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Störche kehren nach Würschnitz zurück

Seit einem tragischen Ereignis vor 15 Jahren gibt es im Horst am Ortseingang erstmals wieder eine erfolgreiche Brut. Sehr zur Freude der Dorfbewohner.

Von Manfred Müller
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Einwohner von Würschnitz beim Storchengucken (v. l.): Konrad Grafe, Sabine Hammer mit Söhnchen John, Matti und Marcel Sommer.
Einwohner von Würschnitz beim Storchengucken (v. l.): Konrad Grafe, Sabine Hammer mit Söhnchen John, Matti und Marcel Sommer. © Manfred Müller

Würschnitz. Noch ducken sich die beiden kleinen Störche tief ins Nest. Nur wenn die Eltern mit Nahrung angeflogen kommen, recken sie ihre Schnäbel nach oben. „Es war um meinen Geburtstag herum, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe“, sagt Evelin Liebernickel. Ein schöneres Geschenk könne man sich gar nicht wünschen. Die Würschnitzerin ist nicht die Einzige im Dorf, die sich über den Storchennachwuchs freut. Die Adebare hatten den Kunsthorst am Ortseingang seit 2004 nicht mehr angenommen, obwohl sie zuvor jahrzehntelang in Würschnitz brüteten. „Ich kannte das seit meiner Kindheit nicht anders“, sagt Anwohner Konrad Grafe, und plötzlich waren sie weg.“

Zunächst hatten sich die großen Vögel auf dem Strohdach einer Würschnitzer Scheune eingerichtet. Sie blieben ihrem Brutplatz auch treu, als das Dach eine Ziegeldeckung bekam. In den 1970er Jahren errichteten Großenhainer Naturschützer an der Grundstücksgrenze einen Holzmast mit einem Metallring oben drauf, der später von einem Betonmast abgelöst wurde. „In Würschnitz gab es fast jedes Jahr erfolgreiche Bruten“, erklärt Lutz Runge von Nabu-Regionalverband „Großenhainer Pflege“. 2004 kam es allerdings zu einem tragischen Zwischenfall. Die Störchin verfing sich bei der Nahrungssuche in einer nahegelegenen Stromleitung und stürzte tot vom Himmel. Runge untersuchte den Kadaver und fand mehr als 100 Regenwürmer und viele Kleininsekten im Kropf. Ob es der Strom-Unfall war, der die Tiere auf Jahre hin vergraulte, kann der Naturschützer allerdings nicht sagen. Es kämen auch andere Ursachen in Betracht. Das Männchen könnte den Zug nach Afrika oder zurück nicht überlebt haben. Möglicherweise hat es im Umfeld auch Störungen gegeben, die andere Störche davon abhielten, in Würschnitz Nachwuchs großzuziehen.

Marcel Sommer, auf dessen Grundstück der Horst steht, hat dazu seine eigene Theorie. „Das Dobraer Storchennest liegt kaum zwei Kilometer entfernt“, sagt er. Er habe des Öfteren beobachtet, dass fremde Störche angeflogen kommen und die Würschnitzer Adebare bedrängen. Möglicherweise seien die Dobraer Vögel besonders aggressiv und verteidigten ihr Nahrungsrevier.“

Angesichts der vielen Teiche und Feuchtgebiete in der Gegend sei das eher unwahrscheinlich, meint Lutz Runge. Zumal Röder abwärts, in den Fluss-Auen unterhalb von Großenhain, die Störche ebenso dicht beieinander nisten und gut damit zurechtkommen. So bleibt weiter rätselhaft, warum Würschnitz von den Weißstörchen so lange verschmäht wurde und warum es auch in den Nachbardörfern Tauscha und Sacka dieses Jahr keinen Nachwuchs geben wird. Es sind einfach zu viele Faktoren, die sich auf den Bruterfolg auswirken können.

Manchmal brauchen die Störche einfach ein bisschen menschliche Unterstützung, um sich anzusiedeln. In Würschnitz gab sich bereits voriges Jahr ein Pärchen ein Stelldichein. „Das war allerdings erst im Sommer“, erzählt Lutz Runge, „viel zu spät zum Brüten.“ Außerdem sei der Zustand des Horsts nicht der Beste gewesen. Deshalb halfen die Storchenschützer im zeitigen Frühjahr etwas nach, brachten frisches Reisig nach oben und befestigten es sturmsicher. Marcel Sommer ließ in seinem Garten Baumschnitt und Stroh zum Auspolstern liegen, was von den Tieren gern angenommen wurde. Gelegentlich macht das Würschnitzer Storchenpärchen auch Ausflüge auf andere Wohngrundstücke – bei einem soll Adebar sogar mal vor der Haustür gestanden haben. Mittlerweile fiebert das ganze Dorf dem Tag entgegen, an dem die Jungstörche ihre ersten Flugversuche unternehmen.

Die Wiederansiedlung der Adebare ist ein weiterer Farbtupfer im kleinen Naturparadies um das Teichgebiet von Kleinnaundorf und Würschnitz. Hier ziehen auch Seeadler und Fischadler ihre Kreise, in den umliegenden Wäldern lebt versteckt der äußerst seltene Schwarzstorch, und an den Röderzuflüssen bauen die Biber ihre Burgen. Aber mit der Idylle könnte es bald vorbei sein – nur wenige hundert Meter vom Dorf entfernt plant das Ottendorfer Kieswerk den Aufschluss von zwei neuen Gruben. In Würschnitz kämpft eine Bürgerinitiative, der auch viele Storchenfreunde angehören, gegen den Tagebau (die SZ berichtete). „Dieses intakte Stück Natur, sagt Konrad Grafe, „werden wir uns nicht vom Kiesabbau kaputtmachen lassen.“