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Stets die Flutwelle im Blick

Lessingstraße. Sechs Meter unter dem Asphalt sanieren Arbeiter einen 90 Jahre alten Abwasserkanal.

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Von Christoph Scharf

Nur zwei Bürocontainer stehen hinter den Bauzäunen vor dem Amtsgericht. Obwohl die Straße halb gesperrt ist, einen Bagger oder andere Baumaschinen sucht der Passant vergebens. „Die Leute wundern sich immer, warum hier nichts zu sehen ist“, sagt Ingenieur Gerald Kriedel.

Dafür sind sechs Meter unter der Erde zwei Männer mit Presslufthämmern am Werk: Sie brechen aus den Betonwänden des Lessingkanals schadhaft gewordene Stellen heraus, „wie der Zahnarzt, der Karies rausbohrt“, lächelt Kriedel. Denn die Sohle des im Ersten Weltkrieg gebauten Abwasserkanals ist über die Jahrzehnte durchlässig geworden. Einerseits drückt von unten das Grundwasser in die Röhre, was die Kläranlage in Jenkwitz überlastet. Andererseits kann so auch das schmutzige Wasser aus Toiletten und Ausgüssen das umliegende Erdreich verschmutzen.

Deshalb hacken Arbeiter die alte Betonrinne am Grund des dämmrig beleuchteten Kanals heraus und ersetzen sie durch Keramik-Halbschalen. In dem 1,60 Meter hohen Gang können nur zwei Leute gleichzeitig arbeiten, für mehr reichen die Fluchtmöglichkeiten nicht aus: Denn bei einem starken Regenguss kann schnell eine große Flutwelle den Kanal hinab donnern. Dann müssen sich die Arbeiter umgehend retten und dabei möglichst ihre teure Ausrüstung aus dem 140 Meter langen Tunnelabschnitt mit in Sicherheit bringen.

Damit sie rechtzeitig über die Trittstufen im engen Schacht wieder ans Tageslicht gelangen, wacht oben stets ein Kollege. Der scheinbar gelangweilt herumstehende Arbeiter hat die wichtigste Funktion, findet Bauleiter Lutz Kadoch: Er beobachtet aufmerksam den Himmel, um rechtzeitig vor einem Gewitter zu warnen. Der Sicherheit dient auch eine Messeinrichtung, die ein Stück oberhalb am Kino per Ultraschall den Wasserpegel des Lessingkanals misst. Schließlich kann über dem Gericht noch die Sonne scheinen, während anderswo in Bautzen ein Regenguss niedergeht. Dann warnen eine Hupe und eine Rundumleuchte vor der heranrollenden Flutwelle. „Bei Gewitter fließen hier 6 000 Liter pro Sekunde durch“, sagt Bauplaner Gerald Kriedel – 200-mal mehr Wasser als jetzt.

Denn für die Bauarbeiten haben die Arbeiter den Kanalabschnitt zwischen Mättig- und Taucherstraße durch Pumpen trockengelegt. „Wir haben Glück, dass wir das Schmutzwasser in einen parallel verlaufenden Kanal hinüberpumpen können“, sagt Bert Kalich vom Eigenbetrieb Abwasser. Das funktioniert aber nur bei Trockenheit – Regenwassermassen fließen über die Barriere und fluten den Kanal. Dessen Zustand ist nach 90 Jahren noch verhältnismäßig gut – deshalb lohnt sich auch die Sanierung unter Tage. „Außerdem wäre das Aufgraben viel teurer geworden“, sagt Kalich. „Und dann hätten wir auch die Straßenbäume fällen müssen.“