merken
PLUS Döbeln

Mittelsachsen lockt neue Ärzte mit Geld

Knapp 60 Mediziner fehlen derzeit im Landkreis. Trotzdem gibt es Widerspruch zu einem geplanten Stipendium für neue Ärzte.

Junge, angehende Mediziner für den Landkreis Mittelsachsen begeistern, das ist das Ziel des Stipendiums des Landkreises für Medizinstudenten. Für das verpflichten sich die Studierenden, ihre praktischen Ausbildungsteile im Kreis zu absolvieren.
Junge, angehende Mediziner für den Landkreis Mittelsachsen begeistern, das ist das Ziel des Stipendiums des Landkreises für Medizinstudenten. Für das verpflichten sich die Studierenden, ihre praktischen Ausbildungsteile im Kreis zu absolvieren. © dpa

Mittelsachsen. Ausgewählte Medizinstudenten sollen zukünftig in Mittelsachsen 400 Euro pro Monat extra bekommen. Bedingung dafür: Sie absolvieren die Praxisphasen der Ausbildung im Landkreis. Mit Zustimmung der Kreisräte kann das Landratsamt ab dem Wintersemester 2020/21 ein Stipendium für die angehenden Ärzte anbieten.

Das Ziel: Mediziner für Mittelsachsen gewinnen. Denn nach dem Bedarfsplan der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) fehlen im Kreis mit Stand von Januar 2020 fast 60 Ärzte. Am größten ist der Bedarf an Hausärzten. Allein zehn Stellen in dem Bereich sind in Döbeln noch frei. Mehr Mediziner werden in Zukunft dringend gebraucht. Denn die Bevölkerung schrumpft zwar, aber der Anteil der Älteren wächst weiter. Und damit auch die Zahl der chronisch Kranken.

Anzeige
Dein Sportverein ist für Dich da!
Dein Sportverein ist für Dich da!

Jubeln macht Spaß. Vor allem mit Freunden. Bleib Deinem Verein treu!

Krankenhaus Mittweida als Partner

Mehr medizinischer Nachwuchs soll nun noch nur mit den 400 Euro pro Monat für maximal sechs Jahre in den Kreis gelockt werden. Vorgesehen ist auch, den angehenden Medizinern Mentoren zur Seite zu stellen, die sie während ihres Studiums begleiten. „Wir konnten dafür Ärzte von den Krankenhäusern sowie der Kassenärztlichen Vereinigung gewinnen“, sagt Jörg Höllmüller, zweiter Beigeordneter des Landrates und zuständig für die Bereiche Gesundheit und Soziales am Landratsamt.

Unter anderem beteiligen sich Mediziner der Landkreis Mittweida Krankenhaus (LMK) gGmbH, so Geschäftsführer Florian Claus. Die LMK selbst sowie Medizinstudenten, die in der Klinik in Ausbildung gewesen sind, seien in den Entwurf des Programms eingebunden gewesen. „Wir freuen uns sehr, dass dieses Projekt jetzt in die Umsetzung geht“, so Claus. Aus seiner Sicht sei das Programm geeignet, um junge Mediziner in den Kreis zu holen. „Die Förderhöhen sind sinnvoll ausgestaltet.“

Das sieht auch Martin Preißer, der Verwaltungsleiter des Klinikums Döbeln so. Das Klinikum ist akademisches Lehrkrankenhaus, „die Nachfrage entsprechend groß“.

Kreis Calw als Vorbild

Die LMK ist ebenfalls akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Dresden und führt ärztliche Ausbildungen durch. „Die werdenden Kollegen können bei uns Praktika, Famulaturen oder das Praktische Jahr durchführen“, schildert Claus. Zudem gebe es die Möglichkeit, an der akademischen Lehrpraxis am Medizinischen Versorgungszentrum Erfahrungen zu sammeln. Auch die Facharztausbildung sei anschließend in Mittweida möglich.

Stipendiaten, die nach der Erteilung der Approbation keine unmittelbare Weiterbildung zum Facharzt anstreben, sind verpflichtet, im Anschluss an das Programm als angestellter Arzt in der Patientenversorgung oder im Gesundheitsamt des Landkreises tätig zu werden. Mindestens fünf Jahre lang müssen die Stipendiaten dann diese Tätigkeit als Arzt in Mittelsachsen ausüben.

An der Gestaltung des Stipendiums hat sich der Landkreis am Vorbild des Partnerkreises Calw in Baden-Württemberg orientiert. „Wir haben die Richtlinie weiterentwickelt. In Calw werden die ersten jungen Leute jetzt fertig“, sagt Höllmüller. Die 400 Euro seien ein wirklicher Anreiz, so die Erfahrung. Martin Preißer glaubt, dass der Plan funktionieren kann: "Da die Studenten genau wissen, welche Bedingungen an dem Stipendium hängen und somit für sich schon ein relativ klares Ziel vor Augen haben", begründet er. Doch einfach so erhalten die Studenten das Geld nicht.

Mittelsachsen werden bevorzugt

Bis zu drei können pro Jahr für das Stipendium zugelassen werden. Die Bewerbungen sind bis zum 10. September beim Landratsamt einzureichen. Die Auswahl der Bewerber erfolgt unter anderem von Jörg Höllmüller, Vertretern des öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie Mentoren der Krankenhäuser sowie niedergelassenen Ärzten. Auf Basis der Empfehlung des Gremiums entscheidet der Landrat am Ende über den Zuschlag.

„Wir zielen vor allem auf werdende Ärzte ab, die bereits im Landkreis verortet sind, oder bereits die Kindheit hier verbracht haben“, erklärt Florian Claus. Sollten sich keine geeigneten Kandidaten mit Bezug zum Landkreis finden, so könnten auch Bewerber ohne Bezug das Stipendium erhalten.

Alle Studenten müssen entsprechende Prüfungsnachweise vorlegen, um ihren Studienfortschritt zu dokumentieren. Unterbrechungen des Studiums seien möglich, bei Abbrüchen müsste jedoch das Geld zurückgezahlt werden. Auch, wenn die Ärzte im Anschluss nicht vor Ort bleiben.

Bürgermeisterin gegen Programm

Bei den Kreisräten stieß das Programm mehrheitlich auf Zustimmung. „Wir als Fraktion möchten uns dafür bedanken, dass unser Antrag zum Auftrag und jetzt zur Vorlage geführt hat“, sagte Gottfried Jubelt, Fraktionsvorsitzender der Linken. „Das Programm wird das Grundproblem nicht lösen, aber es ist trotzdem eine gute Sache. Zudem ist es ein Zeichen dafür, dass wir Verantwortung für den ärztlichen Bereich übernehmen“, äußerte sich Dr. Ulf Schneider (CDU).

Trotzdem gab es auch kritische Stimmen. Insgesamt elf Kreisräte stimmten gegen das Programm. Unter ihnen Kreisrätin Maria Euchler (Freie Wähler Mittelsachsen). „Ich kann das Ziel nachvollziehen, das mit dem Programm verfolgt wird. Aber ich habe dennoch große Bedenken“, sagte die Bürgermeisterin von Kriebstein. Das Programm sollte sich an Menschen richten, die keinen Bezug zum Landkreis haben. „Die sollten wir anlocken“, so Euchler.

"Ich kann das Ziel nachvollziehen, das mit dem Programm verfolgt wird. Aber ich habe dennoch große Bedenken", so die Kreisrätin und Bürgermeisterin von Kriebstein, Maria Euchler (Freie Wähler).
"Ich kann das Ziel nachvollziehen, das mit dem Programm verfolgt wird. Aber ich habe dennoch große Bedenken", so die Kreisrätin und Bürgermeisterin von Kriebstein, Maria Euchler (Freie Wähler). © Dietmar Thomas

Zudem würden die angehenden Mediziner nur bis zum Alter von 29 bis 30 Jahren verpflichtet, danach beginne für viele der Lebensabschnitt, in dem die Familie gegründet und nach einem festen Wohnsitz gesucht werde. „Zu dem Zeitpunkt steht den jungen Leuten die Welt offen.“ Zudem sei es schwierig, das Stipendium gegenüber anderen Berufsgruppen, wie Lehrern, Gastronomen oder Handwerkern zu verteidigen, die ebenfalls Probleme hätten, Nachwuchs zu finden. „Können wir bei den anderen jetzt noch ‚Nein‘ sagen?“ Maria Euchler schlug vor, das Geld, das für das Stipendium geplant sei, zum Beispiel in die erste Praxiseinrichtung von Medizinern zu investieren.

Dafür gebe es bereits Programm von der Kassenärztlichen Vereinigung, sagte Kreisrat Dr. Carsten Stibenz (Bündnis 90/Die Grünen). Die Familiengründung falle bei vielen mit der Zeit der Facharztausbildung zusammen, so der Mediziner. „Das Programm ist kein Allheilmittel, aber etwas, das vom Landkreis getan werden kann“, Stibenz.

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung ist Bestandteil des Leitbildes Mittelsachsen „2008-2018-2028“. Darin ist die Absicht formuliert, neue Ärzte im Kreis anzusiedeln. „Im Kreistag im März 2019 wurden wir damit beauftragt, das Programm in die Tat umzusetzen. Das ist nun erfolgt“, erklärte Jörg Höllmüller.

Mehr lokale Nachrichten aus Döbeln und Mittelsachsen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln