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Drei sächsische Städte suchen die Super-Straßenbahn

Görlitz, Leipzig und Zwickau lösen einen Straßenbahnen-Großauftrag aus – um den sich eine Leipziger Manufaktur bewirbt.

Der Leipziger Straßenbahnhersteller HeiterBlick hofft auf einen Großauftrag aus Sachsen.
Der Leipziger Straßenbahnhersteller HeiterBlick hofft auf einen Großauftrag aus Sachsen. © Jan Woitas/dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Es ist ein Großauftrag, der Hunderte Millionen Euro schwer werden kann: Erstmals haben die Verkehrsbetriebe der drei sächsischen Städte Leipzig, Görlitz und Zwickau die Bestellung neuer Straßenbahnen gemeinsam ausgeschrieben. Zwischen 2023 und 2030 könnten damit bis zu 187 Niederflur-Stadtbahnen produziert werden. Nach der Ausschreibung im Europäischen Amtsblatt Anfang März wurden inzwischen – trotz Corona-Krise – erste Angebote abgegeben und Bewerber ausgewählt. Anfang 2021 soll die Entscheidung über Sachsens nächstes Topmodell fallen.

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Auch wenn solche Ausschreibungen geheim sind – zu erwarten ist, dass internationale Player im Rennen sind: Siemens und der französische Zugbauer Alstom, der die Bahnsparte von Bombardier mit Werken in Görlitz und Bautzen übernehmen will. Daneben Škoda Transportation, der Schweizer Schienenfahrzeugexperte Stadler und die Unternehmensgruppe CAF aus Spanien. Unter den Goliaths der Branche wagt sich auch ein kleiner David aus Sachsen an den Start: die Manufaktur HeiterBlick im Leipziger Westen mit einer Belegschaft von 150 Mitarbeitern. Die einstige Werkstatt der Leipziger Verkehrsbetriebe startete 2006 als eigenständiges Unternehmen mit 30 Leuten und einer eigenen Fahrzeugreihe. Seit zehn Jahren ist HeiterBlick ein Schwesterbetrieb des Weltmarktführers für Eisenbahnkrane, Kirow Ardelt, und schreibt seither eine sächsische Erfolgsgeschichte.

Straßenbahn-Firma HeiterBlick setzt auf Ortskenntnis

Geschäftsführer von HeiterBlick ist seit 2011 Samuel Kermelk, früher bei Porsche der Leiter für Logistikplanung. Kermelk macht keinen Hehl daraus, dass er sich sehr für den Großauftrag interessiert.

Kein Wunder: Allein die Leipziger wollen laut Ausschreibung in den nächsten zehn Jahren bis zu 155 neue Bahnen kaufen, darunter auf jeden Fall 25 XXL-Fahrzeuge mit 45 Metern Länge sowie als weitere Optionen 64 der langen Bahnen plus 66 Bahnen mit 30 Metern Länge. Görlitz bestellt parallel bis 2025 acht Bahnen des kürzeren Typs und hat eine Option über weitere sechs Fahrzeuge bis 2028. Zwickau will bis 2024 sechs Bahnen auf die Stadtgleise bringen und plant zwölf weitere Fahrzeuge. Summe mit allen Optionen: Fast 7.000 Meter Straßenbahnen mit einem geschätzten Wert von bis zu 700 Millionen Euro binnen zehn Jahren.

Kermelk setzt bei dem Rennen auf die Ortskenntnis seiner Planer und Montagearbeiter: „Wir könnten die besten Bahnen für Leipzig, Görlitz und Zwickau bauen.“ Außerdem bleibe die Wertschöpfung bei HeiterBlick in der Region: Etwa 60 Prozent der Kosten für Fertigung und Zulieferer würden in Sachsen ausgegeben, 75 Prozent in Mitteldeutschland. „Ins Ausland geht nur ein Prozent“, betont Kermelk. Auch die Gewinne würden in den Ausbau des Standorts mit neuen Produktionstechnologien investiert, wie zuletzt ein Nullgleis für die Vermessung und eine eigene Drehgestellwerkstatt.

Dabei ist das Verhältnis der Leipziger Verkehrsbetriebe und ihrer einstigen Tochter HeiterBlick nicht ohne Blessuren: 2015 ging ein Großauftrag über inzwischen 61 Fahrzeuge an der lokalen Manufaktur vorbei an den polnischen Konkurrenten Solaris, der inzwischen zur CAF-Gruppe gehört. Doch Kermelk betont, sein Unternehmen sei heute ganz anders aufgestellt als noch vor ein paar Jahren. Da sind zum einen dicke, prestigeträchtige Aufträge aus anderen deutschen Städten: Hannover bekam von HeiterBlick 153 Bahnen geliefert. Würzburg hat 18 Fahrzeuge bestellt, Bielefeld 40. Dortmund hat 26 neue Hochflur-Stadtbahnwagen geordert und lässt 64 Wagen modernisieren. Derzeit baue seine Manufaktur etwa 40 Fahrzeuge im Jahr. Die Corona-Krise habe das Unternehmen trotz aller Schutzvorkehrungen in Produktion und Verwaltung nicht aus dem Gleis geworfen: „Die Produktion läuft weiter, wir liefern normal aus“, sagt Kermelk.

Neue Allianz entsteht in Leipzig

Zum anderen hat HeiterBlick dieses Jahr große Pläne: Gemeinsam mit zwei Partnern soll eine neue Straßenbahn-Allianz entstehen. Arbeitstitel: Leiwag – für Leipziger Wagenbau AG. Zum neuen Bündnis gehören zwei renommierte Partner: Der weltweit führende Hersteller für Bremssystemen Knorr-Bremse, der bereits jetzt in Leipzig mit „Kiepe Elektric“ die Bahnen mitbaut und am Standort wachsen will. Geplant seien mehrere Millionen Euro Investitionen und 30 bis 50 neue Jobs ab 2022, sagt Kermelk. Auch das Chemnitzer Planungsbüro Hörmann Vehicle Engineering, das auch ein Büro in Dresden unterhält, will sich mit 20 bis 30 Stellen ansiedeln. Kermelk selbst möchte ebenfalls Millionen investieren, die Belegschaft in den nächsten Jahren auf mindestens 250 Beschäftigte fast verdoppeln und eine zweite Produktionshalle errichten – vorausgesetzt, der sächsische Großauftrag klappt.

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Mit ihrer gemeinsamen Ausschreibung wollen die drei Straßenbahnstädte Ressourcen, Erfahrungen und Marktchancen bündeln, sprich: Auf dem Markt der großen Player eine größere Macht darstellen und mehr Einfluss auf Preise, Servicekosten und Technologien bekommen. Mit der Entwicklungspartnerschaft wollten sie „in einem gemeinsamen Innovationsprojekt Möglichkeiten des automatisierten Fahrens einer Straßenbahn ausloten sowie die Digitalisierung als Chance nutzen“, heißt es in einer Erklärung. Mit der Idee sind die Sachsen nicht die Ersten. Auch Frankfurt, Cottbus und Brandenburg kooperieren bereits bei der Anschaffung von bis zu 45 neuen Straßenbahnen.

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