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Stiften gehen ohne Zinsen

Die Zahl der deutschen Stiftungen wächst jährlich, auch in Sachsen. Doch sie haben ein enormes Problem.

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© imago

Von Sven Heitkamp

Am 24. März 2015 schreibt Elena Bleß ihren Eltern eine SMS aus dem Flughafen Barcelona: Bin bald zu Hause. Doch die Gymnasiastin kommt nie an. Der Pilot lässt die Germanwings-Maschine, die ihre Schülergruppe aus Haltern am See zurück nach Düsseldorf fliegen soll, in den französischen Alpen abstürzen. Mit der Entschädigung, die die Lufthansa für die 15-Jährige zahlt, gründen Elenas Eltern eine Stiftung. Sie trägt den Namen ihrer Tochter, sie fördert Schüleraustausche, Sprachkurse, Auslandspraktika. Sie gehört nun zu jenen 21 000 gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland mit einem stolzen Vermögen von 100 Milliarden Euro und einem Problem: die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Die sorgt dafür, dass auch die Stiftungen am Kapitalmarkt kaum noch Renditen erzielen, die sie für gemeinnützige Zwecke ausschütten können.

1 800 Verantwortliche diskutieren daher seit gestern beim deutschen Stiftungstag in Leipzig alternative Geldquellen. Eine davon: Impact Investing. Rückzahlbare Zuschüsse aus sozialen und ökologischen Projekten. Die Stiftungen wollen damit zumindest einen Teil ihres Einsatzes zurückerhalten. Förderungen werden so zu Investitionen. Dies gelte aber nur für Projekte, die ohnehin Kapital abwerfen, sagt Felix Oldenburg, neuer Generalsekretär des Bundesverbandes deutscher Stiftungen. Vermögensbildung und Förderungen müssten nicht mehr getrennt, sondern zusammen gedacht werden. „Wir können uns nicht mehr auf das automatische Wachstum verlassen. Wir müssen aktiver werden“, sagt Oldenburg. Ein Beispiel: Wenn die ZEIT-Stiftung in Hamburg ein Wohnheim für Auszubildende errichtet, entstehen damit auch neue Vermögenswerte. Weitere Wege aus der Zinsfalle seien professionellere Anlagestrategien, mehr Fundraising oder künftig auch Zusammenschlüsse von Stiftungen.

Strukturen im Osten zerschlagen

Von allen deutschen Stiftungen liegen bisher nur sieben Prozent im Osten. Nazi-Deutschland und die DDR haben alte Strukturen zerschlagen. 1905 gab es allein in Leipzig noch 1 400 Stiftungen. Doch mittlerweile wächst die Landschaft wieder: Sachsen hat derzeit mehr als 500 Stiftungen, 113 davon in Dresden. Und jedes Jahr kommen landesweit 20 bis 30 neue hinzu. Fast die Hälfte kümmert sich um Kunst und Kultur, je ein Drittel um Soziales sowie um Bildung und Erziehung. Dazu gehören außergewöhnliche Geschichten: Die Juliane Eleonore Rüdiger-Stiftung in Dippoldiswalde hilft verarmten Handwerkerwitwen. Die Stiftung „Elemente der Begeisterung“, 2008 von einer Handvoll Leipziger Studenten mit 16 000 Euro ins Leben gerufen, engagiert sich für Völkerverständigung.

Die Stiftung St. Georgenhospital in Grimma, 1241 von Markgraf Heinrich gegründet, ist die wohl älteste Stiftung in Sachsen. Sie kümmert sich wie die Hospitalstiftung in Pirna von 1338 um ältere, hilfsbedürftige und kranke Bürger. Eine der größten ist die Stiftung „Meyer’sche Häuser“, die in Leipzig mehr als 2000 preisgünstige sanierte Wohnungen vermietet. Gegründet hat sie Verleger Herrmann Julius Meyer – mit dem berühmten „Meyers Konversationslexikon“.

Die Stadt Dresden hat nach dem Woba-Verkauf eine Sozialstiftung ins Leben gerufen und die Stiftung des Dresdner Stammzellenunternehmens Cellex engagiert sich für Flüchtlinge und Verfolgte. „Im Osten fehlt es aber noch an einer reichen Erbengenerationen und an großen Unternehmen“, sagt Georg Milbradt. Der frühere Ministerpräsident ist heute Vorsitzender der Kramerstiftung, die die private Handelshochschule HHL in Leipzig unterstützt. „Stiftungen sind immer auch Motoren für neue Wege“, sagt Milbradt. Doch die Aufholjagd werde wohl noch eine Generation dauern, so Milbradt. Die Kramer-Stiftung entstand 1898 und wurde 1992 mit der HHL neu und ohne Geld gegründet. Inzwischen hat sie aus privater Hand und von Unternehmern wieder eine Million Euro zusammengetragen.

Zur Eröffnung des Stiftungstages spricht am Nachmittag die Kanzlerin. Ein Viertel aller Stiftungen beschäftige sich heute mit der Integration von Flüchtlingen, lobt Angela Merkel (CDU). Migration komme schließlich allen zugute und sei eine von vielen Antworten auf den demografischen Wandel, wenn die Integration gelinge. „Deutschland“, so dankt Merkel den Stiftern, „wäre um vieles ärmer, wenn wir Sie nicht hätten.“