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Stille im Touristen-Sturm

Obwohl nur unweit der Festung Königstein gelegen, entkommt man im Schlosspark Thürmsdorf dem Menschengetümmel der Sächsischen Schweiz.

Rhododendren und Rosen zieren den Parkteil direkt am Schloss. Weiter oben im Wald wandert man unterm Blätterdach alter Bäume zu einem Teich und einer Haselallee.
Rhododendren und Rosen zieren den Parkteil direkt am Schloss. Weiter oben im Wald wandert man unterm Blätterdach alter Bäume zu einem Teich und einer Haselallee. © Ronald Bonß

Das eiserne Tor ist einladend geöffnet, eine orange Warnweste hängt achtlos überm Zaun. Kein Mensch ist zu sehen. Wahrscheinlich macht der Gärtner seine wohlverdiente Frühstückspause. Es gibt viel zu tun, vor allem morgens, wenn es am meisten Sinn macht zu gießen. Leonardo da Vinci und Benjamin Britten sind durstig. Schneewittchen, Christine Helene und die Lichtkönigin haben ihre beste Zeit in diesem Sommer schon hinter sich. 

„Sie müssen im Mai oder Juni hierher kommen, wenn der Rhododendron und die Rosen in voller Blüte stehen“, sagt Sven-Erik Hitzer. Ihm und seiner Frau Annett gehören das Schloss und knapp ein Drittel des dreieinhalb Hektar großen Schlossparks in Thürmsdorf. 1997 haben sie das Anwesen gekauft und seitdem investiert in die notwendigen Reparaturen am Schloss, Wegebau, Edelrosen und Obstbäume gepflanzt, eine Chocolaterie eröffnet und vieles mehr.

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Der Schlosspark zieht sich den Hang hinauf bis zum Biedermann-Mausoleum auf der einen und bis zur Straße zwischen Thürmsdorf und Weißig auf der anderen Seite. 1908 beauftragte Freiherr Erich Moritz von Biedermann keinen Geringeren als den königlich-sächsischen Gartenbaudirektor Max Bertram mit dem Anlegen des Parks. Bertram war der bedeutendste Gartenkünstler in Sachsen und plädierte für mehr Stadtgrün. Er entwarf und plante hier weit mehr als 200 grüne Anlagen. 

© Ronald Bonß

Das waren Dresdner Privatgärten wie der der Villa Rothermundt in Blasewitz oder der von Gottlieb Traugott Bienert in Dresden-Plauen, öffentliche Aufträge wie die Promenadenanlagen in Bad Schandau oder in der Dresdner Albertstadt, Friedhöfe wie der Neue Annenfriedhof in Dresden-Löbtau oder der Nikolaifriedhof in Pirna. Der Schlosspark in Thürmsdorf war sein Alterswerk, in das er auch die damals von Hermann Seidel neu gezüchteten Rhododendrensorten integrierte. Max Bertram starb 1914 in Dresden. „Von den Rhododendren haben einige überlebt“, sagt Rudolf Schröder, der sich im Verein Sächsischer Heimatschutz um die alten Gehölze auch in diesem Park kümmert und sich mit Seidels Rhododendren bestens auskennt.

Im Schutz dieser immergrünen Büsche versteckt sich in Thürmsdorf ein Liebespaar. Es ist die „Anbetung“, eine lebensgroße Plastik des norwegischen Bildhauers Stephan Sinding, damals ein modernes Kunstwerk. Sanft steigt der Weg hinter der „Anbetung“ an und führt in einen Wald hinein. 

Es ist angenehm kühl unterm Blätterdach gigantischer Buchen und Eichen. Ein Ahorn hat einen prominenten Platz und konnte sich wunderbar ausbreiten. Stämme sind das, die zwei, vielleicht drei Leute nicht umfassen können. Sind diese Bäume wirklich erst hundert, vielleicht hundertzwanzig Jahre alt? Man würde ihnen auch das Doppelte an Jahren zugestehen.

An einer Kastanie zehrt der Zunderschwamm. Der Efeu hat eine Eiche erobert, aber der alte Baum hat vorgesorgt und ausgesamt. Rundherum wächst ein flächendeckendes Wäldchen aus zehn, zwölf Zentimeter großen Eichenwinzlingen heran.

© Ronald Bonß

Hier und da bieten sich Ausblicke auf die Felder und den Ort. Der Weg ist teilweise gut in Schuss, und es sieht so aus, dass er weiter ausgebaut wird. Aber ist das jetzt noch der Schlosspark? Oder läuft man schon auf einem öffentlichen Wanderweg? Der Park ist nicht eingezäunt, weder Hitzers Besitz noch der Gemeindebesitz. Der Weg schwenkt hinab und führt zu einem Teich. Der wurde, so erzählt es Sven-Erik Hitzer, nach der Wende saniert „und sieht nun aus wie ein Regenrückhaltebecken an der Autobahn. Aber wie das so war in den 90er-Jahren, da hat es keinen interessiert, dass der Park ein Denkmal ist.“

Auch konnte man einst in eine Rhododendronschlucht absteigen, die wegen einer eingestürzten fehlenden Brücke leider nicht mehr begehbar ist. „So viele Rhododendren wachsen dort auch nicht mehr“, sagt Hitzer. Folgt man dem Weg weiter um den Teich herum, vorbei an einem überdachten Picknickplatz, steht man plötzlich vor einem Weidezaun. Ende des Parks? Rechts führt ein schmaler Pfad aufwärts durch den Wald und mündet in eine Haselallee. 

An ihrem höchsten Punkt gibt sie den Blick auf Lilienstein frei. „Die Allee haben wir 1983 bei unserem ersten Parkseminar angepflanzt“, erzählt Rudolf Schröder. Das lief damals noch über den Kulturbund, denn den Landesverein Sächsischer Heimatschutz, der das Seminar organisiert, gab es in der DDR noch nicht. 

Beim Parkseminar wird mehr gearbeitet als geredet. Der nächste Einsatz findet am 9. und 10. Oktober statt. Auch den Hohlweg, der von der Haselallee wieder runter zum Schloss führt, haben Schröder und seine Mitstreiter freigeschnitten, damit er wieder begehbar wird. Das war beim Parkseminar vor zwei Jahren.

© Ronald Bonß

Ein Holzkreuz ragt über dem Hohlweg in den Himmel. Ist das ein Gipfelkreuz ohne Gipfel? „Nein, dort findet zu Himmelfahrt der Waldgottesdienst statt“, erklärt Hitzer. Er hat es vom Gemeindearbeiter Jens Walther anfertigen und aufstellen lassen. Der Waldgottesdienst sei früher an den Bärensteinen gefeiert worden, aber die neue Waldbesitzerin habe das nicht mehr gewünscht.

Das Schloss, das seinen Ursprung im Rittergut Thürmsdorf hatte und über die Jahrhunderte um- und ausgebaut wurde, steht seit vielen Jahren leer und ungenutzt. Hitzer erhält es. Mehr sei aus diversen Gründen nicht drin, sagt der Gastronom. Ein Grund: Die Sächsische Schweiz habe sich politisch selbst abgehängt. Das habe nicht nur Urlauber, sondern auch Unterstützer abgeschreckt. 

„Aber nun kommen wenigstens wieder Touristen“, sagt der Gastronom. Die drängeln sich auf der Bastei und bevölkern den Malerweg. Thürmsdorf liegt auch am Malerweg, aber das Dorf kennen die wenigsten und verpassen so die faszinierende Thiele-Aussicht am Biedermann-Mausoleum, eine Viertelstunde Fußweg vom Schloss. Wer dort war, schwärmt von diesem Platz. Und von der anbetungswürdigen Stille im Schlosspark und von den Leckereien in der Chocolaterie am Schloss, die nicht zufällig Adoratio heißt.

Dieser Text ist Teil unserer Sommerserie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten.

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