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Streife unter Strom

E-Bikes sind bei Sachsens Polizei eine Rarität. Zwei davon stehen in Pirna, allerdings meist in der Garage.

© Marko Förster

Von Jörg Stock

Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge. Karosse silbergrau und die Flanken verkehrsblau – so fährt die Polizei Streife, gewöhnlich auf vier Rädern. Heute, bei dieser Kontrolle auf Pirnas Stadtbrücke, stimmen zwar die Farben. Aber es gibt nur zwei Räder pro Fahrzeug. Das sorgt für Aufsehen. Ein junger Bursche wendet extra sein Fahrrad, um das erste Polizei-E-Bike seines Lebens genauer zu betrachten. Neugier, die sich rächen wird, denn an seinem Rad fehlen Katzenaugen, und eine Klingel hat es auch nicht. Das riecht nach Strafzettel und Mängelschein.

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Auf Pirnas Stadtbrücke stoppen die Beamten so manchen Falschradler, verzichten aber auf Strafzettel.
Auf Pirnas Stadtbrücke stoppen die Beamten so manchen Falschradler, verzichten aber auf Strafzettel. © Marko Förster
„Das Wort ist unsere beste Waffe“, sagt Hauptmeister Danilo Grund (Mitte).
„Das Wort ist unsere beste Waffe“, sagt Hauptmeister Danilo Grund (Mitte). © Marko Förster
Hauptmeisterin Lange richtet den Fahrradhelm von Rentner Albert Jäger.
Hauptmeisterin Lange richtet den Fahrradhelm von Rentner Albert Jäger. © Marko Förster

Der Einsatz ist so ziemlich der erste, den hiesige Polizisten mit Elektrofahrrädern bestreiten. Die beiden Fahrzeuge der Marke Kalkhoff, lackiert und beklebt wie richtige Streifenwagen, sind die einzigen im ganzen Landkreis. Vorigen Herbst hatte die Polizeiverwaltung acht E-Bikes für die Polizeidirektion angeschafft. Die meisten wurden der Verkehrspolizei in Dresden übergeben. Von den Revieren hatte nur Pirna Bedarf gemeldet. Im Februar dieses Jahres kamen die neuen Dienstvehikel an.

Claudia Lange und Danilo Grund sind heute in die Sättel gestiegen, extra für den Reporter. Normalerweise säßen die beiden Polizeihauptmeister längst im Streifenwagen, würden Autos kontrollieren, Unfälle bearbeiten oder Ladendiebstähle aufnehmen. Es gibt viel zu tun für die Polizei zwischen Heidenau und Reinhardtsdorf, zwischen Bad Gottleuba und Lohmen. Da bleibt kaum Zeit für eine Runde mit dem dynamischen Dienstfahrrad. Demonstrativ schaltet Hauptmeisterin Lange an einem der Räder den Bordcomputer ein. Kilometerstand? 4,05. „Das sagt alles.“

Die Polizeidirektion sieht die Elektroräder, Stückpreis um die 3 000 Euro, nicht als Ersatz für die Streifentätigkeit im Funkwagen, sondern als Ausrüstungsalternative im polizeilichen „Besteckkasten“. Die Räder sollen bei Kotrollen des Radverkehrs und bei Einsätzen in schwierigem Gelände von Vorteil sein, schon allein deshalb, weil sie dank Elektromotor schneller unterwegs sind. Außerdem, das zeige die Erfahrung, käme es bei Radfahrern besser an, wenn sie von ebenfalls Rad fahrenden Polizisten kontrolliert würden.

Der Neugierige auf der Brücke ist jedenfalls ganz einsichtig. Klingel und Katzenaugen will er anbauen, spätestens nach dem nächsten Ersten, wenn er wieder Geld hat, sagt er. Hauptmeister Grund warnt ihn: „Ich kann mir Gesichter merken.“ Für diesmal lässt er Sanktionen stecken. Was nützt es, wenn der Radler Strafe zahlt? Lieber soll er in ein verkehrssicheres Rad investieren. Dass das Fahrzeug nicht etwa geklaut ist, prüft der Polizist sicherheitshalber nach. Er funkt die Rahmennummer an die Zentrale. Aber alles okay – das Rad ist sauber.

Fahrradklau spielt eine große Rolle im Beritt der beiden Polizisten. Bestimmt lassen sich Raddiebe leichter verfolgen, wenn man selbst auf einem Rad sitzt, sagen sie. Dass der Elektromotor ein großer Vorteil wäre, bezweifeln sie aber. Bei 25 Stundenkilometern stellt das Aggregat nämlich den Dienst ein. Wer schneller fahren will, muss alleine kurbeln. Das ist anstrengend, denn E-Bikes sind ziemlich schwer.

Claudia Lange fährt privat viel Fahrrad, zügig und weit. Ins Böhmische hinein oder auf den Borsberg treibt die 38-Jährige ihr Mountainbike. Für sie sind hundert Kilometer am Stück kein Problem. Die E-Bikes sieht sie bei älteren Kollegen besser aufgehoben, etwa bei den Bürgerpolizisten. Einer von ihnen ist Kommissar Andreas Hutzel, ein Pirnaer Original. Täglich durchstreift der stadtbekannte Schutzmann das Zentrum. Vorhin, im Revierhof, hat er die Elektrofahrräder für eine Zigarettenlänge gemustert. Er geht lieber zu Fuß, hat er gesagt. „Da kriegt man mehr mit.“

Auf der Pirnaer Stadtbrücke ist die Elektrofahrradstreife hochwillkommen. „Es ist allerallerallerhöchste Zeit, dass ihr hier seid“, sagt der betagte Fußgänger Dieter Götz. Er fühlt sich von rüpelhaften Radlern bedrängt, die den kombinierten Fuß- und Radweg falsch herum benutzen. „Wenn da jemand mit dem Kinderwagen läuft, dann klingeln die sogar noch!“

Die Polizisten kennen das Problem. Nur ein paar Augenblicke, da stoppen sie schon den ersten Falschradler. Noch im Sattel sitzend, beginnt der alte Herr fürchterlich zu schimpfen. Eine Sauerei seien die Zustände hier, poltert er, und deutet auf den Radweg gegenüber, den er eigentlich benutzen müsste, den er aber für viel zu schmal hält. In seinem Alter fühlt er sich dort unsicher. 85 ist er, hat Kriegsbomben und einen Beinahe-Absturz im Segelflugzeug überstanden. Er hat keine Lust, jetzt noch vom Bordstein zu rutschen. „Dann liege ich unterm Auto und bin mausetot!“

Claudia Lange versucht es mit einem Lächeln. Lächeln, die Leute „sich runterreden“ lassen – das funktioniert meistens. „Wir wollen Ihnen doch nichts Böses“, sagt sie zu dem alten Herrn. Trotzdem dauert es eine Weile, bis der sich einigermaßen beruhigt hat und auch ein kleines Lächeln aufsetzt. Dass die Polizei, so wie er, auf dem Elektrofahrrad unterwegs ist, findet er in Ordnung. „Dann können Sie rasende Fahrradflüchtlinge besser verfolgen.“ Er selbst nimmt immer Rücksicht, sagt er. Strafe zahlen muss er nicht, aber den Rest des Weges schieben. Er tut es, unter Protest. An Falschfahrern ist kein Mangel. Erst ermahnen die Beamten zwei Touristen, dann einen Herrn mit Kappe und Schnauzer, dann einen jungen Flüchtling. Auch bei ihm keine Reflektoren, weder in den Speichen noch in den Pedalen. „Muss?“, fragt er ungläubig? „Muss!“, sagt Claudia Lange. Und die Stöpsel im Ohr? Ist da Musik drauf? „Sie müssen den Verkehr hören“, belehrt sie den Burschen. Der nickt eifrig und sucht schiebend das Weite. Ob er die Lektion verstanden hat?

Die Beamten drehen noch eine Runde auf dem Elberadweg. Polizei ist man hier nicht gewöhnt. Das bloße Erscheinen des Duos bewirkt, dass zwei Rennradler brav die Hand raushalten. „Das hätten die sonst nie gemacht“, sagt Claudia Lange. Sie lacht in sich rein. Die Sonne lacht auch. Was gibt es Schöneres, als an so einem Tag mit dem Radel unterwegs zu sein, fragt die Polizistin. Doch die Streife unter Strom ist aus. Zurück zum Revier geht es für die beiden. Ihr Streifenwagen wartet schon.