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Stöcker-Land steht hinter dem Investor

Ein Stimmungstest auf dem Bernstädter Markt zeigt: Es gibt viel Sympathie für den Unternehmer und nur wenig Kritik.

© SZ-Archiv/Steffen Scholz

Von Susanne Sodan

Recht hat er“, sagt der junge Mann, der vor dem Euroimmun-Gelände in Bernstadt steht. Er sagt es zu zwei Spaziergängern, die gerade vorbeikommen. Man kennt sich. Die beiden älteren, eine Frau und ein Mann, sind offenbar ehemalige Angestellte von Euroimmun. „Habt ihr die ganze Sache verfolgt?“, fragt der junge Mann. Die beiden anderen nicken. Man braucht gar nicht nachzufragen. Das Stöcker-Interview, seine Entschuldigung in der vergangenen Woche – in Bernstadt ist das ein Thema. „Im Großen und Ganzen hat er damit Recht“, sagt auch die Frau. Auf genaue Punkte will sie nicht eingehen. „Die Wortwahl war sicher nicht angemessen“, sagt der junge Mann. „Aber so ist der Winfried manchmal.“

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In Bernstadt ist Professor Stöcker eben der Winfried. Hier hat er eine alte Fabrik für sein Unternehmen instand gesetzt, saniert die zentrale Gaststätte am Markt. Im Herrnhuter Ortsteil Rennersdorf steht seine Euroimmun-Filiale, in Kiesdorf auf dem Eigen hat er ein Gastro-Unternehmen aufgebaut, das im Sommer auch den Badestrand an der Blauen Lagune versorgt. Der Eigen und die angrenzenden Orte sind Stöcker-Land. Hier kennt man ihn: als Unternehmer, der hält, was er verspricht, als sozial engagierten Menschen. „Er bringt schon alleine mit Euroimmun so vieles zurück in die Gegend.“ Vor allem Arbeitsplätze. Von Ausländerfeindlichkeit wollen die Mitarbeiter nichts hören. „Das ist Blödsinn. Schauen Sie sich die Blaue Lagune an. Dort hängen immer auch eine tschechische und eine polnische Flagge, um zu zeigen, dass Gäste aus dem Ausland willkommen sind.“

Über zwei Wochen ist es nun her, dass Winfried Stöcker das Benefizkonzert für Flüchtlinge in seinem Görlitzer Kaufhaus verbot. Besonders in Görlitz hatten Stöckers ausländerfeindliche Kommentare in seinem Interview mit der SZ für einen Aufschrei gesorgt: So kannte man den Mann, der viel in die Region investiert und selber zig Mitarbeiter aus dem Ausland beschäftigt, bisher nicht. Auf dem Eigen will man ihn auch nicht so kennen. Bernstadts Bürgermeister Gunter Lange steht hinter Winfried Stöcker. „Ich glaube nicht, dass er seine Aussagen in dem Interview so gemeint hat“, sagt Lange. „Er hat in der Vergangenheit durch seine Taten bewiesen, dass er nicht so denkt.“ Dass er es nicht so gemeint hat, darauf hoffen auch andere. „Man kennt ihn doch ganz anders“, sagt eine Bürgerin und zeigt auf den „Braunen Hirsch“. Die Gaststätte auf dem Bernstädter Markt war jahrelang ein Reizthema. Jetzt wird das Gebäude saniert – von Winfried Stöcker. Enttäuscht sei man vielleicht von ihm, sagt die Frau. Aber es komme noch ein ganz anderer Punkt dazu: die Sorge, wie es weitergeht in Bernstadt. Die Arbeitsplätze durch Euroimmun, die Wiederbelebung des „Braunen Hirsches“, darauf will man nicht verzichten.

Nur wenige in Bernstadt und Umgebung haben eine Meinung zur Stöcker-Kontroverse wie Annette Schlenz. „Ich distanziere mich von Stöckers Aussagen. Daran ändert auch seine Entschuldigung nichts. Die Dimension, die die Ausländerfeindlichkeit mittlerweile angenommen hat, macht mir Angst. Dazu zählen auch die Pegida-Märsche.“

Es ist eine seltsame Mischung, die da zusammenkommt. Unglücklich und zu heftig habe sich Winfried Stöcker ausgedrückt, so sehen es viele. Und darüber schwebt dennoch ein zustimmendes „Recht hat er“. Während in Görlitz Hunderte Menschen an dem kurzfristig auf den Untermarkt verlegten Benefizkonzert teilgenommen und damit gegen Stöckers Aussagen protestiert haben, zeigt das Internet auch ein anderes Bild: Auf Facebookseiten zum Beispiel haben zahlreiche Leser kommentiert – und die meisten unterstützen Stöcker. Mut habe der Mann, endlich mal auszusprechen, was viele denken. Die Wahrheit habe er gesagt, und würde nun als rassistisch hingestellt, liest man dort.

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Solidarisch zeigen sich auch die Euroimmun-Mitarbeiter. Zumindest die, die sich überhaupt äußern. Auf Stöckers Kaufhaus-Internetseite haben sich auch einige Mitarbeiter zu Wort gemeldet, die aus anderen Ländern stammen. Der Grundtenor: Man fühle sich wohl bei Euroimmun, sei immer herzlich aufgenommen worden. „Ich habe nie das Gefühl gehabt, ich soll unbedingt zurück nach Polen geschickt werden. Ich habe mich auch mit meinem „Migrationshintergrund“ nie diskriminiert gefühlt“, schreibt eine polnische Mitarbeiterin zum Beispiel.