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Stiller Protest mit leeren Stühlen

Wirte in Weißwasser fühlen sich von der großen Corona-Politik im Stich gelassen. Haltet durch, sagen die Gäste.

Dirk Exner, Küchenchef im Turmcafé Weißwasser, ist einer der Organisatoren vom „stillen Protest“. An der ungewöhnlichen Aktion beteiligen sich weitere Gastronomen mit leeren Stühlen vor ihren Häusern und Plakaten.
Dirk Exner, Küchenchef im Turmcafé Weißwasser, ist einer der Organisatoren vom „stillen Protest“. An der ungewöhnlichen Aktion beteiligen sich weitere Gastronomen mit leeren Stühlen vor ihren Häusern und Plakaten. © Constanze Knappe

Die Tische bleiben leer, die Gäste weg. Seit einem Monat haben auch in Weißwasser die Gaststätten wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Und sie bleiben das noch weiterhin. Denn die am Montag in Kraft getretenen Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen gelten nicht für sie. Mit einem „stillen Protest“ macht deshalb der Wirtestammtisch Weißwasser auf die prekäre Situation aufmerksam: mit leeren Stühlen und Plakaten.

„Kollegen in Dresden haben es uns vorgemacht“, sagt Dirk Exner. Der Küchenchef vom Turmcafé Weißwasser war von der Idee sofort begeistert. Vor dem Restaurant hat er leere Stühle hingestellt, an der Stirnseite des Turms sogar einen gedeckten Tisch. Passanten bleiben stehen, Autofahrer blicken verwundert. „Man hätte auch eine Aktion auf dem Marktplatz machen können, doch dafür hätte man Genehmigungen einholen müssen“, sagt er. Derlei braucht es für die Parade der leeren Stühle nicht. Und dennoch erzeugen sie Aufmerksamkeit. „Bis ganz oben hin werden wir mit dem Protest nicht kommen. Aber vielleicht trägt die Aktion ja dazu bei, bei Kommunalpolitikern und dem Branchenverband Dehoga Gehör zu finden, damit die dann Druck machen“, erklärt Dirk Exner.

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Beteiligt an dem „stillen Protest“ sind neben dem Turmcafé auch das Waldhaus, die Musik-Kneipe Quetsche, das Broilereck und der English Pub. Die ganze Woche über wollen die Gastronomen vom Wirtestammtisch auf diese ungewöhnliche Weise auf die Lage der Branche aufmerksam machen. Und sie hoffen, dass sich andere dem Protest noch anschließen.Einige Gaststätten in Weißwasser bieten zurzeit mittags ein Tagesessen zum Abholen an. Das helfe, bei Gästen im Gespräch zu bleiben und einige Rechnungen bezahlen zu können, sagt Dirk Exner. Ein wirklicher Ersatz sei das jedoch nicht.

Kredite für die laufenden Kosten

Die meisten Gastronomien seien Abendbetriebe, erzielen normalerweise mit dem Abendgeschäft den größten Umsatz. Nicht wenige mussten bereits Kredite aufnehmen, nur um laufende Kosten für Personal, Sozialbeiträge, Versicherungen und Strom bezahlen zu können. Von der versprochenen schnellen staatlichen Soforthilfe hat Dirk Exner noch keinen Cent gesehen. Den Antrag, der gar nicht so leicht auszufüllen war, hat er mit Unterstützung seines Steuerberaters vor Ostern eingereicht. Seine fünf festangestellten Beschäftigten arbeiten verkürzt. Mit einem Kredit wird er zwei Monate überbrücken können.

Erst gestern wurde eine für Mai bei ihm gebuchte Hochzeitsfeier abgesagt, auch andere Familienfeiern finden nun nicht statt. Und niemand wisse, ab wann man wieder Termine vereinbaren könne. Für „eine gute Idee“ hält Dirk Exner den Vorschlag, den Mehrwertsteuersatz für Gaststätten auf sieben Prozent zu senken und das für den Rest des Jahres. Auch wären seiner Ansicht nach Erleichterungen für Biergärten durchaus drin. „Da kann man einigen Abstand einhalten und die meisten, die abends weggehen, kommen doch sowieso in Familie oder mit engen Freunden“, begründet er aus der Erfahrung der Vor-Corona-Zeiten.

„Ziemlich alleingelassen“ fühlt sich Daniel Koch. Niemand wisse, wie es für die Gastronomie nach dem 3. Mai weitergeht, ist auch seine größte Sorge. Zu Dritt betreiben sie die Musik-Kneipe Quetsche. Dass es Einschränkungen geben wird, darüber sind er und seine Mitstreiter sich im Klaren. Doch in welcher Form und ob dafür bauliche Veränderungen notwendig sind, darüber wüssten sie schon gerne Bescheid. Zum Glück haben sie alle Drei „noch einen richtigen Job“, fügt Daniel Koch an. Von Kollegen in Dresden oder Berlin wisse er, dass die noch schlechter dran sind, mit mehr Personal. Aber auch bei ihnen in Weißwasser gehe es um Mitarbeiter, wie er sagt. Um zwei Vollzeit- und mehrere Teilzeitkräfte, die derzeit alle zu Hause sitzen.

Dialog mit der Stadt gewünscht

Für eine Location wie die Quetsche würden jetzt die umsatzstärksten Monate folgen. Doch die Maikundgebung, wo das Team im Auftrag von Stadtverein und Gewerkschaften für die Beköstigung gesorgt hätte, findet nicht statt. Ebenso wenig wie die Veranstaltung zum Männertag oder Familienfeiern. Und eigentlich müssten sie jetzt die Verträge mit den Künstlern für „Kneipenrock“ machen, für das Anfang Oktober in Weißwasser stattfindende Kneipenfest. Noch könne keiner sagen, ob das überhaupt erlaubt sein wird. „Bisher sind Großveranstaltungen bis 31. August verboten. Aber es gibt keine Definition, wie groß eine Großveranstaltung ist“, kritisiert Daniel Koch. Enttäuscht sind er und seine Mitstreiter, dass sie bisher nichts aus dem Rathaus gehört haben. „Wir hätten uns schon gewünscht, dass die Stadt den Dialog mit den Gastronomen sucht. Schließlich wollen wir doch alle, dass es vorangeht“, sagt er.

„Nach dem ruhigen Winterbetrieb ist es jetzt ganz ruhig“, sagt Waldhaus-Chefin Regina Valentin. Das Geschäft in der Ausflugsgaststätte ist aktuell gleich Null. Der Verlust gehe in die Zigtausende, sagt sie. Deshalb beteilige sie sich an der Aktion. Ein Abholessen zu Mittag lohne sich nicht, dafür sei man „zu weit ab vom Schuss“. Feiern sind komplett weggebrochen wie auch sämtliche Termine mit Reiseveranstaltern. Drei Mitarbeiter hat sie in Kurzarbeit geschickt. Nur der Hausmeister und sie selbst hätten noch zu tun. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, fügt Regina Valentin hinzu. Wie die anderen Gastronomen hofft auch sie, „dass uns unsere Gäste die Treue halten“.

Die Reaktionen im Netz stärken den Wirten den Rücken. „Gebt nicht auf!“, macht Ina Schulze Mut. „Haltet durch!“, posten Marion Hennecke und Ines Tasler. „Hoffentlich ist das bald vorbei“, schreibt Axel Seiler. Und Constanze Besch findet: „Echt traurig, dass Ihr so im Stich gelassen werdet“. Felix Becks Beckmann drückt es noch drastischer aus: „Es ist eine Sauerei, was mit den Gastronomen gemacht wird“. Katja Keller lobt: „Tolle Aktion“. Neben den großen Sympathien für die Wirte gibt es auch andere Meinungen. So schreibt Ralf Lange: „Sicherlich keine einfache Lage, in der sich Gastronomen befinden, aber die Sicherheit geht vor. Die Öffnung der Gastronomie sollte erst wieder erfolgen, wenn es einen Impfstoff gibt. Bis dahin bleibt wohl nur der Abhol- oder Lieferservice.“

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