merken
PLUS Bautzen

Bautzen: Senf-Mitarbeiter fordern West-Löhne

30 Jahre nach der Wende verdienen die Kollegen in Bayern immer noch 700 Euro mehr. Das bringt die Beschäftigten auf die Palme - und zum Streik vors Werktor.

Fordern eine Angleichung ihrer Löhne ans West-Niveau: Mitarbeiter von Bautz'ner Senf streiken vorm Werk in Kleinwelka.
Fordern eine Angleichung ihrer Löhne ans West-Niveau: Mitarbeiter von Bautz'ner Senf streiken vorm Werk in Kleinwelka. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Mitarbeiter der Bautz’ner Senf und Feinkost GmbH im Ortsteil Kleinwelka sind sauer. Auf Plakaten machen sie ihrem Ärger Luft. „Ich kann gar nicht so schlecht arbeiten, wie ich bezahlt werde“, ist auf einem zu lesen. Seit Schichtbeginn um 4.30 Uhr haben die Beschäftigten an diesem Donnerstag ihre Arbeit niedergelegt. Das soll auch bis Schichtende um 23.30 Uhr so bleiben.

Die Mitarbeiter und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) haben zwei Forderungen, erklärt NGG-Verhandlungsführer Olaf Klenke. „Es geht um die Lohnangleichung und darum, dass die untere Lohngruppe mindestens zwölf Euro pro Stunde verdienen muss.“ Die Angleichung soll schrittweise erfolgen, sagt Volkmar Heinrich, NGG-Geschäftsführer für Dresden-Chemnitz. „Die Arbeitgeber müssen bereit sein, darüber zu reden."

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Oppacher füllt Heimat in Flaschen ab und überzeugt seine Kunden mit regionalem Mineralwasser in ausgezeichneter Qualität.

Arbeitgeber: Forderung ist maßlos

Doch ob es dazu kommt, ist derzeit höchst fraglich. Der Sächsische Arbeitgeberverband Nahrung und Genuss (SANG), zu dem auch der Bautzener Mutterkonzern Develey Senf und Feinkost aus Bayern gehört, erklärte erst am Dienstag in einer Pressemitteilung: „Die Forderung der NGG ist ebenso unrealistisch wie maßlos. Solch eine Tarifpolitik, welche auf Konflikt statt Konsens setzt, gefährdet leichtfertig Unternehmen und Arbeitsplätze.“ Die Mitteilung schließt mit dem Satz: „Eine Einigung scheint aktuell in weite Ferne gerückt zu sein.“

Laut NGG sind die Lohnunterschiede rund 30 Jahre nach der Wende nach wie vor viel zu groß. „In Bayern verdient ein Beschäftigter brutto über 700 Euro, in Düsseldorf sogar über 800 Euro mehr als seine Kollegen hier in Bautzen. Und das oft bei 38 statt 40 Stunden Wochenarbeitszeit“, so Olaf Klenke. Sowohl der Löwensenf in Düsseldorf als auch Bautz’ner Senf in der Oberlausitz sind Marken von Develey aus Bayern: „Senf braucht Heimat“, heißt es auf der Homepage des Mutterkonzerns.

Mitarbeiter brauchen dagegen faire Löhne, findet Phillip Zimmer, der bei Bautz’ner Senf im Lager arbeitet. „Wir sind jetzt knapp 30 Jahre ein Betrieb, aber der Lohnunterschied bleibt. Mit meinem jetzigen Lohn wäre es schwierig, eine Familie zu ernähren.“ In Düsseldorf bekäme der junge Mann sechs Euro mehr – pro Stunde.

Über 90 Prozent der 52 Mitarbeiter in Bautzen beteiligen sich laut NGG an dem Streik. Phillip Zimmers Kollegen aus dem Lager sind auch dabei. Der Großteil kommt aber aus der Produktion wie Christine Schulze. Die Betriebsratsvorsitzende ist optimistisch und hält die Forderungen für umsetzbar. „Wir machen gern unsere Arbeit, aber das muss auch anerkannt werden.“ Diese Anerkennung drücke sich eben auch im Gehalt aus.

Unterstützung bekommen die Beschäftigten am Donnerstagmorgen von Caren Lay, Bundestagsabgeordnete der Linken aus der Region. „Ich finde es richtig, dass Ihr hier kämpft. 30 Jahre nach der Wende muss es gleiche Löhne in Ost und West geben“, ruft sie den Beschäftigten zu.

Gewerkschaft: Angebot nicht akzeptabel

Dafür spricht auch der offenbar gute Absatz.Laut Develey führe man in den ostdeutschen Bundesländern „mit Bautz'ner mit mehr als 70 Prozent Marktanteil das Ranking der Senf-Marken an und ist auch national betrachtet die meistgekaufte Senfmarke“. In Bayern habe man einen Anteil von rund 20 Prozent beim mittelscharfen Senf.

Auch Volkmar Heinrich von der NGG weiß, dass Bautz’ner Senf offenbar genug Auslastung hat. Kurzarbeit habe es in den vergangenen Wochen nicht gegeben. „Hier wurde die ganze Zeit gearbeitet.“ Dass der Betriebsleiter vor dem Streik versucht habe, Mitarbeiter einzuschüchtern, spreche für sich. Ebenso inakzeptabel sei das bisherige Angebot des Arbeitgeberverbandes.

Auf Anfrage von Sächsische.de erklärte Unternehmenssprecher Volker Leonhardi, dass man sich „aus Rücksicht auf die laufenden Verhandlungen“ nicht äußern möchte.

Der SANG war bereit, die Tarifentgelte in diesem März um drei und im kommenden März um zwei Prozent zu erhöhen. Dass sei aber keine Angleichung, heißt es von der NGG. Diese ist bereit, nach einem ersten Warnstreik bei Bautz’ner Senf im März und dem jetzigen Streik weitere Aktionen in der Ernährungsindustrie zu organisieren. Bereits am Dienstag hatten die Beschäftigten des Tiefkühlwerks Frosta in Lommatzsch und des Cargill-Ölwerks in Riesa ihre Arbeit niedergelegt.

Dieser Beitrag wurde am 11. Juni 2020, 15 Uhr, aktualisiert. 

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen