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Bautzen: Wo es seit 70 Jahren Stoff gibt

Im Geschäft Mode-Nerlich wird Kontinuität groß geschrieben - vom Standort bis zur Schaufenstergestaltung.

Hella und Ronny-Enrico Nerlich sind stolz auf das 70-jährige Bestehen ihres Stoffgeschäftes an der Karl-Marx-Straße in Bautzen.
Hella und Ronny-Enrico Nerlich sind stolz auf das 70-jährige Bestehen ihres Stoffgeschäftes an der Karl-Marx-Straße in Bautzen. © Carmen Schumann

Bautzen. Es gibt in Bautzen nur wenige Geschäfte, die sich über Jahrzehnte hinweg gehalten haben. Mode-Nerlich gehört dazu. Dieser Tage feiern Ronny-Enrico und Hella Nerlich das 70-jährige Bestehen. Das Ehepaar führt das Geschäft in zweiter Generation, und zwar in einzigartiger Kontinuität.

Denn Geschäftsgründer Alfred Nerlich, der Vater von Ronny-Enrico, hatte den Stoffladen mit angeschlossener Schneiderei an der Stelle eröffnet, an der er sich noch immer befindet - an der Karl-Marx-Straße 6. Und selbst an der Schaufensterdekoration hat sich nichts Wesentliches geändert. Das liegt ganz einfach daran, dass die Dekorateurin, die nun schon weit im Rentenalter ist, fast von Anfang an mit dabei war. Obwohl die Gestaltung etwas nostalgisch anmutet, wollen Nerlichs nichts daran ändern. „Wir möchten nämlich zeigen, was für eine breite Palette an Stoffen wir im Angebot haben“, sagt Ronny-Enrico Nerlich.

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Die Schaufenstergestaltung wechselt fünfmal im Jahr. Begonnen wird immer mit der Faschingsdekoration. Denn es gibt etliche Faschingsclubs in der Region, die sich für die Garderobe ihrer Tanzgruppen und für diverse Kostüme bei Nerlichs mit Stoff eindecken. Dann geht es durch alle Jahreszeiten -  was aber nicht heißt, dass etwa im Sommer kein Wollstoff zu bekommen wäre.

„Wir hatten uns schon zu DDR-Zeiten immer bemüht, eine große Vielfalt an Stoffen zu beschaffen“, sagt Hella Nerlich. Deshalb reiste das Paar von Hersteller zu Hersteller, um die Kunden zufriedenzustellen. Heute ist es einfacher, denn jetzt kommen die Vertreter ins Haus. Aber Nerlichs legen großen Wert darauf, nur Stoffe zu verkaufen, die in Deutschland hergestellt wurden.

Schon der Großvater führte ein Geschäft

Das Kaufmännische liegt den Nerlichs. Deshalb kam für Ronny-Enrico Nerlich kein anderer Beruf infrage. Er sei ja im Geschäft des Vaters aufgewachsen. „Mein Vater stammte aus einer schlesischen Kaufmannsfamilie“, sagt er. Das Foto des großväterlichen Geschäfts in einem Ort bei Liegnitz hütet er wie einen Schatz. Vater Alfred Nerlich wagte dann nach der Flucht aus Schlesien in Bautzen den beruflichen Neustart.

Am Anfang gehörte die Schneiderei ganz selbstverständlich mit dazu, und im Geschäft gab es neben Stoffen auch weitere Textilwaren. Später spezialisierte man sich auf den reinen Stoffverkauf. Die Schneiderei wurde vom Dienstleistungskombinat übernommen.

Ronny-Enrico Nerlich absolvierte ab 1975 seine Ausbildung beim Vater und auch bei der DDR-Handelsorganisation HO. 1979 schloss er eine Ausbildung zum Verkaufsstellenleiter an, sodass er nach dem Tod seines Vaters das Geschäft 1983 reibungslos übernehmen konnte. Ehefrau Hella, die bis dahin im Labor des Bautzener Krankenhauses gearbeitet hatte, stieg mit ins Geschäft ein. Sie stand hauptsächlich im Laden, während die Büroarbeit die Sache ihres Ehemanns war.

Ansturm nach der Corona-Schließzeit

Trotz aller Höhen und Tiefen haben die Nerlichs ihr Geschäft immer mit Leidenschaft geführt. „Aufgeben stand nie zur Debatte“, sagt Hella Nerlich. Während es unmittelbar nach der Wende recht gut lief, kam einige Jahre später eine Flaute, weil viele Leute arbeitslos wurden. Doch man habe all die Jahre auf die Treue der langjährigen Kunden bauen können. Dazu gehören auch sorbische Trachtennäherinnen, die spezielle Stoffe benötigen, die Nerlichs ihnen beschaffen.

Regelrecht überrannt wurde das Geschäft nach der coronabedingten Schließzeit im Frühjahr. „Da haben sich wohl viele darauf besonnen, dass das Selbernähen ein tolles Hobby ist, mit dem man auch berufliche Auszeiten überbrücken kann“, sagt Hella Nerlich. Überhaupt sei das Selbermachen jetzt wieder in, denkt die Frau, die allerdings das Nähen selbst nicht gelernt hat. Sie greift stattdessen in ihrer Freizeit lieber zum Buch.

Das Ehepaar liebt es zudem, Kultur-Urlaub zu machen, durch Museen zu schlendern oder ins Theater zu gehen. Obwohl beide in letzter Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten, wollen sie das Geschäft noch so lange führen, wie es nur geht. Obwohl die jüngere Tochter durchaus Interesse zeige, eventuell weiterzumachen, wollen sie sie nicht dazu drängen.

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