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Stimmungsboykott? RB-Boss freut sich trotzdem auf Union

Oliver Mintzlaff gibt Trainer Julian Nagelsmann eine Jobgarantie, ein anspruchsvolles Saisonziel aus und keine Zahlen mehr preis.

Man sieht RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff die Vorfreude auf die Fußball-Bundesliga regelrecht an.
Man sieht RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff die Vorfreude auf die Fußball-Bundesliga regelrecht an. © Jan Huebner

Seit sich Ralf Rangnick zu Investor Red Bull verabschiedete, steht Oliver Mintzlaff in Leipzig noch mehr in der Verantwortung, ist präsenter als je zuvor. Zum Bundesligaauftakt spricht der Geschäftsführer über den heiklen Saisonstart am Sonntag bei Union Berlin, Leipzigs Strategie für die nächsten Jahre mit dem neuen Trainer und das Transfer-Tauziehen um Timo Werner.

Herr Mintzlaff, Auftaktgegner Union Berlin hatte sich für sein Bundesligadebüt nichts sehnlicher gewünscht, als ein Spiel ohne Beteiligung von RB Leipzig. Trifft Sie so etwas?

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Nicht im Ansatz. Am Ende des Tages ist Union Berlin aufgestiegen und nun Teil der deutschen Bundesligageschichte. Mich freut, dass ein Traditionsklub sich sehnlichst gewünscht hat, in der Bundesliga zu spielen und dass es jetzt geklappt hat. Von daher kann ich nur gratulieren. Wir freuen uns auf ein gefühltes Derby und sehen das sportlich fair – so wie wir alles sportlich fair sehen.

Unions Anhang hat einen Stimmungsboykott angekündigt. Weitere Aktionen sind nicht ausgeschlossen.

Unser Fokus liegt auf dem Wesentlichen. Wichtig ist, dass die Fans und alle Beteiligten ein friedliches Spiel erleben. weil es um Fußball und einen sportlichen Schlagabtausch geht und nichts anderes. Da darf kein Platz sein für Gewalt und Aggression. Mich würde es schwer wundern, wenn man das bei Union anders sieht. Die Vorfreude muss doch riesengroß sein. Da sollte man sich mit den positiven Dingen beschäftigen und nicht damit, ob die immer gleichen Teile der Fans den anderen Klub mögen oder nicht.

Nach Union folgen Spiele gegen Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach und den FC Bayern. Wie viel Eingewöhnungszeit genehmigen Sie Ihrem neuen Trainer Julian Nagelsmann?

Wir haben mit ihm einen langfristigen Vertrag abgeschlossen und zudem eine ordentliche Ablöse bezahlt. Wir sind dafür bekannt, dass wir nicht in Aktionismus verfallen. Der Trainer muss nicht nervös werden, wenn es mal die eine oder andere Niederlage gibt. Wir wissen, dass das eine neue Zeitrechnung ist und sich Dinge verändern und es dafür eine gewisse Eingewöhnung braucht. Wir haben einen der interessantesten Trainer der Liga und eine Reihe neuer Spieler, die erst einmal integriert werden müssen. Von daher: alles mit der Ruhe.

Was ist die Mindestzielsetzung für diese Saison: Ist RB Leipzig ohne Champions League noch vorstellbar?

Wir wollen natürlich fortsetzen, wo wir aufgehört haben. Wir haben uns die vergangenen drei Spielzeiten immer für das internationale Geschäft qualifiziert, und mit den gestiegenen Erfolgen des Vereins haben sich die Leitplanken ganz natürlich verschoben und wurden entsprechend angepasst. Wir haben mehr investiert, zahlen höhere Gehälter, und natürlich ist der Anspruch, sich für den Europapokal zu qualifizieren und idealerweise für die Champions League. Mit dieser Erwartungshaltung gehen wir in unser viertes Bundesligajahr.

Apropos Leitplanken: Wie haben sie sich konkret in den drei Jahren nach dem Aufstieg verändert?

Mit dem sportlichen Erfolg wächst das Budget. Wir kommentieren zwar keine Zahlen, aber unsere Leitplanken und das Budget wachsen proportional zu den Strukturen. Wir blasen kein Geld raus, sondern investieren sinnvoll. Man sieht das an unseren Transfers, die in unseren Augen nachhaltig sind. Es sind junge, hungrige Spieler, die sich weiter entwickeln sollen. Es gibt dafür in unserem Kader ja genug Beispiele: Yussi Poulsen, Ibrahima Konaté, Lukas Klostermann etc.. Dass Spieler jetzt nicht mehr zwei, sondern 15 Millionen Euro kosten, hat damit zu tun, dass wir nicht mehr der junge Aufsteiger sind, der Markt per se teurer geworden ist und andere Vereine erkannt haben, dass „Jugend forscht“ Sinn macht. Auf dem Markt, in dem wir fischen, sind wir auch deshalb nicht mehr allein.

Sie haben früher sehr offensiv kommuniziert, dass die Gehaltsobergrenze bei drei, vier Millionen Euro liegt. Wo liegt sie derzeit?

Wir wurden beim Aufstieg mit einer Menge Falschaussagen konfrontiert – etwa, dass wir die Bundesliga aufkaufen und Mond-Gehälter zahlen würden. Wir haben deshalb diese Obergrenzen in diesem speziellen Fall kommuniziert. Das machen wir heute nicht mehr. Damals war es aber wichtig, dass wir die Dinge richtig einordnen und zeigen, dass wir eben nicht mit Geld um uns werfen. Heute gehören wir wahrscheinlich bei den Gehältern zu den Top-Fünf der Liga.

Können Sie sich nun Transfers im Wert von 30, 40 Millionen Euro vorstellen?

Vorstellen kann ich mir das ganz grundsätzlich vielleicht schon, aber das ist für uns momentan nicht machbar. Wenn du 40 Millionen Euro zur Verfügung hast und brauchst nur einen Spieler, kann man das im Zweifel machen, wenn das in jeder Hinsicht sinnvoll wäre. Aber bei uns war es immer so, dass wir zwei, drei Transfers tätigen mussten. Dann geht so etwas nicht.

Sie waren in der vergangenen Saison nah dran an einem Titel. Wie sehen die nächsten Schritte aus, um diesen Titel in den nächsten Jahren zu holen?

Wir haben nach der Niederlage im Pokalfinale gesagt: Wir wollen wieder nach Berlin. Das war für den ganzen Verein fantastisch, nicht nur auf dem Platz. Wenn du das einmal erlebt hast, dann willst du da wieder hin. Aber wir können jetzt nicht daher kommen und melden nach drei Jahren Bundesliga diese Ansprüche an. Das wäre überheblich und auch eher unrealistisch. Wir wollen uns Schritt für Schritt weiterentwickeln, aber wir setzen uns kein Zeitlimit. Das geht auch gar nicht, denn der Sport ist nicht so konkret planbar wie etwa der Umsatz bei einem Konzern.

Was hat sich geändert, seit Ralf Rangnick zu Red Bull gewechselt ist und Sportdirektor Markus Krösche sowie Julian Nagelsmann seine Aufgaben übernommen haben?

Gar nicht mal so viel. Zum einen ist Ralf Rangnick ja nicht komplett weg, sondern steht in seiner neuen Funktion weiterhin zur Verfügung. Und auch jetzt muss jeder im Klub für seinen Bereich Verantwortung übernehmen. Das war vorher schon so. Daran ändert sich auch nichts, wenn uns jemand verlässt oder neu zu uns kommt. Das gehört zu unserer DNA.

Neue Menschen, neue Sitten. Wie ist beispielsweise Julian Nagelsmann so, wenn er morgens die Akademie betritt: Typ Strahlemann oder Morgenmuffel?

Julian Nagelsmann ist ausgesprochen positiv und versprüht gute Laune. Schauen wir mal, wie das sein wird, wenn die englischen Wochen beginnen. Aber klar, er ist begeistert, von den Möglichkeiten, die wir hier haben.

Wie müssen wir uns den Alltag in der Akademie vorstellen? Heiter oder eher sachlich?

Bei uns wird schon gelacht. Wir sind ja kein Bestattungsunternehmen. Jeder arbeitet ja mehr oder weniger in seinem Hobby. Das erzeugt per se erst einmal gute Laune und eine große Grundzufriedenheit.

Wie sehr beeinflusst die monatelange Diskussion über Timo Werner Ihre Grundzufriedenheit?

Grundsätzlich sind wir mit unseren Transfers sehr zufrieden. Bei Timo Werner gibt es aktuell noch immer keinen neuen Stand. Unser Angebot liegt vor, er bespricht sich mit seinem Berater. Aber eine zeitnahe Entscheidung wäre wünschenswert.

Timo Werner hat sich bereits dazu entschieden, ohne Verlängerung noch ein Jahr zu bleiben, wenn nicht doch noch ein großer Verein bereit ist, die Ablöse zu zahlen. Die Initiative wird von Ihnen ausgehen müssen.

Wir haben schon eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet, dass er über das Jahr hinaus bei uns bleibt. Wir werden uns irgendwann vor dem Spiel bei Union mit Karlheinz Förster (Berater von Werner, Anm.d. Red.) treffen. Fakt ist: So oder so ist Timo Werner ein wichtiger Spieler für uns.

Wie zufrieden sind Sie mit dem wirtschaftlichen Wachstum des Klubs?

Die Steigerungsraten werden kleiner. Aber unser Wachstum ist in allen Bereichen immer noch zweistellig: Im Sponsoring wachsen wir ebenfalls signifikant, aber prozentual logischerweise nicht mehr so stark wie in den ersten Bundesligajahren.

Wie viel Prozent machen die externen Sponsoringeinnahmen neben den Zuwendungen von Red Bull aus?

Das kommentieren wir nicht. Red Bull ist für uns nach wie vor ein strategisch wichtiger Partner und eine sehr attraktive Marke, die uns deswegen auch hilft, neue Partner zu finden. Und um die Frage vorwegzunehmen: Klar ist das Sponsoring durch Red Bull gut dotiert, aber bewegt sich in einem völlig marktkonformen Rahmen. Wie Sie wissen, unterliegen wir – wie jeder andere Klub, der an Uefa-Wettbewerben teilnimmt – den Financial-Fairplay-Regeln, und diese lassen auch nichts anderes zu.

Interview: Ullrich Kroemer und Martin Henkel

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