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Stinkefinger und Bodycheck

Eine Rangelei zwischen zwei erbosten Frauen bringt letztlich dem Ehemann der einen eine Freiheitsstrafe ein.

Von Manfred Müller

Ein Streit unter Nachbarn kann fatale Folgen haben. Im Falle zweier Großenhainer Familien endete er vor Gericht – mit einer Verurteilung wegen Beleidigung und illegalem Autofahren. Was war passiert?

Stars im Strampler aus Großenhain
Stars im Strampler aus Großenhain

Hier werden Fotos von Neugeborenen gezeigt, die aus Großenhain oder aus der Region kommen. Vielleicht ist auch Ihr Bild bald dabei?

Zeugin Claudia N. schildert das so: Sie habe an einem Februarmorgen auf der Elsterwerdaer Straße die Scheiben ihres Autos freigekratzt, als plötzlich Carolin W., die im selben Plattenbau wohnt, auf sie zugekommen sei, sie beschimpft und geschubst habe. Dabei sei ihr Handy heruntergefallen und beschädigt worden. Der Anlass für ihren Angriff sei der Vorwurf gewesen, dass ihr die Geschädigte Tage zuvor aus dem Auto den Stinkefinger gezeigt und sich demonstrativ an den Kopf gegriffen habe. Das bestreitet Claudia N. Ihre Kontrahentin habe sich das nur ausgedacht oder eine harmlose Geste als „Scheibenwischer“ gedeutet. Wie sich im Laufe der Verhandlung vor dem Riesaer Amtsgericht ergibt, waren sich die beiden Familien schon seit Längerem nicht grün. Vor allem deshalb, weil die Angeklagten nach Aussage der Zeugin zu oft und zu laut „Party machen“.

Ohne Führerschein gefahren

Auch der Ehemann von Carolin W. sitzt auf der Anklagebank. Er soll seine Nachbarin bereits einige Minuten vor der Schubserei beschimpft haben. Worte wie „Schlampe“ und „Mistvieh“ seien gefallen. Thomas W. wird noch ein zweites Delikt zur Last gelegt. Sein Führerschein ist eingezogen worden, dennoch soll er am besagten Morgen das Auto geholt und vor den Hauseingang gefahren haben. Die Zeugin: Claudia N.

Da W. schon einmal wegen Fahrens ohne Führerschein verurteilt wurde und überdies andere Straftaten auf dem Kerbholz hat, ist das keine Bagatelle. Die beiden Angeklagten streiten sowohl die Beleidigungen als auch das illegale Autofahren ab. Zudem werden sie von zwei sehr engagierten Rechtsanwälten vertreten, die die Zeugin regelrecht ins Kreuzverhör nehmen. War das Handy wirklich kaputt, oder hat Claudia N. damit nach der angeblichen Beschädigung die Polizei angerufen?

Hatte sie telefonisch ihren Mann zu Hilfe geholt, wie sie es bei ihrer Anzeige auf dem Großenhainer Polizeirevier angab, oder nur mit ihm geplaudert, wie sie vor Gericht aussagt. Die Anwälte versuchen mehrfach, Claudia N. in Widersprüche zu verwickeln, und sie tun das ziemlich aggressiv, so dass sie fast in Tränen ausbricht.

Die Zeugin habe sich offenbar aus Frust ein dankbares Opfer gesucht, sagt einer der Anwälte in seinem Plädoyer. Er stellt das schöne Wort „Belastungseifer“, den er glaubt, erkannt zu haben, in den Raum.

Staatsanwältin Karin Dietze sieht den Fall naturgemäß anders. Die Widersprüche seien nicht so gravierend, dass man eine Falschaussage vermuten könne. Und die Anwälte hätten mit ihrer Fragetaktik ja auch kräftig versucht, die Zeugin durcheinanderzubringen. Sie sei von der Schuld der beiden Angeklagten überzeugt. Deshalb fordert sie für Carolin W. mehrere Hundert Euro Geldstrafe wegen der Beleidigung, für ihren Ehemann Thomas sogar vier Monate Freiheitsentzug wegen wiederholten Fahrens ohne Führerschein.

Keine leichte Entscheidung für Richter Herbert Zapf, denn keiner der Angeklagten hat ein Geständnis abgelegt. Aber Zapf folgt dem Antrag der Staatsanwältin. Zeugin Claudia N. sei eine einfache Frau, zudem emotional aufgewühlt, so dass man den Widersprüchen in ihrer Aussage nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte. Er glaube ihr, dass sich die Vorfälle so abgespielt hätten. Die unklare Motivationslage bei der Auseinandersetzung bleibt allerdings ein Schwachpunkt in seinem Urteil.

Das weiß auch Herbert Zapf. Die Sache werde wohl in die nächste Runde, sprich in ein Berufungsverfahren gehen, sagt er nach Verhandlungsende. Nach dem selbstbewussten Auftritt der beiden Rechtsanwälte ist das wohl nicht nur eine Vermutung.