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Still ruht die See

Auf der Insel Rügen herrscht in dieser Saison bis zum Sommer Ebbe. Denn Urlaub zu machen ist hier gerade strafbar. Teil zwei der SZ-Ostsee-Exkursion.

Ein Traum für jeden Instagramer: Die Victoria Aussicht im Nationalpark Jasmund ohne jeglichen Besucher.
Ein Traum für jeden Instagramer: Die Victoria Aussicht im Nationalpark Jasmund ohne jeglichen Besucher. © Jürgen Lösel

Die Ortsnamen klingen allesamt nach Strand und Meer, vor allem aber nach Urlaub. Doch Urlaub und Rügen – das sind derzeit zwei unvereinbare Dinge. Corona-Fälle gibt es hier wie in ganz Mecklenburg-Vorpommern kaum, auch, weil Tourismus eben nicht stattfindet. Mehr als sechs Millionen Übernachtungen zählte die 77.000-Einwohner-Insel 2019, jetzt blinkt der Turm von Kap Arkona ins Leere.

Auch am Jasmunder Nationalpark oberhalb der Kreidefelsen ist der Ticketschalter leer. Ungesehen bleibt die Aussicht, die schon Maler Caspar David Friedrich faszinierte. Nur die Bäume ragen gierig Richtung Abgrund. Als hätten sie sich bei dem Versuch, noch mehr zu sehen, in die Tiefe gestürzt und wären dabei erstarrt.

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Vom Hafen in Schaprode fahren statt 14 noch drei Fähren am Tag nach Hiddensee, die Reederei hat ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. „Wir haben vielleicht noch zehn Passagiere am Tag“, sagt eine Verkäuferin am Schalter. „Das sind dann meistens Arbeiter.“ Der leere Parkplatz um die Wittower Fähre wirkt wie eine Filmkulisse außerhalb der Drehzeit. Am Hafen stehen zwei Angler knietief in der See. Mario Gielow, eigentlich Koch in einer Mutter-Kind-Klinik in Baabe, hat Kurzarbeit. „Abgesehen von dem leeren Strand ist das nicht schön“, sagt der 35-Jährige. „Wir brauchen die Touristen.“ Seit einer Stunde wartet er auf Seeforellen. „Na toll. Die Touristen sind weg und jetzt auch noch die Fische.“

Karls Erdbeerhof

Achterbahnwagen in Raupenform, Erdbeeren so groß wie ein Haus und überdimensionierte Schmetterlinge umgeben das Gehege der Enten. Gerade erleben sie auf Karls Erdbeerhof bei Zirkow ein ungeahntes Abenteuer: Leere, Stille, keiner mehr da. „Das gab es bei uns noch nie“, sagt Robert Dahl. Normalerweise haben Karls Erlebnishöfe, die nach seinem Großvater benannt sind, das ganze Jahr geöffnet. Knapp 800 Mitarbeiter des Unternehmens sind jetzt in Kurzarbeit. Ein kleines Team aus 60 Leuten bleibt in Vollzeit.

Fünf Erlebnishöfe, Tausende Erdbeerverkaufsstände, Hotel und Restaurant gehören zum Imperium. Mindestens eine Person hütet nun jeden Erlebnishof, auch, um Diebstähle zu verhindern. Dank Loch im Gatter spazieren wackelnd die Entendamen quakend über den Fußgängerweg, im Inneren der Halle decken Planen die Verkaufsstände ab. „Die Schließung hat uns ganz schön aus der Bahn geworfen“, sagt Dahl. Dann kam seiner Familie eine Idee: Die Erweiterung des Online-Shops. Den Hersteller einer Dinkelkissen-Firma etwa haben sie beauftragt, Gesichtsmasken zu nähen; eine Brennerei, die sonst Erdbeerschnäpse produziert, braut Desinfektionsmittel. Produkte, die sich gut verkaufen.

Auch Karls Erdbeerhof ist derzeit leer. „Das gab’s bei uns noch nie“, sagt der Chef.
Auch Karls Erdbeerhof ist derzeit leer. „Das gab’s bei uns noch nie“, sagt der Chef. © Jürgen Lösel

Robert Dahl arbeitet noch häufiger als sonst an seinem Lieblingsplatz: im Bad. Umgeben von holzgetäfelten Wänden steht dort ein cognacfarbener Sessel, von dem er in den Garten blickt. Dass Menschen vermehrt über digitale Medien für die Arbeit kommunizieren, erhofft er sich als eine positive Folge aus der Krise. Aus dem Ur-Erlebnishof in Rövershagen bei Rostock hat Dahl zwei Ziegen-Babys bei sich aufgenommen, damit sie nicht alleine sind. Gegenüber künftigen Gästen des Erlebnishofs könnten Elisabeth und Frieda sonst etwas scheu werden. Menschenmengen lernen sie, anders als ihre Vorfahren, erst noch kennen. Nächstes Wochenende werden zumindest die Bauernmärkte auf Rügen und den anderen Höfen wieder öffnen, am 4. Mai gibt es die nächste Lockerungswelle. Vielleicht dürfen auch die Achterbahnen, die Rutschen und Spielplätze danach wieder öffnen. Spätestens bis zum 100. Jubiläum von Opa Karl im nächsten Jahr haben die Enten wieder in ihren Teich zurückgefunden. Wahrscheinlich vorher.

Ein Künstlerpaar

Spontan hätte man kein Bett bei Sabine Korneli und Thomas K. Müller bekommen. Die drei Ferienwohnungen des Paares in Lohme sind während der Saison fast immer ausgebucht. An die Ostsee sind die Kulturwissenschaftlerin und der Bildhauer vor fünf Jahren gezogen, „um Druck rauszunehmen“. Sie wuchs in Dresden auf, er in Leipzig. Ende der 1990er-Jahre lernten sie einander in Berlin kennen, zogen zuletzt immer weiter raus. „Dann haben wir beschlossen, dass wir Ferienwohnungen betreiben wollen.“ Von den Alpen bis zur Ostsee suchten sie. Als sich das Zeitfenster schloss, schlugen sie auf Rügen zu.

„Das Traumobjekt war es zunächst nicht.“ Der Hof runtergewirtschaftet, in den Gemäuern Schwämme. So viel wie nötig rissen sie ab, bauten ein Atelier auf, holten sich Tiere. „Peu á peu haben wir dann festgestellt: Was wir haben, ist ein Träumchen. Wir haben den Hauptgewinn gezogen, ohne es zu merken.“ Durch die Nähe zum Königstuhl, den die Unesco zu den schönsten Orten der Welt kürte, kommen auch ohne Strandlage viele her. „Die Touristen hier sind nicht die Badeurlauber mit Handtuch über der Schulter, sondern Naturliebhaber.“

Das Künstlerpaar Sabine Korneli und Thomas K. Müller in seinem derzeit stillen „Träumchen“.
Das Künstlerpaar Sabine Korneli und Thomas K. Müller in seinem derzeit stillen „Träumchen“. © Jürgen Lösel

Jeden September veranstaltet das Paar eine Sommerakademie für verschiedene Kunstformen. In allen Ecken schreiben, singen, malen die Teilnehmenden dann im Garten. Danach sitzt man ums Lagerfeuer. Wo es in Sommernächten brennt, sitzen die beiden in weißen Holzstühlen vor einem Teich und trinken Limonade. In ihrem Rücken zeigen Wildschafe ihren Lämmchen, wo es sich gut grasen lässt, nebenan picken Hühner in der Wiese. Käse stellen Korneli und Müller her, lassen Schafe zu Fleisch verarbeiten, produzieren Eierlikör und alles Mögliche aus Früchten. Mit den Ferienwohnungen fällt die Haupteinnahmequelle weg, auch die geschlossene Galerie bringt kein Geld, und für die Sommerakademie gibt es keine Buchungen mehr. „Dabei gehen wir davon aus, dass sie stattfinden wird.“

Sollte sie trotzdem ausfallen, bleibe niemand auf Kosten sitzen. „Es wäre schön, wenn die Folge der Krise etwas sanfterer Tourismus wäre“, sagt Korneli. „Die Aufenthalte wurden zuletzt immer kürzer, die Leute packen immer mehr Erlebnisse in weniger Zeit.“ An viele Gäste ihrer Wohnungen erinnern sich die beiden gerne. Mindestens die Hälfte kommt aus Thüringen und Sachsen, einige aus Berlin und aus dem Ausland. Da war die Leipzigerin, die ihrem Londoner Ehemann zeigen wollte, wo sie als Kind Urlaub gemacht hat, oder der Mitarbeiter einer Botschaft aus dem Senegal. „Unsere letzten Gäste waren zwei Mädchen aus Berlin“, sagt Müller. „Die drohten zu verspannen, dann habe ich ihnen eine Flasche aus dem Weinkeller geholt.“ Wer die ersten Gäste sein werden, ist noch nicht klar. Für die Monate ab August gehen viele Buchungen ein. Die Saison, so hofft das Paar, könnte sich nach hinten verschieben.

Zwei Polizisten

Jens Hoyer hat schon wildere Zeiten mitgemacht. Als Rechtsextreme in Rostock-Lichtenhagen Geflüchtete mit Molotowcocktails attackierten, war der Rügener Polizist im Einsatz. Er sicherte Fußballspiele und Castortransporte ab, kontrollierte Besucher des Fusion-Festivals auf Drogen. An diesem Vormittag späht der 55-Jährige auf eine lange Linkskurve. Früh genug muss er durchs Fernglas entdecken, wenn sich ein Auto mit ortsfremdem Kennzeichen nähert, damit Kollege Mathias Müller die Kelle heben kann.

„Nix, gar nix“, sagt Hoyer zu Müller. „Es ist auch einfach nix mehr los.“ Seit Tourismus verboten ist, wartet die Polizei an vielen Einfahrten auf potenzielle Regel-Brecher. Wen die Kelle rauswinkt, der muss seinen Aufenthalt rechtfertigen. Gewerbliche Zwecke gelten dann, ein Erstwohnsitz vor Ort, die Pflege Angehöriger. „Sollten sich tatsächlich noch Auswärtige hier verstecken, reisen sie unserer Vermutung nach auch nicht auf der Insel umher“, sagt Hoyer. Er zieht eine Liste aus der Tasche, die das Ordnungsamt ihm überreichte. Geparkte Autos mit auswärtigen Kennzeichen stehen darauf, aus München, Wuppertal oder dem Vogtlandkreis. „Wir prüfen die Fahrzeuge dann.“ Ein Dauer-Überprüfter aus Schleswig-Holstein hat inzwischen ein Papp-Schild in sein Auto gelegt: „Ich bin Rüganer“, steht darauf.

Die Polizisten Jens Hoyer und Mathias Müller haben an der Bundesstraße 96 wenig zu tun.
Die Polizisten Jens Hoyer und Mathias Müller haben an der Bundesstraße 96 wenig zu tun. © Jürgen Lösel

Was manche an Zeiten der Denunzianten-Kultur erinnert, schildert die Polizei neutral: Immer wieder würden Einheimische die Menschen mit fremden Kennzeichen fragen, was sie auf der Insel suchen. Wenn Ferienwohnungen belegt sind, melden sich Nachbarn bei der Polizei. An den Kontrollpunkten zwischen den Inseln ist Ruhe eingekehrt. „Zuletzt war es tiefenentspannt, wir mussten kaum Autos abweisen, die meisten Auswärtigen haben Nachweise für einen triftigen Grund“, sagt Müller. Die Zahl der Straftaten ist zurückgegangen, Corona-Delikte häufen sich eher auf dem Festland. Auf der Insel mussten die Polizisten noch kein Strafgeld verhängen. Es könnte der ruhigste Sommer für Jens Hoyer werden, seit er 1983 in den Dienst einstieg. Kein Massentourismus, das Fusion-Festival ist abgesagt. Als letzter Motorrad-Polizist der Insel fährt er wohl noch eine Weile fast allein durch lange Linkskurven.

Die Bürgermeister

Diskutiert haben Joyce Klöckner und ihr Amtsvorgänger Matthias Olgivie viel. Die 72-jährige Bürgermeisterin von Lohme hat die Ellbogen auf einem Tisch seines Parkhotels abgelegt, blickt raus auf das Meer, wo eine Fähre nach Schweden verschwindet. Teller voll Dorsch würden normalerweise vorbeitänzeln, gerade ist Olgivie aber sein einziger Gast. Bis in die Nacht sitzt der 66-Jährige zwischen Tischlampen und teuren Schnäpsen, um potenzielle Diebe abzupassen. Auch seine Ferienhäuser, von denen er einige aus dem Besitz ehemaliger sächsischer Betriebe aufgekauft hat, stehen leer. Erst nächstes Jahr, meint der Hotelier, werde er wohl wieder Gäste empfangen.

Lohmes Bürgermeisterin Joyce Klöckner hofft noch im Sommer auf Gäste.
Lohmes Bürgermeisterin Joyce Klöckner hofft noch im Sommer auf Gäste. © Jürgen Lösel

Halb leer sei das Glas für ihn. „Für mich ist es aber halb voll“, entgegnet Klöckner. Die gebürtige Inderin war ihr Leben lang unterwegs, als Frau eines Entwicklungshelfers lernte sie Sprachen der ganzen Welt. Seit Anfang der 2000er-Jahre lebt die dreifache Mutter mit ihrem Mann in dessen Geburtsort. Die Bürgermeisterin erwartet erste Gäste nach der Krise noch in diesem Sommer. „Ich glaube, die Globalisierung wird zurückgehen. Die Leute werden künftig mehr Urlaub im eigenen Land machen, statt in die Ferne zu reisen.“ Sorgen macht ihr die Lage der Lohmer schon, „aber ich sage ihnen immer, dass sie konstruktive Vorschläge bringen sollen“.

Ihr Amtsvorgänger Matthias Olgivie, Hotelier in Lohme, ist da skeptischer.
Ihr Amtsvorgänger Matthias Olgivie, Hotelier in Lohme, ist da skeptischer. © Jürgen Lösel

Besonders betroffen ist neben Hoteliers auch der Dorfladen. Erst im Januar haben zwei zugezogene Berliner ihn übernommen. Einheimische kaufen meist lieber in den Supermarktketten außerhalb der Gemeinde, das Zielpublikum sind Touristen. „Aber sie haben etwas Bewundernswertes gemacht, haben ziemlich schnell umgestellt, kochen jetzt jeden Tag ein anderes Essen und beliefern Leute, die bestellen. Das macht Mut.“ Viele andere Hotels würden gerade renovieren. „Die haben noch die Illusion, dass sie bald öffnen werden“, frotzelt Olgivie. Man brauche keine Kredite vom Staat, stattdessen solle der allen Hotels Quarantäne-Status auferlegen, damit sie ihre einstigen Netto-Einnahmen abzüglich Aufwendungen gezahlt bekämen.

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Klöckner und Olgivie spazieren über viele krumme Treppenstufen zum Hafen hinab. Wie jedes Jahr wollte man dort im Sommer ein Fest ausrichten. Klöckner lehnt sich auf das Geländer, vor ihr versinkt die Sonne in einem Gemälde aus Orange und Pink. „Ist das nicht herrlich bei uns?“, fragt sie. Und sie beschließen, dass man ihre Gläser, das halb volle und das halb leere, mit Blick auf Corona am besten zusammengießen solle. Ein Drink, den Olgivie vielleicht bald seinen Gästen serviert.​

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