN gehisst und sich in kleinen Runden darunter zum Plausch versammelt.
Etliche Neustädter haben am Wochende als Hommage an die Bunte Republik die Flagge der BRN gehisst und sich in kleinen Runden darunter zum Plausch versammelt. © Sven Ellger

Der Neustadt-Kolumnist Jan Frintert, besser bekannt als Anton Launer, und die ehemalige BRN-Mitorganisatorin Ulla Wacker haben eine dreitägige BRN-Talkrunde via Youtube ins Leben gerufen und von Freitag bis Sonntag jeweils zwei Stunden digital gesendet. Mit Gästen, die die Bunte Republik geprägt haben, sprachen sie über das Geschehen in den zurückliegenden drei Dekaden und beantworteten Zuschauerfragen. „Allein an den ersten beiden Sendetagen haben rund 1.000 Leute zugesehen“, sagt Jan Frintert.

Im Jahr 1990 haben Bewohner der Dresdner Neustadt die Bunte Republik gegründet, aus Furcht, aus ihrem Stadtteil könnte ein Banken- und Vergnügungsviertel werden. Seitdem begleitet die BRN das SYmbol der Mickey Mouse.
Im Jahr 1990 haben Bewohner der Dresdner Neustadt die Bunte Republik gegründet, aus Furcht, aus ihrem Stadtteil könnte ein Banken- und Vergnügungsviertel werden. Seitdem begleitet die BRN das SYmbol der Mickey Mouse. © Sven Ellger (Archiv)

Um Mitternacht hatten sich am Sonnabend unzählige Feiernde am sogenannten Assi-Eck zusammengefunden und tanzten auf der Kreuzung Görlitzer/Louisenstraße. Autofahrer konnten sich nur mühsam hindurchmanövrieren. Die Polizei war verstärkt in der Neustadt unterwegs. Sie hatte Unruhen befürchtet. Die Beamten meldeten aber keine besonderen Vorkommnisse und Ordnungswidrigkeiten. „Insgesamt ist alles ruhig verlaufen“, heißt es Sonntagnachmittag aus dem Lagezentrum.

Dichtes Gedränge am sogenannten Assi-Eck: Auf der Kreuzung Görlitzer/Louisenstraße zwängten sich die Autos im Schritttempo durch die Massen.
Dichtes Gedränge am sogenannten Assi-Eck: Auf der Kreuzung Görlitzer/Louisenstraße zwängten sich die Autos im Schritttempo durch die Massen. © Sven Ellger

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